Olympische Winterspiele 1972: St.Galler Sportler gehörten zu den Besten der Welt

GOLDRAUSCH ⋅ Als die Schweizer an den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo Medaille um Medaille gewannen, geriet das Land schier aus dem Häuschen. Besonders erfolgreich waren St.Galler Sportler.
09. Februar 2018, 11:59
Daniel Good

Daniel Good

Heute werden in Südkorea die 23. Olympischen Winterspiele eröffnet. Als die Wintersportler im Februar 1972 zum ­ersten Mal in Ostasien gastierten, ent­wickelte sich in der Schweiz eine vorher noch nie gesehene Begeisterung für die Wettkämpfe auf Eis und Schnee. Das hatte mit den Schweizer Erfolgen zu tun. Zehn Medaillen gewann die Schweizer Delegation in Japan, vier davon aus Gold. Nur die damaligen Sport-Supermächte Sowjetunion und DDR waren noch erfolgreicher. Das war Balsam für die Schweizer Sportanhänger nach dem Debakel von Innsbruck 1964 ohne Medaillen.

Der Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi war der Schweizer Star. Der erfolgreichste Landesteil – mit dreimal Gold und zwei Silbermedaillen wahrscheinlich sogar weltweit – war aber die Ostschweiz. Vier der zehn Schweizer Medaillen von Sapporo gingen in den Kanton St.Gallen. Zudem gewann der Thurgauer Hans Leutenegger als Anschieber Gold mit dem Viererbob.

Bernhard Russi gewinnt die Herren-Abfahrt an den olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo. (Youtube)

 

Bruggmann wie Federer und nun Cologna

Noch besser als Russi schnitt die noch nicht einmal 18-jährige, in Flumserberg aufgewachsene Marie-Theres Nadig ab. Sie gewann völlig überraschend Abfahrt und Riesenslalom vor der Weltcup-­Dominatorin Annemarie Pröll. Das hatte vor der Aussenseiterin aus dem Sarganserland nur die Amerikanerin Andrea Lawrence-Mead 1952 in Oslo geschafft. Nadig wurde 1972 Schweizer Sportlerin des Jahres. Sie gewann 1980 in Lake ­Placid in den USA auch noch Olympiabronze in der Abfahrt.

(SRF)

Eine weitere Medaille ins Sarganserland holte 1972 Edy Bruggmann als Zweiter im Riesenslalom. Nach dem ­ersten Durchgang hatte der Rennfahrer aus Flumserberg bloss den zehnten Rang belegt. Die Bewohner des südlichen Teils des Kantons St. Gallen waren während und nach den elften Winterspielen völlig euphorisiert ob der Erfolge von Bruggmann und Nadig.

  • Das Olympia-Märchen beginnt: Die Schweizer Skirennfahrerin Marie-Theres "Maite" Nadig am 5. Februar 1972 bei der Abfahrt. Sie holt Gold.
  • Die zweitklassierte Annemarie Proell (Österreich), links, gratuliert Marie-Theres Nadig zu ihrem Sieg in der Abfahrt, aufgenommen am 5. Februar 1972.
  • Marie-Theres Nadig, Mitte, vor Annemarie Proell (Österreich), links, und Susan Corrock (USA), rechts.

Die Olympischen Winterspiele von 1972 im japanischen Sapporo gehen als "goldene Tage von Sapporo" in die Sportgeschichte ein. Die Schweiz gewinnt viermal Gold, dreimal Silber und dreimal Bronze. Es war der grösste Erfolg aller Zeiten - auch dank des damaligen Präsidenten des Skiverbandes und späteren Bundesrats Adolf Ogi. "Ogis Leute siegen heute" wird zum Motto der Nation. (Bilder: Keystone)

Bruggmann trug 1972 sowohl während der Eröffnungsfeier als auch an der Schlusszeremonie die Schweizer Fahne. Zweifache Schweizer Fahnenträger an Olympischen Spielen sind neben Bruggmann auch Roger Federer und seit heute Dario Cologna. Der 1943 geborene Bruggmann starb 2014 an Leukämie. Er war nach der Ski-Karriere Hotelier.

Marie-Theres Nadig gewinnt an den olympischen Winterspielen in Sapporo die Damen-Abfahrt. (Youtube)

Nadig richtete noch in den 1970er-Jahren im Hotel Bruggmanns ein Sportgeschäft ein. Später war sie Trainerin des Liechtensteiner Nachwuchses. Auch Marco Büchel ging durch ihre Schule. 2004 wurde sie Cheftrainerin der Schweizer Frauen. Parallel zum Skisport spielte Nadig NLA-Fussball.

Der Vogelmensch aus Wildhaus

Im Skispringen hatte die Schweiz bis 1972 nie eine olympische Medaille gewonnen. In Sapporo stand mit Walter Steiner aber ein aussergewöhnliches ­Talent am Start. Vier Tage vor seinem 21. Geburtstag wäre der Wildhauser fast Olympiasieger geworden. Bloss ein Zehntelpunkt fehlte zu Gold. Wegen ­seiner Flugqualitäten wurde Steiner als «Vogelmensch» bezeichnet. Er wanderte nach Schweden aus, lebt seit 1990 in ­Falun und ist mittlerweile ein begeis­terter und erfolgreicher Langläufer.


Immer noch gerne im Rampenlicht steht der aus Bichelsee stammende Hans «Hausi» Leutenegger. Der heutige Multi­millionär hatte sich im Nationalturnen jene Athletik angeeignet, die ihn zu einem erfolgreichen Bob-Anschieber machte. Nach dem Olympiasieg zwang eine doppelte Lungenentzündung Leutenegger zu einem über zweiwöchigen Spital­aufenthalt in Tokio.


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