«Qualität statt Quantität», Ausgabe vom 29. April
Was haben Sie in den letzten fünf Jahren angeschafft, was Sie unbedingt benötigt haben? Keinen Ersatzkauf von Handy etc., weil es defekt und nicht mehr reparaturfähig war. Wir haben alles und benötigen kaum Güter, die zu höherem Glücksgefühl beitragen. Vor 45 Jahren war in den Zeitungen das Thema Nachhaltigkeit im Umgang mit der Erde, der Schöpfung, Thema – Club of Rome; Wendezeit – Bausteine für ein neues Weltbild von Fritjof Capra, Physiker; die Befreiung vom Überfluss.
Im überfüllten Zug überlege ich mir die Frage: Was heisst Communio? Eine freie Gemeinschaft von wertegetragenen Grenzen, die Einverständnis verlangen, nicht bloss Verständnis, wie es F. Tönnies 1887 schrieb. Verständnis ist Toleranz, Vergesellschaftung. Einverständnis als Wertehaltung benötigt Respekt. Eine Gesellschaft, die bloss wächst, wie Capra es nennt, eine quantitative Masse, aber ohne Qualität im Sinne von Achtsamkeit, Respekt vor dem Andersdenkenden, der Natur. Eine Masse von Menschen, die alle mit Recht Güter, ihren Platz auf Strasse, Schiene und zum Wohnen beanspruchen. Eine Masse der Macht, wie es Canetti E. in seinem Essay vermerkt. Eine Masse der Mehrheit, welche bloss um eine Stimme die andere Hälfte bevormundet. Eine Masse, die zu Ordnung drängt, weil Abweichungen stören.
Die EU, eine Idee (1951) für eine liberale Wirtschaft und Frieden in Europa. Heute ein Bürokratiemonster für hoch reglementiertes Wirtschaften, Aufrüstung gegen neue Feinde jenseits Europas. Die EU, ein Bündnis von Nationalstaaten, keine Wertegemeinschaft, wie die Schweiz. Die Masse der Reglementierung führt zur Macht derer, die sie erlassen, ohne demokratische Legitimation, (ohne Einverständnis) bloss unterwerfendes Verhalten, das, wie die Geschichte zeigt, jetzt überall zur Lockerung von Zwangsbürokratie ruft, weil die Wirtschaft sich nicht mehr entwickeln kann (Deindustrialisierung).
Chaos ist nicht das Gegenteil von Reglementierung, es ist der schöpferische Raum, welchen uns die Natur jeden Tag zeigt. Wenn das Wasser der Quelle mäandert, macht es das, weil es nach der Regel der Natur abwärts fliesst, aber den Weg nicht vorgeschrieben hat. Wenn das Wetter im April nicht warme Temperaturen bringt, wenn der Rhein sich nicht an sein Flussbett hält, sich aber auf «Rhesi» freut, ist das ein Teil der Natur, Chaos, Ideen-Raum, in dem wir leben.
Wir verplanen mit unqualifiziertem Masse-Wachstum (bürokratischer Ordnung) die Natur. Wir arbeiten mit begradigender Herrschaft (vgl. Canetti, Masse u. Macht), wir verordnen alles, wir reglementieren Bach, Baum, Geburt und Tod. Wir vergesellschaften mit Macht ohne gemeinsame Werte. Wir bräuchten ein qualitatives Wachstum, eine Befreiung von Überfluss. Wir sollten die ärmere Bevölkerung nicht vergessen, wie das, glaube ich, Rudolf Strahm meint.
Die Masse bringt nicht monetäres Wachstum in die Portemonnaies der vielen. Abschied vom Überfluss als Bewahrung der Schöpfung.
Hubert Hürlimann, Werdenstrasse 34, 9472 Grabs
Chaos oder Wachstum um jeden Preis