Das Spital wird zur Glaubensfrage

APPENZELL ⋅ Der Innerrhoder Grosse Rat will definitiv ein neues Spital. Der Rat hat den Kredit von 41 Millionen Franken gutgeheissen. Umstritten bleibt, ob das Spital eine Bettenstation haben soll. Das letzte Wort hat die Landsgemeinde.
05. Februar 2018, 18:43
Roger Fuchs
Gegenseitige Überzeugungsarbeit sieht anders aus: Wer sich einmal für das Ambulante Versorgungszentrum Plus (AVZ+) anstelle des heutigen Spitals in Appenzell entschieden hat, ist bei seiner Meinung geblieben. Ebenso die Gegner. Das Stimmenverhältnis am Schluss der zweiten Lesung ist exakt gleich ausgefallen wie nach der ersten Lesung: 37 Mitglieder des Innerrhoder Grossen Rats sind für den 41-Millionen-Franken-Kredit, 10 dagegen. Drei Stunden lang wurden an der Session vom Montag nochmals Argumente ausgetauscht. Umstritten bleibt die Bettenstation, für welche sich Standeskommission und Spitalrat stark machen. «Der Gegenwert mit Bettenstation in Relation zum Risiko ist in besserem Verhältnis und politisch besser zu verantworten», so Frau Statthalter Antonia Fässler. Die Gegner mögen nicht daran glauben. «Es gibt Alternativen einer besseren Gesundheitsversorgung, die mehr Rücksicht nimmt auf die Bedürfnisse der Bevölkerung», sagte Grossrat Christoph Keller. Beispielsweise könnte ein AVZ (also ohne Bettenstation) ans heutige Bürgerheim oder Alters- und Pflegezentrum angeschlossen werden.

Grossrätin Monika Rüegg Bless unterstützt dies: Es brauche eine sinnvolle Anbindung der Altersmedizin an ein AVZ. Schnell weitete sich die Diskussion aus: Vom Belegarztsystem über Fallzahlen, Krankenkassenprämien, Operationsqualitäten, Umnutzung der bestehenden Bauten, Arbeitsplätzen bis hin zur Generationensolidarität wurde alles debattiert. Das Fazit: So einfach die Abstimmungsfrage, so komplex die Antwort.
 

Angst vor einer "dicken roten Null"

Ratsmitglied Ueli Manser beispielsweise unterstützt ein AVZ+ mit der Begründung, dass man mit neuer Infrastruktur auch gute Ärzte anziehen würde. Leuchtturmprojekte brauchten Herzblut, meinte Grossrat Ruedi Eberle. «Leuchttürme» hätte Innerrhoden zu dem gemacht, was es heute sei. Grossrätin Vreni Kölbener nimmt die Jungen in die Pflicht: Oft unterstütze die ältere Generation Projekte, von denen die Jungen profitieren könnten; konkret erwähnte sie die Sportanlagen Schaies. Jetzt sei das Umgekehrte gefragt. Die Grossräte Karl Schönenberger und Martin Breitenmoser holten in der zweiten Diskussionshälfte zum Gegenschlag aus: Schönenberger befürchtet eine dicke rote Null. Auch störte er sich daran, wie die Aufwände in der Rechnung abgebildet werden. Breitenmoser vermisst Transparenz bei den Risiken. Es stimme nicht, dass ein Neubau die Unabhängigkeit bewahre, schon heute sei man von aussen abhängig. Frau Statthalter Fässler hielt dagegen, dass es für die Belegärzte keine Wohnsitzpflicht gebe.

Apropos Belegärzte: 29 sind es am Spital Appenzell. Ratsmitglied Jakob Signer rechnete die Anzahl Operationen auf die Belegärzte herunter und schloss daraus, dass es ausser in der Orthopädie für die einzelnen Ärzte nicht sonderlich viele Fälle gibt. «Risikoverteilung sieht anders aus», so Signer. Fässler entgegnete, dass die Belegärzte auch andernorts tätig seien. Folglich könne man aufgrund der Fallzahlen nicht auf die Qualität schliessen.

Der 41-Millionen-Franken Kredit für ein AVZ+ scheint damit zu einer eigentlichen Glaubensfrage zu werden. Oder wie es Grossrätin Angela Koller ausdrückte: Die einen sehen ein AVZ mit Bettenstation primär als Chance, die anderen als Risiko – wobei weder Gegner noch Befürworter die Entwicklung der zahlreichen Faktoren im Gesundheitswesen mit absoluter Sicherheit vorhersehen könnten. Das letzte Wort hat die Landsgemeinde.

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