Der Januar war ein mieser Verräter

UNKOMMOD ⋅
04. Februar 2018, 05:17
Blanca Imboden

Wie hatte ich mich auf den Jahres­anfang gefreut. Ich starte neue Jahre immer voller Energie, Euphorie, Optimismus. Ich mag den Januar. Der Duft der unbeschränkten Möglichkeiten kitzelt meine Nase. Der Januar 2018 war leider ein mieser Verräter. Er nahm mir meinen liebsten Menschen, meinen Lebenspartner Hans, der 34 Jahre lang an meiner Seite war. Er starb an einem Herzstillstand, plötzlich, unerwartet. Ich bin in mein ganz persönliches Januarloch gefallen.

«Wir leben in einer Welt, in der man leider nicht über den Tod spricht. Und dann steht man plötzlich davor, und es bricht über einen herein», wurde Sängerin Nena kürzlich in dieser Zeitung zitiert. Genau. Es brach heftig über mich herein. Und es bricht noch immer. Jeden Tag. Gut, dass ich nie alleine war und bin. Ich habe Familie und Freunde. Aber natürlich ist man in seiner Trauer letztendlich doch ganz allein.

Ich durfte eine grosse Anteilnahme erfahren. Beileidsbekundungen erreichten mich über alle Kanäle. Das tat mir gut, half mir beim Weinen, beim Trauern. Zu Hause füllte sich eine Kiste mit Karten und Briefen. Jede Zeile, jedes Wort, las ich auch deshalb mit grossem Interesse, weil ich mich selber immer schwer damit tue, jemandem mein Beileid auszudrücken. Es gibt Situationen, da reicht unser Wortschatz fast nicht mehr aus. Trösten ist eine verdammt schwierige Disziplin.

Natürlich geht alles vorbei, wird alles mit der Zeit leichter, heilt Zeit alle Wunden, jedenfalls fast alle. Selbstverständlich muss ich vorwärtsschauen, die Erinnerung hochhalten, leben die Toten in unseren Herzen weiter. Und weiter?

Ich suchte in den vielen liebevollen Briefen nach dem einen Satz, der mir tatsächlich Trost geben könnte, glaubte allerdings nicht daran, ihn zu finden. Und dann las ich einen Satz, der mein Herz besonders berührte. Orlanda Senn, die in Brunnen eine Praxis für Chinesische Medizin führt, schrieb mir: «Mit Dankbarkeit kann man alle negativen oder schweren Emotionen reduzieren.» Stimmt genau. Das wusste die Chinesin in mir offenbar schon. Vielleicht bin ich deshalb nicht zusammengebrochen. Ich bin voller Dankbarkeit. Randvoll. Ich hatte 34 gute Jahre mit Hans und bin reich an Erinnerungen. Hans durfte so sterben, wie er es sich gewünscht hatte, nämlich wie Udo Jürgens: Er brach auf einem Spaziergang zusammen. Dankbarkeit ist eine Wunderwaffe. Ich hatte es hier schon einmal geschrieben: Wer dankbar ist, kommt automatisch in eine positivere Stimmung, weil man nicht griesgrämig und grantig dankbar sein kann.

Und da ich immer wieder mutig behaupte, Pippi Langstrumpf sei mein Vorbild, möchte ich noch kurz diesen Dialog wiedergeben. Annika jammert ängstlich: «Der Sturm wird immer stärker.» Worauf Pippi voller Selbstvertrauen antwortet: «Das macht nichts. Ich auch.» In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Selbstvertrauen. Und Stärke.

Blanca Imboden


Leserkommentare

Anzeige: