Poetisch und virtuos

INNERRHODEN ⋅ Der irische Weltklasse-Pianist Barry Douglas begeisterte in der Appenzeller Ziegelhütte mit Meisterwerken von Tschaikowsky, Schubert, Brahms und eigenen Arrangements keltisch-irischer Volksmelodien.
05. Februar 2018, 10:41

Ein Musikerlebnis par excellence schenkte der aus Irland stammende 57-jährige Starpianist Barry Douglas einem enthusiastischen Publikum in der Ziegelhütte mit einem aussergewöhnlichen klassisch-romantischen Konzertprogramm. Dieser Spitzenkönner der internationalen Pianisten-Szene wurde in der Ziegelhütte schon vor sechs Jahren stürmisch gefeiert und löste am Freitag bei einem Solo-Rezital erneut Beifallsjubel aus.

Diesmal spielte er Meisterwerke romantisch-klassischer Programmmusik und – unter dem Titel «Irish folk airs and dances» – eigene Arrangements von Volksweisen aus seiner Heimat. Es war eines der besonderen Solokonzerte, die durch exquisite Programmwahl und überragen-de Qualitäten des Interpreten das Publikum fesselte. Barry Douglas – souverän auswendig spielend – überzeugte sowohl als sensibler Klavierpoet wie auch als exzellenter Virtuose mit spieltechnischer Brillanz und hoher musikalischer Kompetenz sowie durch Authentizität und Strahlkraft. Er identifizierte sich voll mit der Gefühlswelt der farbigen, romantischen Musik von Tschaikowskys grossem Klavierzyklus «Die Jahreszeiten», der drei tiefsinnigen Intermezzi op. 117 von Johannes Brahms und von Franz Schuberts grandioser «Wanderer»-Fantasie.
 

«Jahreszeiten»-Zyklus mit beeindruckenden Bildern

Schon bei den ersten Bildern des «Jahreszeiten»-Zyklus zog er das Publikum ganz in seinen Bann. Tschaikowsky – von der jahreszeitlichen Naturszene inspiriert – widmete den Monaten des Jahres je ein charakteristisches Klavierstück. Dieses dreiviertelstündige Kaleidoskop romantischer Melodik und zündender Rhythmik bot eine Fülle und einen bunten Wechsel gefälliger Melodien, fröhlicher Tänze und typischer Naturstimmungen. Dem Solisten gelang es überzeugend, bei den zwölf poetischen Stimmungsbildern die vergangene bürgerliche Atmosphäre und Gefühlswelt wieder aufleben zu lassen, bezaubernde Klangwirkungen zu erzielen und melodiöse Glanzlichter anzuzünden. Von den «Monats»-Bildern beeindruckten vor allem das turbulente Volksfest im ­Karneval, das Frühlingslied der Lerche, die «Barkarole», die herrschaftliche Jagd und die klingelnde «Troika»-Fahrt. Den Jahresreigen beschloss ein schwungvoller Konzertwalzer.

Exklusive Gustostücke präsentierte der Pianist den Zuhörerinnen und Zuhörern mit reiz­vollen eigenen Arrangements keltischer Volkslieder und Tanzweisen. Sehr beeindruckend die lyrisch-elegischen Stimmungen, die stürmischen Tanzrhythmen und die mystische Klangwelt. Bei den drei Brahms-Intermezzi op. 117 – auf Gedichten aus Herders «Stimmen der Völker» basierend – kamen vor allem die sanfte Elegie, die tiefe Melancholie und die Traurigkeit, aber auch die heftigen Gefühlsausbrüche berührend zum Tragen. Der vereinsamte alternde Brahms hatte diese Kompositionen «Wiegenlieder meiner Schmerzen» genannt. Sein überragendes virtuoses Können und seine subtile Musikalität spielte Barry Douglas dann besonders bei der mitreissenden Gestaltung der epochalen «Wanderer-Fantasie» von Franz Schubert aus und hielt dabei Konzentration und Spannung in allen Sätzen durch. Im vollgriffigen Kopfsatz glänzte er mit viel pianistischem Brio. Grossartig zelebrierte er die wunderschönen Variationen im traumhaften «Adagio». Das übermütige «Scherzo» führte mit entfesselten Rhythmen und hämmernden Akkorden zum virtuosen Finale, das in arpeggienrauschenden Schlusssteigerungen effektvoll ausklang. Mit einem stimmungsvollen Konzertstück von Rachmaninow und einer melancholischen irischen Abschiedsmelodie bedankte sich der Künstler für die Standing Ovations.

 

Ferdinand Ortner

redaktion@appenzellerzeitung.ch


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