Behindert sein, behindert werden - von gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen | W&O

05.01.2022

Behindert sein, behindert werden - von gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen

Wenn Anderssein selbstverständlich ist - ein Sozialtipp von der Pro Infirmis Beratungsstelle Sargans/Altstätten.

Von Mona Bringolf
aktualisiert am 28.02.2023
Viele Menschen leben mit Behinderungen, die nicht ohne weiteres erkennbar und somit nicht sichtbar sind. Das Bundesamt für Statistik verzeichnet, dass jede fünfte Person in der Schweiz mit einer Behinderung lebt – nur bei 7 Prozent davon ist die Behinderung optisch erkennbar. Zu den auf den ersten Blick nicht erkennbaren Behinderungen gehören je nach Schweregrad beispielsweise Gehörlosigkeit, Sehbehinderung, Lernbehinderungen, Krebserkrankungen oder psychische sowie gewisse chronische Erkrankungen – um nur einige davon zu nennen. Diese Formen von Behinderung können mittels medizinischer Abklärungen zwar benannt werden. Ob jemand jedoch seine Behinderung gegenüber der Öffentlichkeit sichtbar machen kann oder möchte, ist individuell sehr unterschiedlich. Denn behindert zu sein bedeutet auch behindert zu werden, nämlich von gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen.

Vorurteile oder sogar Diskriminierung

Personen mit Behinderungen stellen sich in Alltagssituationen oder innerhalb sozialer Beziehungen zusätzlichen Herausforderungen. Für die besonderen Bedürfnisse fehlt oftmals das Verständnis und sie werden mit Vorurteilen, Stigmatisierungen oder sogar Diskriminierung konfrontiert. Um diese Umstände deutlicher zu machen, wird das Thema Arbeit als Beispiel erläutert. Es gibt Arbeitsplätze in geschützten Werkstätten oder in Tagesstrukturen, wo Menschen mit Behinderung unter sich sind – und es gibt den allgemeinen Arbeitsmarkt. Einige Arbeitstätige fühlen sich bei der Arbeit in geschützten Werkstätten wohl, andere nicht. Es ist für Menschen mit Behinderungen ein grosses Thema, ob sie die Anforderungen für den allgemeinen Arbeitsmarkt erfüllen können. Sie stehen vor der Entscheidung, ob sie gegenüber den Arbeitgebenden die Behinderung benennen sollen oder ob sie aus Angst vor dem Stellenverlust oder geringeren Chancen bei der Stellensuche das Schweigen vorziehen. Um allen Mitgliedern der Gesellschaft einen gleichberechtigten Zugang zu verschaffen, ist der Fokus auf die Fähigkeiten zu legen. Menschen mit und ohne Behinderungen leisten wertvolle Arbeit und stellen eine wichtige Ressource für die freie Wirtschaft dar. Im Zentrum soll eine Win-win-Situation für Arbeitgebende und Arbeitnehmende stehen.

Eine inklusive Gesellschaft gestalten

Menschen mit Behinderung sollen wählen können, ob sie in einer geschützten Werkstätte, in einer Tagesstruktur oder im allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten möchten. Damit diese Auswahlmöglichkeit überhaupt besteht, sollten an die Bedürfnisse angepasste Ausbildungsstellen und Arbeitsstellen im allgemeinen Arbeitsmarkt für alle Menschen geschaffen werden. Es ist wichtig, dass allen Mitgliedern der Gesellschaft Anerkennung gegenübergebracht wird – ganz egal, ob diese Person eine sichtbare, nicht sichtbare oder vermeintlich keine Behinderung hat. Ein Grossteil der Gesellschaft wird im Alter mit Behinderungen leben oder kennt im nahen Umfeld Personen mit Behinderungen. Es liegt an uns allen, eine inklusive Gesellschaft zu gestalten, in der Anderssein selbstverständlich ist. Mona Bringolf Sozialarbeiterin in Ausbildung Pro Infirmis Beratungsstelle Sargans/Altstätten www.proinfirmis.ch