So trainiert das Sonderkommando der St.Galler Stadtpolizei

EXKLUSIV ⋅ Die Grenadiere der Stadtpolizei rücken immer dann aus, wenn es besonders heikel wird. Im Ernstfall muss jeder Griff sitzen, denn nicht selten geht’s um Leben und Tod.
08. Februar 2018, 20:09
Luca Ghiselli
Der bitterkalte Winterabend ist weit fortgeschritten, als zwei Kastenwägen vor einem Mehrfamilienhaus in der St.Galler Innenstadt halten. Die Schneeflocken fallen langsam vom Himmel, ein leichter Wind weht durch den Innenhof. Stockdunkel ist es, sowohl im Haus als auch draussen. Man will kein Aufsehen erregen. Aus den Einsatzwägen steigen maskierte Polizisten aus, treten ins Treppenhaus ein und besprechen sich.

Das Haus steht seit geraumer Zeit leer, soll bald abgerissen werden. Und die Beamten sind Mitglieder der Sondereinheit STEP der Stadtpolizei St.Gallen. Die Abkürzung steht für spezielle, taktische Einsätze der Polizei. Seit über 40 Jahren gibt es die Grenadier-Einheit. Gegründet wurde sie 1975, als sich Anschläge, Entführungen und politische Morde in Europa häuften. Heute sind es zwar nicht mehr die RAF oder die Brigate Rosse, die Angst und Schrecken verbreiten. Sicherer sind die Zeiten aber auch nicht geworden. Insbesondere die Terrorgefahr wird nach wie vor als erhöht eingeschätzt. Und so besteht STEP bis heute. Die Sondereinheit bestreitet rund 20 bis 25 Einsätze pro Jahr. Die schwer bewaffneten und speziell geschulten Polizisten kommen immer dann zum Einsatz, wenn es besonders brenzlig wird: Bei Amokgefahr, risikoreichen Verhaftungen, Geiselnahmen und Entführungen. Auch als Personenschützer sind die Grenadiere im Einsatz – am WEF in Davos zum Beispiel.

(Luca Ghiselli)


 

Flüsternd und auf leisen Sohlen

In einem Raum im Erdgeschoss leuchtet ein Scheinwerfer. Das Zimmer dient als Treffpunkt vor und nach einer Übungseinheit. Die Sondereinheit probt in dem leer stehenden Haus verschiedene Szenarien. Zunächst geht es ganz langsam. Mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln dringen die Beamten über das Treppenhaus in die Wohnung im ersten Obergeschoss ein. Flüsternd teilt einer der Männer mit, was er auf einem Monitor von der Wohnung erkennen kann.

«Dieses langsame Vorgehen empfiehlt sich, wenn man erhebliche Bedrohungen in einem Objekt vermutet», sagt Stadtpolizei-Sprecher Dionys Widmer. Dabei könne es sich zum Beispiel um Sprengsätze oder bewaffnete Personen handeln. Nachdem alle Räume mit Hilfe eines Roboters durchsucht wurden, stürmen die Beamten schliesslich hinein. Es fallen Schüsse aus Trainingswaffen, die zu Übungszwecken dienen, den echten nachgebildet sind, aber mit Plastikkugeln schiessen. Nach knapp 40 Minuten ruft der Instruktor «Übung halt!», die angespannte Stimmung lockert sich ein wenig. Es geht zurück ins Erdgeschoss, zur Nachbesprechung. Was lief gut, was ging schief? Diese Fragen werden bei den Übungen von STEP sofort besprochen.

Die Sondereinheit der Stadtpolizei St.Gallen übt in einer Liegenschaft an der Haldenstrasse. (Bilder: Michel Canonica)


 

Anonymität ist hohes Gebot

Tragische Ernstfälle wie jener in Rehetobel vor etwas mehr als einem Jahr, als zwei Beamte von einem Amokschützen schwer verletzt wurden, wollen geprobt sein. Denn wenn es so weit kommt, muss alles passen. Mehrmals pro Jahr üben die Grenadiere der Stadtpolizei in diesem Rahmen. Die Einheit ist nach dem Milizsystem zusammengesetzt. Alle, die hier im Einsatz sind, arbeiten auch als gewöhnliche Stadtpolizisten. Anonym zu bleiben, ist der Einheit wichtig. Sie bleiben stets vermummt. Nach einer kurzen Lagebesprechung folgt der zweite Teil des Übungsabends. Nun geht es schnell. Was zuvor auf leisen Sohlen und flüsternd vor sich ging, dauert nun nur wenige Sekunden. Die Grenadiere stürmen mit schwerem Gerät in den ersten Stock, treten die Wohnungstüre ein, schwärmen in die einzelnen Zimmer aus. Wieder laute Rufe, wieder Schüsse aus den Trainingswaffen, wieder «Übung halt!». Wie im Film, nur echt.

Rund anderthalb Stunden dauert die ganze Übungseinheit. Die Beamten verlassen das leerstehende Haus danach so unauffällig, wie sie es betreten hatten. Die beiden Kastenwägen fahren in die Nacht. Und schon am nächsten Morgen erinnert hier nichts mehr an die filmreifen Szenen.

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