Mit Kohle gegen Schadstoffe

REGION ⋅ Die Kläranlage Oberglatt ist in die Jahre gekommen. Sie muss erweitert und an die neusten Anforderungen angepasst werden. Die Bürger von Flawil, Degersheim und Gossau entscheiden darüber.
07. Februar 2018, 05:18
Angelina Donati

Angelina Donati

 

«Abwasserreinigung ist ein Thema, das uns alle betrifft», leitet Fritz Wüthrich vom Kuster + Hager Ingenieurbüro St. Gallen ein. Das Grüppchen, das sich am Montagabend im Lindensaal in Flawil eingefunden hat, um den Ausbauplänen der ARA Oberglatt zu lauschen, ist überschaubar. Wie komplex das Thema ist, unterstreichen die vielen Fragen, die im Anschluss gestellt werden.

Fakt ist, dass die Abwasserreinigungsanlage (ARA) Oberglatt an ihre Betriebskapazitäten stösst. Der letzte Ausbau wurde zwischen 1999 und 2003 getätigt. Betrieben wird die Anlage gemeinsam von den Gemeinden Flawil, Degersheim und der Stadt Gossau. Um das Abwasser auch künftig genügend reinigen zu können, muss die Anlage um eine biologische Reinigungsstufe erweitert werden. Allerdings muss sie auch in punkto Reinigungsleistung nachgerüstet werden. Seit zwei Jahren verlangt der Bund, Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser zu eliminieren. Darunter ist eine Vielzahl von Substanzen zusammengefasst. «Etwa Medikamente, Kosmetika oder Reinigungsmittel», sagt Fritz Wüthrich. «Über 3300 Chemikalien sind in der Schweiz im Umlauf.» Erschreckend sei auch die Tatsache, dass Tabletten nach wie vor einfach in die Toilette geworfen und weggespült werden. «Dabei könnten sie in der Drogerie oder Apotheke abgegeben werden», sagt Wüthrich im Nachgang an die Versammlung. Eine anwesende Apothekerin pflichtet ihm bei, sagt aber auch, dass der Ansatz bereits bei der Abgabe der Medikamente liegen sollte. So würden Patienten oft zu viele oder unpassende Medikamente erhalten, die sie im Endeffekt nicht einnehmen.

Spurenstoffe bis zu 80 Prozent beseitigen

Mit modernen Messmethoden ist in der ARA Oberglatt festgestellt worden, dass die Mikroverunreinigungen die Gewässerökologie beeinflussen und sie sich auch im Grundwasser finden lassen. Noch sind die Auswirkungen auf die Umwelt nicht genau bekannt. Allerdings wurde erkannt, dass gewisse dieser Mikroverunreinigungen störend auf die Fortpflanzung von Fischen wirken. Als Nachrüstung der Anlage sind nun verschiedene Becken nötig. In denen soll das Abwasser mit einer Pulveraktivkohle vermischt werden, welche sich mit den Schadstoffen bindet. Anschliessend wird das Wasser gefiltert und fliesst in die Glatt. Die verbrauchte Kohle wird über die bestehende Schlammbehandlung der ARA entsorgt und danach verbrannt.

Eine Methode, die in der ARA in Herisau bereits seit gut zwei Jahren zum Einsatz kommt. «Dort haben wir damit gute Erfahrungen gemacht», sagt Würthrich. «Die Glatt kann sich erholen, wie Auswertungen zeigen. Auch die Bachforellen haben sich entwickelt.» Rund 80 Prozent der gemessenen Spurenstoffe würden sich mit Aktivkohle beseitigen lassen. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie viel Aktivkohle jährlich nötig sei, schätzt Wüthrich: «100 Tonnen.»

Bund wartet Entscheid der Bürgerversammlungen ab

Das Gesamtprojekt der ARA Oberglatt kostet 20 Millionen Franken. Nach Abzug der Bundessubventionen fallen Nettoinvestitionen von 10,6 Millionen Franken zu Lasten der drei Gemeinden an. «Weil der Bund erst die Entscheide der Bürgerversammlungen abwartet, müssen die Bruttokredite beantragt werden», sagt Reto Gnägi, Geschäftsführer des Abwasserverbandes Flawil-Degersheim-Gossau. Bereits im November hat das Gossauer Stadtparlament den Kredit bewilligt. «Einstimmig», sagt Stadträtin Gaby Krapf. Sie hofft nun, dass diese Abstimmung eine Signalwirkung auf die verbleibenden Gemeinden hat. In Flawil stimmen die Bürger am 4. März darüber ab, in Degersheim am 26. März.


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