Matthias Hüppi: "Wir müssen freie Bahn haben"

FC ST.GALLEN ⋅ FC St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi nimmt Stellung zur Trennung von Nachwuchschef Marco Otero und sagt, was er in Zukunft von Giorgio Contini erwartet: "Der Trainer hat jetzt die Chance, Format zu beweisen."
24. Januar 2018, 05:20
Patricia Loher, Christian Brägger

Patricia Loher, Christian Brägger

Matthias Hüppi, der FC St. Gallen hat sich von drei Mitarbeitern getrennt. Weshalb mussten ausgerechnet Harry Körner, Benjamin Bubeck und Marco Otero gehen?

Der Entscheid ist aufgrund der Beobachtungen von Alain Sutter und Stefan Wolf im Trainingslager gefallen. Anhand ihrer Analyse kamen wir im Verwaltungsrat auf diese Lösungen. Es war jedoch nicht so, dass jemand einen grossen Bock geschossen hätte, doch müssen wir für den Neustart auf gewissen Positionen Veränderungen vornehmen.

Auch als Zeichen nach aussen, dass die neue Führung die Probleme angeht?

Wir hoffen, wir sind auf dem Weg, die Probleme zu erkennen. Massnahmen auf Stufe Personal sind immer auch Zeichen nach aussen. Ich will aber festhalten: Der Entscheid ist nicht gegen diese drei Personen gerichtet, sondern er wurde im Sinn der Sache gefällt. Zu unseren Ideen haben die drei nicht ganz gepasst.

Hängt das auch mit den menschlichen Werten zusammen, die Sie und Ihre Kollegen propagieren?

Wir stehen in der Pflicht, den FC St. Gallen in eine gute Zukunft zu führen. Wir wollen das umsetzen, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Im Auftrag der Eigentümer, die an uns die Verantwortung delegiert haben, welche wir unabhängig wahrnehmen können.

Hat man denn gespürt, dass Marco Otero polarisiert?

Wenn man von einem Neustart redet, will man ein freies Feld. Darin spielt auch, dass der CEO Event AG und der Sportchef neu sind. Wir sind auch neu. So muss auch im Nachwuchs die Zukunft neu aufgegleist werden. Dort müssen wir aufs Geld schauen. Der Wechsel auf der Position des Technischen Leiters hat aber keine finanziellen Gründe.

Was kosten die drei Entlassungen?

Wir versuchen, das kostenneutral zu halten und die Vakanzen mit bereits Angestellten wie Markus Frei zu füllen.

Kostenneutral? Otero wird noch bis Sommer 2019 auf der Lohnliste sein.

Wir wollen mit ihm eine Lösung finden. Ich gehe davon aus, dass er schnell wieder eine Stelle findet.

Weil er gut ist?

Wenn er seine Fähigkeit voll ins Spiel bringen kann, findet er schnell einen Job.

Was sind denn seine Fähigkeiten?

Er hat ein gutes Auge für den Fussball, trägt diesen im Herzen. Und er gehört auf den Platz. Hier stellt sich zudem die Frage, ob der Technische Leiter, also der Ausbildungschef, nicht ins Büro gehört.

Dennoch: Die Gruppenbildung im FC St. Gallen um Otero hat es gegeben, der Club ist unterwandert.

Ich will, dass der Club unabhängig von äusseren Einflüssen in die Zukunft gehen kann. Wir haben das den Leuten, die hier die Geschicke seit wenigen Jahren leiten, klipp und klar gesagt: «Wir wollen uns von niemandem dreinreden und beeinflussen lassen.» Wir müssen einfach freie Bahn haben. Deshalb haben wir das Recht, neu anzufangen – auf allen wichtigen Positionen.

Das bringt die Frage mit sich, ob die Position von Giorgio Contini geschwächt wurde. Weil auch er mutmasslich zu dieser Gruppe gehörte.

Giorgio Contini hat unser Vertrauen und den Auftrag, die Mannschaft so zu formen, dass sie unserem Publikum Freude bereitet. Damit ist alles gesagt. Er muss seinen eigenen Weg gehen.

Aber er verliert den Physiochef, er verliert einen Assistenztrainer. Ist das nicht ein Misstrauensvotum?

Ich sehe es anders. Er hat jetzt die Chance, Format zu beweisen. Er muss mit den Veränderungen leben, flexibel agieren und nach vorne schauen. Er erhält die Möglichkeit, sein Profil weiter zu schärfen.

Eine Rückkehr Simon Storms wäre wohl ein weiterer Affront gegen Contini. Der Trainer hatte den Physio damals nicht mehr gewollt.

Wir wollen Simon Storm zurück. Es ist gewiss für den Coach nicht einfach, wenn sich sein Umfeld verändert. Aber wir hatten ein gutes Gespräch, wir haben ihm erklärt, weshalb wir so handeln. Es geht darum, die bestmögliche Crew zu haben. Und wenn wir der Meinung sind, dass Storm dazugehört, dann geschieht das aus Überzeugung.

Was passiert, wenn der Trainer mit den Umständen nicht klarkommt?

Wir sind überzeugt, dass er mit dieser Mannschaft noch mehr erreichen kann. Es ist also eine grosse Chance für ihn. Wir sind Vierter, das ist toll. Und jetzt wollen wir noch einen Schritt weitergehen. Und zwar in Bezug auf die Wahrnehmung und Ausstrahlung des Teams, dessen Chef Contini ist. Er muss nun das Feuer in die Mannschaft hineintragen.

Contini wird sich kontrolliert fühlen. Das ist schwierig für einen, der keinen Sportchef neben sich wollte.

Nun hat er aber einen. Und mit Alain Suter erst noch einen, der weiss, was er will. Contini wird spüren, dass ihn starke Figuren um ihn herum nur zusätzlich stärken.

Mit Ferruccio Vanin ist ein Mann noch da, der ebenfalls der Gruppe Otero angehörte. Wieso bleibt er?

Er ist als Verantwortlicher FCO im Amt und wir gehen davon aus, dass er dort das Beste gibt. Wir haben nie gesagt, dass wir mit der Machete alles abholzen wollen. Es gibt viele Aufgaben bei FCO zu erledigen. Und es ist gut, jemanden dort zu haben, der weiss, wie der Hase läuft. Er ist im Amt und hilft dabei, die Strukturen von FCO zu überprüfen und abzuklären, wie wir dort in eine wirtschaftlich gute Zukunft gehen können. Im Moment ist die Organisation zu teuer.

Es war oft zu hören, dass im Nachwuchs hohe Löhne bezahlt werden.

Wir überprüfen das Gesamtbild. Falls nötig, greifen wir korrigierend ein.

Auch die Löhne der Söhne von Donato Blasucci und Ferruccio Vanin sollen höher sein als jene von anderen Nachwuchsspielern.

Zu Verträgen nehme ich keine Stellung. Klar ist: Jeder Nachwuchsspieler ist gleich zu behandeln.

Das war also bis jetzt nicht der Fall?

Wer Alain Sutter und mir genau zuhört, der weiss: Es gibt keine Privilegien. Deshalb habe ich an der Generalversammlung bewusst gesagt, dass jeder Spieler die gleiche Chance erhält, in diesem Team zu spielen – egal, auf welcher Position. Der Cheftrainer entscheidet, wen er aufstellt. Die Nachwuchsleitung bestimmt, wer in den U-Mannschaften eine Stufe weiterkommt. Der Sportchef sagt, welche Spieler beim FC Wil Erfahrungen sammeln sollen. Wir wollen eine gute Zusammenarbeit mit den Partner-Clubs, wir sitzen nicht auf dem hohen Ross.

Sie sagten, dass Sie auch daran gemessen würden, was Sie den Leuten erzählten. So sprachen Sie sich schon gegen Leihverträge aus. Nun kamen Cedric Itten und auch Runar Sigurjonsson auf Leihbasis zum FC St. Gallen. Weshalb?

Itten gehört aus unserer Sicht zu den grössten Talenten im Schweizer Fussball. Er erhielt bis anhin noch nicht die Chance, sich zu beweisen. Er passt in unsere Philosophie, mit jungen Spielern arbeiten zu wollen. Ob daraus eine langfristige Liaison wird, muss sich zeigen. Es würde sicher die Möglichkeit geben, ihn länger zu binden. Bei Sigurjonsson ist klar, zu welchen Bedingungen er bei uns bleiben würde. Wir könnten ihn im Sommer definitiv übernehmen.

Finanziell sah es in St. Gallen schon besser aus. Da könnte man ja auch auf die Idee kommen, Silvan Hefti zu verkaufen. Hat Marco Streller schon angerufen?

Man kann immer auf die Idee kommen, einen Spieler, der sich gut entwickelt, abzugeben. Ich weiss allerdings nichts von einer Anfrage des FC Basel. Ich hoffe, Hefti bleibt. Er ist ein Versprechen, wir wollen ihn weiter für uns begeistern. Irgendwann wird er aber weiterziehen.

Jüngst haben Alain Sutter und Sie ergreifende Reden gehalten. Irgendwann aber könnte sich das aufbrauchen, vor allem bei Erfolglosigkeit.

Wir bereiten nun den Boden für die Mannschaft. Der Druck steigt natürlich. Erwartungshaltungen sind aber auch ein Kompliment, weil man uns etwas zutraut. Klar ist: Wenn wir drei, vier Spiele verlieren, sagen die Leute: Wo ist nun die Euphorie? Doch uns geht es auch darum, den Support der Anhänger und Zuschauer zurückzugewinnen.

Welches Ziel hat der FC St. Gallen für die zweite Saisonhälfte?

Unser Rückstand auf Platz drei beträgt einen Punkt. Aber es ist nicht geschickt, den dritten Rang als Ziel zu definieren. Es geht uns viel mehr um die Art, wie die Mannschaft spielen wird. Ehrlich jetzt. Das ist mir ein riesiges Anliegen. Ich will, dass es in diesem Stadion wieder kocht.
 

Frei übernimmt interimistisch

Der FC St.Gallen hat eine interimistische Lösung für das Amt des Technischen Leiters von Future Champs Ostschweiz (FCO) gefunden. Markus Frei, in den 1980er-Jahren Trainer der St. Galler und Vater von Fabian Frei, wird vorerst die vakante Position besetzen. Der Frauenfelder amtet derzeit als Leiter Partnerschaften/Footeco innerhalb von FCO. Der 65-Jährige hatte früher in diversen SFV-Mannschaften Trainerfunktionen inne. Im Mai 2002 gewann die Schweizer U17 unter Trainer Frei den EM-Titel. Seit Anfang 2016 ist Frei für FCO tätig. (red)


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