«Schwul sein ist keine Qualifikation»

OSTSCHWEIZ ⋅ Wenn es um sexuelle Gesundheit geht, ist die Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell die wichtigste Anlaufstelle in der Ostschweiz. Präsident Nils Rickert über Geschlechtskrankheiten, die Trägheit der Kantonalpolitik und sein eigenes Coming-out.
19. Mai 2017, 09:40
Marcel Elsener, Andri Rostetter

Marcel Elsener, Andri Rostetter

ostschweiz@tagblatt.ch

Nils Rickert, warum übernehmen Sie das Präsidium der Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell? Ein Umweltverband hätte weniger überrascht.

Die Aids-Hilfe ist auf mich zugekommen. Ich verfolge die Kernthemen des Vereins seit längerem, vor allem den MSM-Aspekt, also Männer, die Sex mit Männern haben. Deshalb war ich sofort sehr interessiert. Ich bin stets auf der ­Suche nach einem ausserberuflichen Engagement, bei dem ich etwas bewirken kann. Tatsächlich hätte es auch eine Funktion bei einem Umweltverband oder im Heimatschutz sein können.

Was macht Sie denn zur geeigneten Person für diese Charge?

Ich kann einen Mix von Kompetenzen und Erfahrungen einbringen. Erstens in der Kommunikation: Die Fachstelle ist noch zu wenig bekannt. Die meisten haben von der Aids-Hilfe gehört, aber die wenigsten wissen, was wir alles leisten. Zweitens die politische Vernetzung. Zwar ist bereits SP-Kantonsrätin Jacqueline Schneider im Vorstand, doch da wir viele Leistungen im Auftrag der Kantone erbringen, kann weiteres Politwissen helfen. Drittens habe ich als schwuler Mann eine Nähe zu einem Teil der Themen. Wobei ich einschränken muss: Homosexualität ist nur ein Teilbereich, ein grosser Teil unserer Arbeit ist allgemeine sexuelle Aufklärung.

 

Bei der Aids-Hilfe sind zwei schwule St.Galler Politiker ans Ruder gekommen – auf schweizerischer Ebene Regierungsrat Martin Klöti, in der Region Sie als Ex-Kantonsrat.

Das ist eher ein Zufall. Schwul zu sein ist per se keine Qualifikation. Mit mir zusammen sind zwei Frauen in den Vorstand gewählt worden, und das ist gut so. Schwule sind mittlerweile bei der Aids-Hilfe in der Minderheit. Klar gibt und braucht es für die MSM-Thematik eine schwule Komponente, aber ein solches Gremium muss wild durchmischt sein.

In der Öffentlichkeit ist Aids kaum noch ein Thema, die Fallzahlen sind so tief wie nie in den letzten 30 Jahren. Ist die Aids-Hilfe ein Anachronismus?

Nein, es braucht sie, eben weil sie ein breitgefächertes Angebot macht. So sind wir als Grundversorger mit jährlich 378 Schulbesuchen die wichtigste Organisation zu den Themen sexuelle Gesundheit und Coming-out von homosexuellen Menschen in der Schule. Nicht umsonst heisst unser Angebot Fachstelle für Aids- und Sexualfragen. Die Coming-out-Beratung ist gefragt, da hat sich die Nachfrage in den letzten Jahren verdoppelt.

Ist das Leben für junge Schwule und Lesben in der Ostschweiz besser geworden?

Wenn man unter seinem Umfeld leidet und nicht nach Zürich ausweichen kann, ist die ländliche Ostschweiz sicher schwierig. Es gibt in St.Gallen keine Szene, besser gesagt Community, im Unterschied zu Zürich, Bern, Basel, Genf oder Lausanne. In grösseren Städten siehst du, was sich tut, du kannst leichter einsteigen. Global betrachtet, sind wir aber in der Schweiz in einer sehr privilegierten Lage. Das heisst nicht, dass die Situation im Einzelfall nicht schwierig bleibt und sich viele nicht getrauen, sich zu outen.

Die Sensibilität für Homosexualität hat insgesamt zugenommen, aber immer wieder flackert auch die Homophobie neu auf.

Bei allen Verbesserungen geht die Homophobie leider nicht weg. Was die Akzeptanz von transsexuellen Menschen angeht, stecken wir noch in den Kinderschuhen. Und trotz der offener gewor­denen Gesellschaft bleibt es für viele schwierig, zu ihrer Neigung zu stehen. Denn viele Jugendliche haben ein konservatives persönliches Umfeld. Als Jugendlicher zu merken, dass man schwul, lesbisch oder gar transsexuell ist, bleibt eine enorme Belastung und führt nicht selten zu Suizidgefährdungen.

Heikel ist die Situation für Migrantinnen und Migranten mit strenggläubiger Herkunft.

Wir haben ein Programm für Migranten und eines für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Sicher ist die Situation je nach Migrationsumfeld speziell belastet. Aber ich will das nicht überbewerten, denn wir haben gleichzeitig in der Ostschweiz viele evangelikale Bewegungen wie die ICF, modern verpackt, aber erzkonservativ. Einige von diesen gelten als homophob. Wer in diesem Umfeld aufwächst, hat es ähnlich schwer wie in, sagen wir, mittelentwickelten Ländern.

Welchen Stellenwert hat die HIV-Prävention heute?

HIV-Prävention und die Unterstützung von Menschen mit HIV bleibt wichtig. Unser Hauptangebot in der Prävention gilt nebst HIV Hepatitis, Chlamydien, Syphilis und Tripper. Diese «klassischen» Geschlechtskrankheiten sind am Steigen, da müssen wir kommunikativ also viel aufholen. Was viele Leute nicht wissen: Ein Kondom schützt vor HIV, jedoch nicht oder nur beschränkt vor anderen Krankheiten.

 

Was haben Sie als grösste Baustelle ausgemacht?

Wir sind in allen Bereichen gut aufgestellt. In der Sexualpädagogik sind wir sehr stark ausgelastet, Wachstum ist kaum mehr möglich. Eine Schwachstelle ist sicher die Information breiter Kreise, auch in der Medienarbeit. National sind die Bereiche ja getrennt: Aids-Hilfe für Risikogruppen, sexuelle Gesundheit für «Normalgruppen». Wir sind bei beiden Organisationen Mitglied und machen diesen Unterschied nicht. Das müssen wir besser kommunizieren, auch eine Namensänderung steht immer mal wieder zur Diskussion.

 

Ihr eigenes Coming-out erlebten Sie erst nach dem Studium an der HSG.

Das hatte weniger mit dem gesellschaftlichen als mit meinem persönlichen Umfeld zu tun. Ich wurde ja grundsätzlich nach dem Motto «Zwei Kinder, vier Hunde» – oder umgekehrt – sozialisiert und meinte auch, dass man Kinder will und hat. Als ich vor bald 20 Jahren mein Coming-out hatte, war das damals noch gleichzeitig der Entscheid, keine Kinder zu haben. Nun sieht das besser aus, wenn auch das Adoptionsrecht strittig bleibt. Mich als schwul zu outen war für mich ein längerer, belastender Prozess.

Ist das Aids-Hilfe-Präsidium ein Trostpreis, nachdem es mit dem Kantonsrat und dem Stadtrat in Rapperswil-Jona nicht geklappt hat?

Ach was. Ich bin nach wie vor politisch aktiv, unter anderem als Vizepräsident der GLP-Kantonalpartei. Diese Partei füllt eine wichtige Lücke, ich glaube an sie. Jüngste Studien zeigen, dass es uns in der Mitte braucht: CVP und BDP stürzen gesamtschweizerisch weiter ab, nur wir können unser Niveau halten.

Sie waren doch schon mal in einer untergegangenen Kleinpartei …

… 1997 rutschte ich als LdU-Kandidat im Wahlkreis Rorschach in den Kantonsrat nach. Die Partei implodierte bei den Wahlen 2000. Dann zog ich nach Zürich und war zehn Jahre lang nicht aktiv in der Politik. Erst als ich wegen meines damaligen Freundes und heutigen Ehemannes nach Rapperswil-Jona zog, wurde die Politik wieder aktuell.

Sehen Sie den Kantonsrat mit anderen Augen, seit Sie weg sind?

Manchmal bin ich froh, dass ich nicht mehr dabei bin. Etwa, wenn zwei Tage lang jedes Detail der Rechnung beraten wird. Noch etwas zum Trostpflaster: Für mich war klar, dass ich 20 Prozent meiner Zeit etwas ausserhalb des Jobs machen will. Insofern war ich nach der Abwahl schon auf der Suche nach einer Aufgabe. Ich habe zuerst für den Stadtrat kandidiert, und erst dann kam die Anfrage der Aids-Hilfe. Und als Präsident der Aids-Hilfe habe ich deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Die Politik ist da träger. Das heisst aber nicht, dass ich nie wieder für ein Amt kandidieren werde.

Ihr grösster Erfolg war das Referendum gegen das Raumplanungs­gesetz. Was war Ihr grösster Ärger?

Die Spitaldiskussion. Alles drehte sich um Grabs und Altstätten, Wattwil schlüpfte einfach so durch. Ich habe damals die Chance verpasst, die regionalpolitisch begründete Investition ins Spital Wattwil stärker in Frage zu stellen. Wenn Wattwil so gebaut wird wie geplant, wird das Wil mittelfristig belasten. Wil wird Wattwil quersubventionieren müssen. Da habe ich mich, wie meistens, vor allem über mich selber geärgert: Ich machte taktische und andere Fehler.

 

Am Sonntag wählt Rapperswil-Jona noch einmal. Kommt es gut?

Das Wichtigste ist, dass die Stadt wieder eine funktionierende Regierung erhält, in der im Team gearbeitet und nicht in­trigiert wird. Die nächsten Jahre werden schwierig bleiben, das Misstrauen in der Bevölkerung ist nicht überwunden. Manchmal scheint mir, dass wir die zweitreichste Stadt sind, aber die schlechteste Stimmung im Kanton haben. Ich fühle mich aber sauwohl dort.


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