Diesen Apfel gibt es nur in Niederhelfenschwil

SORTE VON NATIONALER BEDEUTUNG ⋅ Was für die Stadt Wil der Mandelfisch, ist für die Gemeinde Niederhelfenschwil der Beeriapfel. Ihn gibt es sonst nirgendwo in der Schweiz. Die Äpfel sind neuerdings eine Sorte von nationaler Bedeutung. Kaufen kann man sie aber trotzdem nicht.
05. Februar 2018, 05:17
Simon Dudle

Simon Dudle

simon.dudle@wilerzeitung.ch

"Wir sind stolz auf unseren Beeriapfel", sagt Patricia Juen. Die Gemeinderätin von Niederhelfenschwil besitzt selber Hochstämmer mit dieser Apfelsorte. Auch wenn der Beeriapfel ausserhalb von landwirtschaftlichen Kreisen und jenseits der Gemeindegrenzen wenig bekannt ist, hat er eine lange Geschichte. Erstmals erwähnt wurde er vor genau zwei Jahrhunderten im Jahr 1817. Darum gibt es heute in der Gemeinde viele alte Bäume dieser Apfelsorte. In den vergangenen drei bis vier Jahren seien allerdings auch Bäume angepflanzt worden, weiss Juen. Alleine 2016 und 2017 waren es rund 70. Derzeit gibt es gar eine Warteliste. Denn die Finanzierung erfolgt teilweise auch durch die Gemeinde Nieder­helfenschwil.

Dass der Beeriapfel in den vergangenen Jahren beliebter wurde, ist kein Zufall. Denn im Rahmen der Landwirtschaftlichen Vernetzung Niederhelfenschwil (LVN) ist beschlossen worden, die Apfelsorte veredeln zu lassen. Der Beeriapfel wurde von Agroscope in Wädenswil unter anderem auf Viren untersucht. Tatsächlich fand man einige. Durch eine sogenannte Thermobehandlung wurde die Sorte wieder virusfrei gemacht. Auf Wunsch und mit Geldern der Gemeinde Niederhelfenschwil wurde der Beeriapfel in den sogenannten Nuklearstock von Agroscope aufgenommen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von gesunden Obstsorten (siehe Infokasten unten).
 

Robust gegen den Feuerbrand

Nun hat das Bundesamt für Landwirtschaft den Beeriapfel, der seinen Namen der erdbeerähnlichen Farbe verdankt, zu einer Sorte von nationaler Bedeutung befördert. "Im Rahmen eines nationalen Aktionsplans hat das Amt Tausende Obstsorten genetisch untersuchen und vergleichen lassen. Dabei stellte sich heraus, dass der Nieder­helfenschwiler Beeriapfel mit keiner anderen Sorte identisch ist. Somit ist er innerhalb der Schweiz einmalig. Er wurde von uns als erhaltenswert eingestuft", sagt Jürg Jordi, Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW). Der Niederhelfenschwiler Apfel ist somit Teil der Nationalen Genbank PGREL.

Doch was zeichnet den Beeriapfel eigentlich aus? Er ist mittelgross, rot gefärbt und eignet sich als Tafel- wie auch als Mostobst. Der Baum ist schwach wachsend und der Ertrag tritt erst nach zehn bis zwölf Jahren ein. In den Mostereien erhielten die Einlieferer früher einen Spezialpreis. Der Apfel wurde wegen seiner hohen Qualität jahrzehntelang in der Klassifikation des Schweizerischen Obstverbandes geführt. "Der Beeriapfel hat sich in den von uns finanzierten Tests als recht robust gegenüber dem Feuerbrand erwiesen", sagt Jordi.

Kaufen kann man ihn laut Juen aber nirgends. Wer also ein Exemplar kosten will, muss sich bei den Landwirten Niederhelfenschwils erkundigen. Oder man hat Glück und Gastgeber Ambros Wirth serviert im Restaurant Schlössli in St. Gallen ein Apfelsorbet oder eine Süssmostcrème aus Niederhelfenschwiler Beeriäpfeln. "Es lohnt sich, für den Erhalt des Apfels zu kämpfen. Möglichst viele Leute sollen merken, dass bei uns etwas geht", sagt Gemeinderätin Juen.
 

Nuklearstock für Obstgehölze

Der Nuklearstock von Agroscope in Wädenswil hat nichts mit Atomenergie, Kernwaffen oder Genmanipulation zu tun. Er beherbergt mindestens je eine Pflanze von den Obstsorten, die in der Schweiz von Bedeutung sind. Im Nuklearstock gedeihen zur Zeit rund 140 Apfelsorten, 40 Birnen-, 45 Kirschen-, 30 Zwetschgen-, 18 Aprikosen-, 1 Pfirsich- und 5 Quittensorten. Auf diese Art wird die Bereitstellung und die Produktion von gesunden, sortengeprüften und anerkannten Vorstufenedelreisern ermöglicht. Dies ist das Ausgangsmaterial für zertifizierte Obst-Jungpflanzen. Die rund 280 Obstsorten befinden sich in einem insektensicheren Haus, das so gross ist wie ein halbes Fussballfeld. (red)


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