«Vergessen werden wir die Tat nie»

SALEZ ⋅ Die Feuerwehrleute und Polizisten, die in Salez nach der Attacke im Zug im Einsatz waren, konnten das Geschehen zwar verarbeiten, vergessen werden sie die Bilder allerdings nie.
12. August 2017, 05:17
Katharina Rutz

Katharina Rutz

katharina.rutz@wundo.ch

Morgen Sonntag jährt sich die Gewalttat von Salez. Bei der Attacke in einem Regionalzug der Südostbahn kamen drei Personen ums Leben: zwei Frauen im Alter von 17 und 34 Jahren und der 27-jährige Täter. Der Täter hatte im Zug eine brennbare Flüssigkeit ausgeschüttet und angezündet sowie seine Opfer mit einem Messer angegriffen. Wenige Minuten nachdem der brennende Waggon in Salez einfuhr, war auch die Feuerwehr Sennwald mit einer 25-köpfigen Mannschaft auf dem Platz. «Der Einsatz am Samstag war einer der schlimmsten. Wir haben schreckliche Bilder ge­sehen. Diese müssen wir nun ­verarbeiten», sagte der Kommandant Jürg Wohlwend in der Woche nach der Gewalttat gegenüber dem W&O.

Ein Jahr später haben er und ­seine Mannschaft die Ereignisse verarbeitet, auch wenn sie deshalb nicht in Vergessenheit ge­raten sind. «Die schrecklichen Bilder sind in den Hintergrund getreten, aber wir vergessen die Tat nie ganz», sagt er. Bei jedem Attentat, von dem er aus den Medien erfährt, kommen auch bei ihm die Bilder wieder hoch. «Doch genauso wie die Bilder ­abgerufen werden, kann ich sie auch wieder ablegen.» Mit den Helfern, welche die immer wieder auftretenden Attentate bewältigen müssen, könne er jedoch sehr gut mitfühlen.

Immer wieder gefragt, wie es geht

Nachdem der Einsatz am 13. August 2016 vorbei war, gab es eine Nachbesprechung für die Feuerwehrleute im Depot. Danach hielt Jürg Wohlwend den Kontakt per Telefon oder SMS mit seinen Feuerwehrleuten aufrecht. An der nächsten Löschzugübung gab es erneut eine Besprechung zusammen mit einer Delegation der Polizei und der Gemeinde. «Wir erhielten nochmals lobende Worte für unseren Einsatz. Die Helfenden wurden zudem von Regierungsrat Fredy Fässler persönlich angeschrieben», erzählt Jürg Wohlwend. Danach blieb die Gewalttat Thema an Einsätzen und Übungen. Es gab auch laufend viele Anfragen von Schweizer Medien. «Diese habe ich irgendwann nicht mehr beantwortet, ich musste Ruhe schaffen», erinnert sich der Feuerwehrkommandant. Irgendwann hat er bei seinen Kollegen auch nicht mehr nachgefragt, wie es ginge.

Heute hat niemand aus der Feuerwehr Sennwald mehr Probleme mit dem Erlebten. Ein Angehöriger der Feuerwehr musste zwar noch etwas länger als die anderen Hilfe in Anspruch nehmen. Im Nachhinein haben ihn die Vorfälle aber gestärkt. «Heute ist diese Person ein ausgezeichneter Feuerwehrmann, mit einem sehr grossen Drang zu helfen und dies auch an vorderster Front», sagt Wohlwend. Gekündigt hat nach der Gewalttat aus der Feuerwehr niemand, im Gegenteil. «Dieses Erlebnis hat uns zusammen­geschweisst und uns gestärkt. Denn wir wissen nun, dass wir stark genug sind, auch ein so schlimmes Ereignis zu bewäl­tigen», sagt der Feuerwehrkommandant. Heute wollen seine Feuerwehrleute helfen, und zwar dort, wo es am schlimmsten ist. «Ich habe jeweils fast zu viele Freiwillige für die vorderste Front», sagt Jürg Wohlwend.

Rückblickend, sagt der Feuerwehrkommandant, würde er den Einsatz genau gleich machen. Das übliche Vorgehen habe sich auch bei diesem Einsatz bewährt.

Ein Ereignis von grosser Tragik

Auch für die Angehörigen der Kantonspolizei war das Ereignis in Salez von grosser Tragik. «Auch wenn die Bilder und das Erlebte nicht mehr omnipräsent sind, dieses Delikt ist unter den Mitarbeitenden immer wieder ein Diskussionsthema», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen. Der grösste Teil der involvierten Polizistinnen und Polizisten habe den Einsatz und die schrecklichen ­Bilder relativ rasch verarbeitet. Bei einzelnen habe dies etwas länger gedauert. «Zum heutigen Zeitpunkt darf man sagen, dass der Einsatz grösstenteils abschliessend bearbeitet ist – vergessen werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Gewalttat jedoch nie», sagt Hanspeter Krüsi.

Neben der fachmännischen psychologischen Hilfe, die den Polizisten in solchen Fällen zur Verfügung steht, verfügt die Kantonspolizei St.Gallen über eine Peers-­Organisation. Diese besteht aus speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitar­beitern der Polizei. «Die Peers kommen auf den Plan, wenn ­Mitarbeitende in eine belastende Situation geraten sind, wie dies in Salez sicherlich auch der Fall war», so Krüsi. Die Peers versuchen bereits in einer sehr frühen Phase, die Betroffenheit der involvierten Mitarbeitenden zu erkennen und in Gesprächen herauszufinden, wie die Betroffenen unterstützt werden können. «Die Betreuung durch die Peers wurde über alles gesehen intensiv genutzt. Die Unterstützung der Mitarbeitenden war im Fall von Salez, wie auch in ähnlichen Fällen, sehr ­individuell. Vom einmaligen ­Einzelgespräch bis zu mehrfach durchgeführten Gruppengesprächen wurde alles genutzt», sagt Hanspeter Krüsi.

Die Erkenntnisse aus diesem ausserordentlichen Ereignis flossen auch in die weitere sicherheitspolizeiliche Ausbildung ein. So hat die Kantonspolizei das ­Sanitätsmaterial in den Fahr­zeugen erweitert und die Mitarbeitenden in dessen An­wendung geschult. «Dies er­folgte auf Wunsch der Polizistinnen und Polizisten», sagt Hanspeter Krüsi. «Rückblickend muss aber gesagt werden, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Salez eine hervorragende Arbeit geleistet haben.»


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