130'000 Tonnen Kartoffeln fehlen: Was das für unsere Rösti bedeutet | W&O

Schweiz • vor 58 Minuten

130'000 Tonnen Kartoffeln fehlen: Was das für unsere Rösti bedeutet

Zu klein und viel zu wenige: Hitze und Trockenheit haben den Schweizer Kartoffeln massiv zugesetzt. Die Erträge liegen rund 25 Prozent unter dem üblichen Niveau.

Von Bruno Knellwolf
aktualisiert vor 58 Minuten

Schweizerinnen und Schweizer lieben Kartoffeln. Egal ob als Rösti, Gschwellti, Kartoffelstock, Gratin oder als Pommes frites und Chips. Schon seit viele Jahren essen Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr etwa 45 Kilogramm von der Knolle. Doch dieses Jahr liegen zu kleine Kartoffeln auf unseren Tellern. Schuld daran ist der Hitzesommer.

«Die Trockenheit führte dazu, dass das Kartoffelwachstum geringer war», erklärt Christian Bucher von der Branchenorganisation Swisspatat. Aufgrund der vielen Hitzetage im Sommer sind die Pflanzen nicht weiter gewachsen und erreichten oft nicht die gewohnte Grösse. Lara Stamler von der Vereinigung der Schweizerischen Kartoffelproduzenten erläutert:

Bei Temperaturen über 28 Grad kommt es bei den Pflanzen zu einem Vegetationsstopp.

Noch nie wurden so wenige Kartoffeln geerntet wie in diesem Jahr. Lara Stamler rechnet aufgrund der aktuellen Ertragsschätzungen derzeit mit etwa 25 Prozent tieferen Erträgen als üblich. Dieses Jahr werden nur etwa 30 Tonnen Kartoffeln pro Hektar aus dem Boden geholt, in den letzten fünf Jahren waren es 38 Tonnen. So fehlen gemäss Swisspatat in diesem Jahr 130'000 Tonnen Kartoffeln, die importiert werden müssen, um den Schweizer Kartoffelhunger zu stillen.

Schweizer Selbstversorgungsgrad sinkt

Der Schweizer Selbstversorgungsgrad hinsichtlich Kartoffeln sinkt deshalb auf 70 bis 75 Prozent, normalerweise sind es 85 Prozent, die mit insgesamt 11000 Hektaren Anbaufläche erreicht werden. Das werde sich auch in den Regalen und den Preisen bemerkbar machen, erklärt Swisspatat. Die Kartoffeln können teurer werden und häufiger aus dem Ausland stammen. Eine totale Kartoffelkrise drohe aber nicht, unsere Rösti oder die Kartoffel fürs Raclette seien nicht gefährdet. Auch die Qualität der Kartoffeln sei wegen der Hitze nicht schlechter. «In der Tendenz lässt sich sagen, dass die Erträge in der Ostschweiz in diesem Jahr besser ausfallen als in der Westschweiz», sagt Stamler.

Grundsätzlich sind in diesem Jahr alle Arten von Kartoffeln  vom Hitzesommer betroffen – egal ob Speisekartoffeln oder Verarbeitungskartoffeln für Chips und Pommes. Wichtig ist das verfügbare Wasser: Bewässerte Felder lieferten in diesem Jahr über 55 Prozent mehr Kartoffeln als unbewässerte Felder. Heute wird rund die Hälfte der Felder bewässert. Die Bewässerung werde im Kartoffelbau künftig an Relevanz gewinnen, erklärt Bucher.

In diesem trockenen  Jahr hat sich zudem gezeigt, dass es Sorten gibt, die mit der Hitze besser zurechtkommen als andere. An resistenteren, robusteren Sorten wird deshalb geforscht. «Wir sind bereits seit einigen Jahren daran, den Fokus bei neuen Sorten verstärkt auf die Robustheit zu legen», sagt Bucher von Swisspatat. Im Vordergrund steht dabei, die Widerstandskraft gegen Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule zu erhöhen wie auch gegen Hitze und Trockenheit, um damit den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.

Diese robusten Sorten heissen zum Beispiel Sound, Twinner, Otolia, Jelly und Acoustic. Die aktuellen robusten Sorten sind vor allem resistent gegenüber der Kraut- und Knollenfäule, der schwersten Krankheit bei den Kartoffeln. Dies lasse sich züchterisch einfacher erreichen als eine Hitze- und Trockenheitstoleranz. «Deshalb braucht es diesbezüglich noch weitere züchterische Anstrengungen und darum sind wir auch offen gegenüber den neuen Züchtungstechnologien», sagt Bucher.

Da die Kartoffelzüchtung aber ein langwieriger Prozess sei, werde das Sortenportfolio nicht von heute auf morgen auf resilientere Sorten umgestellt werden können, erklärt Bucher. «Swisspatat hat vor zwei Jahren eine freiwillige Zielvereinbarung mit dem Bund abgeschlossen, bis im Jahr 2040 auf 80 Prozent der Fläche robuste Sorten anzubauen», sagt Bucher. Bereits heute machen diese resilienten Sorten 20 Prozent der Kartoffelanbauflächen aus.

Geschmackstest der Berner Fachhochschule

Doch robuste Sorten sollen nicht nur resistenter gegen Trockenheit, Hitze und Schädlinge sein, sondern auch gut schmecken. Das wurde nun von der Berner Fachhochschule (BFH-HAFL) getestet. Ohne den richtigen Geschmack haben die Sorten bei aller Nachhaltigkeit keine Chance auf dem Markt. Von der Fachhochschule wurden im Auftrag von Swisspatat und mit Unterstützung von Denner und IP-Suisse drei festkochende und drei mehligkochende Sorten mit einer herkömmlichen Sorte verglichen.

Die Studienresultate seien sehr erfreulich. Es gebe robuste Kartoffelsorten, die eine reale Chance auf dem Markt hätten, sagt Studienleiter Stefan Vogel von der Fachhochschule. «Damit könnte der Ackerbau in der Schweiz auch bei Klimaveränderungen nachhaltig Kartoffeln produzieren.» Insbesondere zwei der mehligkochenden Sorten haben den Testpersonen geschmeckt, während sich der Geschmack bei den festkochenden robusten Sorten noch verbessern müsse. In Denner-Filialen werden Kunden und Kundinnen ab Anfang 2027 die gelobten Sorten testen können.

Vor allem den Salaten war es zu heiss

Auch andere Gemüsearten litten unter dem Hitzesommer. Besonders betroffen waren Salate, Fenchel, Brokkoli und Zwiebeln. «Bei Salaten führte die Hitze unter anderem zu Innenbrand und braunen Blatträndern», sagt Markus Waber vom Verband Schweizer Gemüseproduzenten. Beim Fenchel sorgte die Hitze teilweise für eine vorzeitige Blütenbildung, bei Zwiebeln traten Qualitätsprobleme auf. Die Trockenheit hinterliess auch bei weiteren Kulturen Spuren: Die Erträge fielen tiefer aus, Gemüse blieb kleiner – etwa Knollensellerie – und teilweise litt die Qualität.

Auch den Salaten war es zu heiss in diesem Sommer.
Auch den Salaten war es zu heiss in diesem Sommer.
Bild: Keystone

Wie stark die einzelnen Kulturen unter Hitze und Trockenheit litten, war laut Waber je nach Region, Sorte und Bewässerungsmöglichkeiten unterschiedlich. Gewinner des Hitzesommers gab es jedoch keine. Für Waber ist deshalb klar: Der Schweizer Gemüsebau muss sich besser auf Wetterextreme vorbereiten – mit effizienter Bewässerung, robusteren Sorten und einer angepassten Anbauplanung.