Von den Spikes zur WM-Bronze

MOUNTAINBIKE ⋅ Im Alter von 28 Jahren hat Thomas Litscher, Ehrengast der Rheintaler Sportlerwahl, letzten September in Australien WM-Bronze gewonnen. Der Thaler war als Jugendlicher früh erfolgreich, als Erwachsener erlebte er aber eine lange Leidensgeschichte.
03. Februar 2018, 05:18
Yves Solenthaler

Yves Solenthaler

Als ich Thomas Litscher zum ersten Mal begegnet bin, war er 12 oder 13 Jahre alt. Seine Erfolge und mithin sein Talent waren schon unübersehbar. Was mir von dieser ersten Begegnung geblieben ist, war seine Hingabe fürs Biken, die für einen so jungen Menschen aussergewöhnlich war.

Der Teenager sass am Küchentisch im elterlichen Haus im Schlegel in Thal. Die Eltern, die früher als Wirtsleute gearbeitet hatten, stammen nicht aus dem Radsport. Sie ergänzten die Aussagen ihres Sohnes hie und da, hauptsächlich liessen sie Thomas erzählen. Haften geblieben ist, die spürbare Leidenschaft des Teenagers – und vor allem seine Erzählung, dass er im Winter von Hand Spikes in die Reifen schlägt, um im Schnee und auf Glatteis seinem Hobby zu frönen.

Der KV-Lehrling fuhr allen Konkurrenten davon

Damals gewann Thomas Litscher noch regionale und auch schon nationale Bikerennen. Mit 17 Jahren machte er sich schnell auch bei der internationalen Konkurrenz einen Namen. Der KV-Lehrling der Gemeinde Thal wurde Junioren-Weltmeister (2007) und gewann nach dem Lehrabschluss im U23-Championat Bronze (2009) und Silber (2010).

2011 stand die Heim-WM in Champéry VS auf dem Programm, der mittlerweile 22-Jährige war im ersten Jahr Profi und reiste mit einem klar formulierten Ziel an diese Titelkämpfe: WM-Gold. Er fuhr im Weltcup bereits in der Elite und hatte in dieser Saison viermal die Top 10 erreicht.

Litscher war der grosse WM-Favorit – und er wurde dieser Rolle souverän gerecht: Überlegen gewann er das Rennen. In Verlegenheit kam er erst kurz nach der Zieldurchfahrt, als er einer Radiojournalistin von Radio Télé­vision Suisse ein Interview auf Französisch geben musste.

Am Abend sagte der damalige Swiss-Cycling-Präsident Melchior Ehrler an der Medaillen­feier in einem Unterwalliser Chalet: «Thomas Litscher ist eines der grössten Talente im Schweizer Radsport.» Das sahen auch Beobachter anderer Länder so. Vor fünf Jahren bekam Litscher einen Vertrag beim grossen Team Multivan-Merida, für das bereits der spanische Champion José Antonio Merida und die mehrfache Weltmeisterin Gunn-Rita Dahle aus Norwegen fuhren.

Bei der Verpflichtung schrieb das deutsche Team auf seiner Homepage, aus Thomas Litscher einen Elite-Weltmeister im olympischen Cross Country formen zu wollen.

Dazu kam’s nie. Als Elitefahrer fing die Leidensgeschichte des Thomas L. an. Immer wieder verhinderten Verletzungen und Krankheiten seinen Durchbruch zur Weltspitze. Zwar fuhr er mit einer Ausnahme in jeder Saison in mindestens einem Weltcuprennen in die Top 10, konstant konnte er sich aber nie an der Spitze etablieren.

«Ein junger Profi braucht Führung», sagte Thomas Litscher am Mittwoch im Interview mit Albert Koller, «ich bin sehr ehrgeizig gewesen und hätte einen Trainer gebraucht, der mich bremste.» Hatte er aber nicht, und deshalb reagierte er mit noch mehr Training auf die ausbleibenden Resultate: «Dadurch habe ich meinem Körper auf Jahre hinaus Schaden zugefügt.»

Im Herbst vor knapp eineinhalb Jahren traf ich Thomas Litscher erneut im Unterwallis, am Rande der Swiss Epic in Verbier. Sein Team hatte sich soeben zurückgezogen und er für die Saison 2017 noch keinen neuen Arbeitgeber gefunden.

Eine trostlose Situation. Aber überraschenderweise hörte sich das, was Litscher sagte, optimistischer an als das meiste in den letzten Jahren: «Wenn es sein muss, fahre ich auf eigene Rechnung weiter.»

Es musste sein: Litscher fand kein neues Weltcup-Team. Er konnte sich aber dem Nachwuchsteam jb-Brunex Felt anschliessen. Dort musste er zwar seine Sponsoren selbst suchen, bekam aber technische Unterstützung an den Weltcuprennen.

Das familiäre Ambiente im Team und seine Bedeutung als Teamleader behagten ihm besser als der Druck, der vom grossen deutschen Team ausging. Die Weltcupsaison verlief aber vorerst wieder zwiespältig: Litscher zeigte gute Ansätze, technische Pannen verhinderten aber entsprechende Resultate. Und Mitte Saison machte ihm wieder eine Entzündung zu schaffen.

Der nun erfahrene Profi behielt die Ruhe, er legte eine kurze Pause ein – und schaffte diesmal die Wende. Mit einem elften und sechsten Platz in den zwei letzten Weltcuprennen schaffte er, erst zum zweiten Mal als Elitefahrer, die WM-Qualifikation.

Zwei starke Weltcuprennen vor der WM-Medaille

Von diesem Selbstvertrauen beflügelt, fuhr er in Cairns (Aus­tralien) fast das gesamte Rennen an der Seite der Topstars Nino Schurter und Jaroslav Kulhavy. Erst kurz vor dem Ziel liess er die beiden ziehen, aber das störte ihn nicht: «Die WM-Bronzemedaille fühlt sich für mich golden an», sagte er nach dem Triumph, den er selbst nicht erwartet hatte.

Inzwischen gab es aber Momente, in denen er dachte, dass im WM-Rennen mehr möglich gewesen wäre. Diese Gedanken verscheucht er schnell: «In der letzten Runde ging es mir darum, die Bronzemedaille zu sichern. Wenn ich wegen eines Defekts Vierter geworden wäre, hätte ich mich im Dschungel Australiens verkriechen müssen.»

Ich sass an diesem Samstag, 9. September, am frühen Morgen daheim vor dem TV-Apparat. Noch nie hat mich ein Erfolg eines Athleten, über den ich als Reporter berichte, so gerührt wie Thomas Litschers verblüffende Medaillenfahrt.

Der Bub mit den selbst gebastelten Spikes kam mir in den Sinn. Er ist an der Weltspitze angekommen.


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