Hüppi muss den Abwärtstrend bremsen

GEGENTRIBÜNE ⋅ Während Jahrzehnten hat er Fragen gestellt. Nun ist Matthias Hüppi selber die befragte und gefragte Person. Er scheint auch in seiner neuen Rolle nicht auf den Mund gefallen. Nicht nur deswegen hat er es beim FC St.Gallen ein bisschen einfacher als sein Vor-Vorgänger und Bruder Michael.
18. Dezember 2017, 10:21
Fredi Kurth
Es geschah vor ein paar Wochen im Audimax, dem weiten Halbrund der Uni St.Gallen. Matthias Hüppi durfte den IOC-Präsidenten Thomas Bach befragen, der als Gast der HSG-Sportorganisation in der Gallusstadt vorbeischaute. Wohl aus  einem gewissem Respekt vor dem höchsten Sportpolitiker der Welt fiel er seinem Gegenüber kaum einmal ins Wort - Bach durfte sich ausbreiten. Jedenfalls verhielt sich Hüppi ganz anders als im Fernsehstudio, wo er stets eine strikte Gesprächsführung pflegte.

Matthias Hüppi damals irgendwelche näheren Verbindungen zum FC St.Gallen zu prophezeien, schien ebenso utopisch zu sein wie am 13. November, als er an der Generalversammlung der FC St.Gallen AG in Gossau zugegen war. Matthias Hüppi wolle seinem Bruder beim Abschied aus dem Verwaltungsrat ein wenig beistehen, wurde damals vermutet.
 

Bekannt wie Bundesräte

Selber hatte ich den Fernsehmann Matthias Hüppi nicht mehr als St.Galler wahrgenommen - weil er seine Sympathie für die Espen stets perfekt kaschierte, weil er einfach Bildschirmfigur war, die das "Sportpanorama" schwungvoll über die Bühne brachte oder aus der Fernsehkabine im Zielraum das Renngeschehen kommentierte. Die herzliche und umfassende Verabschiedung am Sonntag hat Hüppi verdient. Das ist eben üblich bei Leuten, die sich im inzwischen grossen Bildschirmformat präsentieren. Sie sind ebenso bekannt wie Bundesräte.

Matthias Hüppi hat am Sonntagabend zum letzten Mal die Sendung "Sportpanorama" auf SRF2 moderiert. Für ihn ein sehr emotionaler Moment, wie er im Interview sagte. Hüppi verlässt das Schweizer Fernsehen nach 38 Jahren. Er wird ab Januar 2018 Präsident des FCSG. (Stefan Lanz)

Es war für mich dennoch ein besonderes Gefühl, weil der FC St. Gallen der Auslöser für den Hüppi-Hype war. Auch Bernhard Russi interessiert sich jetzt noch mehr für unsereins, wie letzte Woche zu lesen war - er, der seit einigen Jahren Hüppi zuliebe auch Aktionär des Vereins ist.

  • St.Gallens Roman Buess jubelt mit seinem Teamkollegen Peter Tschernegg.
  • St.Gallens Marco Aratore in Aktion.
  • Sions Bastien Toma versuchte mit vollem Körpereinsatz vor St.Gallens Peter Tschernegg an den Ball zu kommen.

Der FC St.Gallen verabschiedet sich mit einem 3:2 gegen Sion in die Winterpause. Die Espen überwintern mit 27 Punkten definitiv in der vorderen Tabellenhälfte. (Bilder: Keystone)

Die Furgler-Hüppi-Connection

Ja, der Name Hüppi. Er ist eng verknüpft mit dem Namen Furgler. Onkel Martin hatte vor langer Zeit die Fähigkeiten von Matthias richtig eingeschätzt und ihn nach dessen Start beim Radio zum TV-Sport geholt. Die Furglers waren im Grunde Handballer. Martin und Kurt spielten gleich nebenan auf der Kreuzbleiche für St.Otmar in der Nationalliga A. Röbi war lange Zeit Präsident der Sportjournalisten-Vereinigung. Dennoch wurden sie auch angesogen von der Faszination und Ausstrahlung des FC St.Gallen. Martin Furgler war zudem der Autor von "Ein Jahrhundert FC St.Gallen", dem wichtigsten Nachschlagewerk zur Geschichte des ältesten Fussballclubs.

  • Daniel Lopar: Note 4. Klärt stark gegen Schneuwly. Zeigt aber kleine Unsicherheiten beim 1:3 und bei hohen Bällen.
  • Silvan Hefti: Note 4,5. Gewohnt sicher, für einmal braucht es ihn in der Vorwärtsbewegung weniger als auch schon.
  • Alain Wiss: Note 4,5. Ein schwerwiegender Fehlpass, sonst eine sehr souveräne Stütze in der Dreierabwehrkette.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: pd)

Schon vor der GV entschieden

Nun folgt also Matthias Hüppi den Spuren seines Bruders Michael. Die Weichen dazu waren bereits am Morgen vor der GV von Mitte November gestellt. Die alte, zerstrittene Besetzung und Dölf Früh hatten sich fast in letzter Minute auf die Verteilung von dessen Aktienpaket geeinigt. Mit der Aufteilung auf fünf Personen und dem verstärkten Einbezug von Edgar Oehler, der seinen Anteil auf 24,39 Prozent verdoppelte und zum grössten Teilhaber avancierte, zog für die Leute um den damaligen Präsidenten Stefan Hernandez Gefahr auf.
 

FC St.Gallen AG mit Showprogramm

Die jüngen Vorgänge werfen ein Licht auf die relative Bedeutung der FC St.Gallen AG gegenüber der Event AG, in welcher die Verwaltungsräte selbständig entscheiden können und die dank der Aktienmehrheit in der FC St.Gallen AG auch dort das Sagen haben. Sonst müsste nun ja eine ausserordentliche FCSG-GV die Austauschaktion bestätigen. Die neue Aktionärsstruktur des FC St.Gallen.

Die neue Aktionärsstruktur des FC St.Gallen.


Was an neuen Verwaltungsräten und  Hauptaktionären aufgeboten werden konnte, ist beeindruckend: bekannte Leute, mit dem Fussball und dem FC St.Gallen vertraut, die meisten aus der Region. Es scheint, dass sie auch geschlossen auftreten und sich keine neuen Gräben auftun werden.

Darauf deutet die Verschwiegenheit in den zweieinhalb Wochen der Verhandlungen hin; es war nur verdächtig ruhig geworden. Vielleicht wird mit dem Medienmenschen Hüppi auch die Informationspolitik des FC St.Gallen wieder griffiger. Hernandez, sehr bereitwillig, war aus bekannten Gründen gezwungen, sich zu winden und im Banalen zu verharren ("in jedem Unternehmen kommt es zu Personalwechseln").
 

Erinnerung an Frühs Übernahme

Wichtiger ist nun, wie das neue Führungsteam die Probleme anpackt und löst. Ein zusätzliches ist mit den verdächtigen Lohnzahlungen dazugekommen. Dessen ungeachtet kann das neue Team vom Rückenwind profitieren. In der Wucht und in der Aufmerksamkeit der Medien erinnerte die frohe Botschaft stark an die Übernahme durch Dölf Früh, der just Michael Hüppi als Präsident ablöste. Damals ging es um die nackte Existenz des FC St.Gallen. Jetzt ist angesagt, den auf allen Ebenen sichtbaren Abwärtstrend zu bremsen. Matthias Hüppi hat diesbezüglich die bessere Ausgangslage als Michael seinerzeit beim Einzug in die Arena, als die Folgen einer Fehlplanung, des Baus einer zweiten Logenetage, nur durch die finanzielle Rettung von Dölf Früh zu beheben waren.
 

Hüppi wirkt ansteckend

Matthias Hüppis Mut ist beachtlich. Doch er wird nicht von Mut reden, sondern von der reizvollen Herausforderung, die er nach Bernhard Russis Bekunden auch nötig hatte. Er weiss, worauf er sich einlässt. Vielen Präsidenten ist er gegenübergestanden, die irgendwann einmal gescheitert sind, aber auch einigen, die Erfolg hatten. Die Voraussetzungen sind in der Ostschweiz gegeben; es gilt, die Ressourcen zu nutzen. Und Hüppi hat die Energie. Die habe ich ebenso bewundert wie seine sportliche Kompetenz und Redegewandtheit. Die Begeisterung, die er zusammen mit Bernhard Russi auch noch beim 30. Mal Lauberhorn hinüberbrachte – so wie Polo Hofer beim  2000. Mal "Alpenrose", so, als ob es das erste Mal wäre - faszinierte immer wieder. Gerade auf die als brötig geltenden St.Galler dürfte er ansteckend wirken.
 

Aufgefallen

Heftiger Schlussakkord. Ende gut, aber noch nicht alles gut. Immerhin: Das Zehnpunkte-Polster des FC St.Gallen auf den FC Sion lässt sich sehen, und der vierte Platz auch. Zusammen mit dem FC Zürich ist St.Gallen "The Best of the Rest". Mit dem Sieg gegen die Walliser nehmen die St.Galler diese positive Grundstimmung in die Winterpause. Sie soll anspornend wirken, nicht einschläfernd. Fast noch mehr als der eine Halbzeit lang gut und clever spielende FC St.Gallen verblüffte mich der FC Sion. In den ersten 45 Minuten präsentierte er sich wie fast immer als die flaue Mannschaft aus dem Wallis, welche die lange Reise noch in den Beinen hatte. Aber nach der Pause waren das andere Spieler, solche voller Tatendrang und Spielkunst. Ich vermutete, eine Aggressivpille sei ihnen verabreicht oder eine telefonisch vom Präsidenten übermittelte Siegprämie in astronomischer Höhe versprochen worden. Doch Giorgio Contini hat am Montag im "Tagblatt" den Grund für den Umschwung schön mit einer Einwechslung der Walliser erklärt.

Hüppi-Euphorie. Der Überraschungscoup der Hauptaktionäre hat die Fantasie auch in meinem Umfeld beflügelt. Ein Kollege schickte mir einen Vorschlag für eine neue Version des Klubliedes unter dem Titel "Hüppi Hüppi Shake". Dabei lehnte er sich an zwei Varianten des früheren Hits "Hippy Hippy Shake" von Chan Romero beziehungsweise The Swinging Blue Jeans. Ein anderer Kollege übermittelte mir das Wortspiel mit dem "Hüppiventilieren". Aber alles ist wohl gemeint und tut der geschundenen St.Galler Seele gut in diesen Wochen. Alles wird sich bald auch wieder normalisieren. (th)

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