Die bescheidene Königin

OPER ⋅ Seit fast fünf Jahrzehnten steht Edita Gruberova auf der Bühne, und ist, noch immer, eine eindrucksvolle Sängerin. Heute feiert sie ihren 70. Geburtstag.
23. Dezember 2016, 10:02
Rolf App

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@tagblatt.ch

Schuld ist der Pfarrer von Raca, wo sie in der Nähe der slowakischen Hauptstadt Bratislava aufgewachsen ist. Er hört die Stimme der fünfzehnjährigen Edita Gruberova und ist verblüfft. «Du musst Sängerin werden», sagt er zu ihr. Sie aber fragt sich: «Kann man denn damit Geld verdienen?» Ja, man kann. Heute feiert die Koloratursopranistin ihren 70. Geburtstag, und noch immer verdient sie Geld mit dem Singen. Gewiss, sie achtet darauf, ihre Stimme nicht zu überfordern, sucht ihre Rollen genau aus, und sie gönnt sich längere Pausen in ihrem Haus in der Nähe von ­Zürich. Aber noch immer gibt es Fans, die ihr von Auftritt zu Auftritt folgen. So hat sie es letztes Jahr bei einem Gespräch in der Garderobe des Theaters St. Gallen erzählt, wo sie Ende Oktober ein Galakonzert gegeben hat.

Die Stimme und das Charisma

Die Fans haben Grund. Da ist diese Stimme, die sich scheinbar mühelos in die Höhe schwingt, kraftvoll und zart zugleich, ex­trem flexibel und mit nie nachlassender Intensität. Da ist das Charisma, das sie von der ersten Sekunde an ausstrahlt, und ihre ganz besondere Beziehung zum Publikum. Und da ist schliesslich ihre Bereitschaft, tief in ihre Figuren hinabzusteigen, sie auch emotional auszufüllen.

Im Gespräch kommt noch ein weiterer Wesenszug zum Vorschein: Edita Gruberovas ausgeprägte Bescheidenheit und ihre Bodenständigkeit. Gern arbeitet sie im Garten. Hier findet sie Ruhe, hier memoriert sie ihre Partien. Denn Singen, das ist harte Arbeit, auch wenn man mit einer schönen, hohen Naturstimme beschenkt worden ist wie sie. Hart ist auch ihr Weg. Ihr deutschstämmiger Vater ist den kommunistischen Machthabern von Anfang an verdächtig. Trotzdem: Rat und Hilfe des Pfarrers tragen Früchte, Edita geht die ersten Schritte in ihrer Sängerinnenlaufbahn. Als 1968 die Russen die Tschechoslowakei besetzen, fällt ein Studium in Leningrad ins Wasser, dafür findet sie Anstellung am Theater von Banská Bystrica. Und sie darf an der Wiener Staatsoper vorsingen. Edita Gruberova wählt die erste Arie der Königin der Nacht aus Mozarts «Zauberflöte». Als sie das hohe F ganz mühelos erreicht, dreht sich der scheinbar uninteressierte Staatsoperndirektor um. Sie hat den Vertrag.

Ein Start mit kleinen und kleinsten Rollen

Doch die Arbeit beginnt erst. Die Familie zieht, nein: flüchtet, nach Wien. Edita Gruberova heiratet, wird Mutter, bekommt später noch eine zweite Tochter. Ihr Mann kann im Westen nie so recht Fuss fassen, sie trennen sich. Und obwohl sie sich durch Auftritte andernorts empfiehlt, vertraut ihr die Staatsoper lange nur kleine und kleinste Rollen an. Die Geduld der von Natur aus ungeduldigen Frau wird extrem auf die Probe gestellt.

Aber, sagt sie: «Ich bin damals nie auf den Gedanken gekommen, dass ich das mit dem Singen lieber sein lasse. Im Gegenteil – ich wusste: Irgendwann wird meine Zeit kommen. Auch wenn die Frustration gross war, ich mich erniedrigt und zurückgestuft fühlte, viel Unsicherheit gespürt und oft vor Verzweiflung geweint habe. Es war eben nicht so wie heute, wenn die jungen Sängerinnen mit Pfauenfedern kommen und meinen, ihnen gehöre die Welt.»

Das Jahr beginnt mit Bellini und Donizetti

In ihrer Wiener Schattenexistenz findet Edita Gruberova ihre wichtigste Lehrerin Ruthilde Boesch. Sie findet Förderer unter den Dirigenten, wird beachtet von den Kritikern und geliebt vom Publikum. Und sie findet ihr Repertoire. Das fängt an mit der Zerbinetta von Richard Strauss, und mit den Opern Vincenzo Bellinis und Gaetano Donizettis findet Edita Gruberova ihr eigentliches Königreich – den Belcanto. Mit ihrer Fähigkeit, Koloraturen zu singen – rasch aufeinander folgende Verzierungen –, ist sie prädestiniert dazu. Auch das kommende Jahr beginnt sie mit diesen Komponisten: Im Februar singt sie in Warschau Bellinis «Norma», im April in München die Elisabetta in Donizettis «Roberto Devereux».


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