Eine Premiere im «Chäller»

WIL ⋅ Mit einer Lesung setzte das Team des Chällertheaters Wil einen Kontrapunkt zu den sonst konzertanten oder komödianten Abenden. Dem Publikum wurde am Freitagabend kein gewöhnlicher Literat vorgestellt.
05. Februar 2018, 10:39
Michael Hug

Michael Hug

redaktion@wilerzeitung.ch

Er schreibt zwar, nämlich Songtexte und gelegentlich auch Kolumnen. Aber wahrgenommen wird Endo Anaconda normalerweise als Sänger und Bandleader der Berner Band Stiller Has. Natürlich weiss man, dass Anaconda auch Bücher veröffentlicht hat, drei bisher. Doch gelesen haben sie in der Ostschweiz wohl nur die Wenigsten, geschweige denn den Autor lesend erlebt.

Anaconda sagte dann auch, dass er zum ersten Mal überhaupt in Wil und zudem erfreut sei, dass «wörkllech vill Lütt si da hie». Eine Floskel zur Begrüssung, denn niemand, am wenigsten wohl er selber, erwartete, dass niemand oder nur sehr wenige «Lütt» kommen würden. Der «Chäller» war ausverkauft.
 

Trockene Schere und eine Entschuldigung

Zur Begrüssung fügte er einen trockenen Scherz dazu: «Ä Läsig isch schwiriger, will me ganz ällei isch und mit nimmerem schimpfe cha. Aber es hätt ou dä Vorteul, dassme d’Gasche ned teile mues.» Mit trockenen Scherzen, nüchternen Beobachtungen aus dem Alltag und tiefschwarzen Abgründen ging es sanft und zügig los. Aber nicht bevor sich der Star des Abends noch über den Verkehr auf der Autobahn am Feierabend, über Drängler und Lamborghini-Fahrer ausliess, sowie eine etwas umständliche Entschuldigung von sich gab, warum er seinen Hut nicht vom Kopf nehmen würde: «Will i han ä blöde Gring, ä flache Hingerchopf. Aber im Ungerschiid zum Chris von Rohr hani Haar.»

Warum Fahrersitze von Occasionsautos so grauslig seien, fragte er sich in seinem ersten Text aus «Sofareisen». Die Antwort dazu fand er einst im eigenen Auto, als er hinter einem Pferdefuhrwerk fahren musste: «Diese Gäule haben es gut, sie können überall.» Und schon war wieder Stau, man sieht sich gegenseitig beim Nasenbohren zu und füllt die leere Rivella-Flasche mit Eigenurin. Soll ja gesund sein, sagt, beziehungsweise liest Endo Anaconda aus einem selbst geschriebenen Text. Das Kapitel heisst denn auch «Uriella statt Rivella» – so schnell sind esoterisch anrüchige Verhaltensweisen erklärt. Und das Publikum im «Chäller» lacht.
 

Trotz dem Stier hasst er Salzburg

Anaconda mit seiner basstiefen Stimme erklärt in trockenem Stil seine kleine Welt. Die da in Bern ist, im Emmental, in Klagenfurt, wo seine Mutter herkommt, aber in Salzburg, wo er einst mit dem Stillen Has den Kleinkunstpreis «Salzburger Stier» abgeholt hat und wo er unlängst mit ebendiesem Stillen Has zur Unterhaltung der jüngsten Preisübergabe eingeladen wurde. Nur, Salzburg möge er deswegen nicht besser, ganz im Gegenteil: «Ich hasse Salzburg.»

Schon Minuten später finden sich die Zuhörenden im Berner Lorraine-Quartier wieder, wo man auf Schwergewichte wie ihn und schwergewichtige Jung-SVP-Politiker trifft, die mit ihren gigantisch grossen Geländefahrzeugen keinen Parkplatz finden, «es sei denn, sie würden den Jeep hochkant parkieren». Wie der Titel des Buches «Weiterfahren» fährt Anaconda sein Publikum weiter nächtens durch Bern, nimmt es mit in namentlich genannte Bars und Spelunken zu einem Glas Mineral oder ein Gin, zeigt ihm prosaisch die Stelle unter der Brücke, wo die toten Elstern beim Blutturm dürre Tänze tanzen.


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