Gemäss einem Beschluss des St.Galler Kantonsrats sollen künftig die Sprachkenntnisse aller zweijährigen Kinder überprüft werden. Die Eltern erhalten dazu einen Fragebogen. Wer ihn nicht ausfüllt, riskiert eine Busse von bis zu tausend Franken.
Bestehen Zweifel an den Antworten, kann die Gemeinde den Sprachstand durch eine Fachperson überprüfen lassen. Stellt sich heraus, dass ein Kind zu wenig gut Deutsch spricht, können die Gemeinden den Besuch einer Kita oder Spielgruppe anordnen.
Diese Form von Frühförderung, so gut sie gemeint sein mag, widerspricht sämtlichen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Die Entwicklung des Sprachvermögens verläuft nämlich bei jedem Kind in ganz unterschiedlichem Tempo. Die Annahme, dass jedes Kind im Alter von zwei Jahren über Sprachkenntnisse verfügen sollte, die mit jenen aller Gleichaltrigen vergleichbar sind, ist reine Fiktion.
Remo Largo, bekannter Kinderarzt und Buchautor, hat mittels zahlreicher Studien nachgewiesen, dass die Entwicklungsunterschiede in der frühen Kindheit um bis zu drei Jahre voneinander abweichen können. Das bekannteste Beispiel ist Albert Einstein, eines der grössten Genies der Menschheitsgeschichte: Er sagte erst im Alter von drei Jahren sein allererstes Wort!
Der zweite Irrtum, welcher einer zu frühen gezielten Sprachförderung zugrunde liegt, ist die Annahme, zu «langsames» Lernen müsse künstlich gefördert, beschleunigt oder gar erzwungen werden. Gerade dies kann nämlich zu unnötigem Widerstand oder zu Blockaden führen, die erfolgreiches Lernen eher erschweren, statt es zu fördern. Die wichtigste Voraussetzung zur Sprachförderung ist eine Umgebung, in der das Kind die zu erlernende Sprache möglichst oft und in verschiedenen Lebenssituationen zu hören bekommt – Lernen erfolgt vor allem durch Nachahmung und tägliches Zusammenleben.
Abgesehen davon sind die vorgeschlagenen Massnahmen nicht einmal praktikabel. Wie sollen zum Beispiel Eltern, die selber noch mit dem Erlernen der deutschen Sprache beschäftigt sind, beurteilen können, wie gut die Sprachkenntnisse ihrer Kinder sind? Und wer soll aufgrund welcher Kriterien dann beurteilen können, ob die Antworten in den Fragebögen glaubwürdig sind oder nicht? Und mit welchen Methoden sollen dann Fachpersonen überprüfen, ob die Antworten in den Fragebögen mit den tatsächlichen Sprachkenntnissen übereinstimmen oder nicht?
Zudem droht hier ein immenses Konfliktpotenzial. Zum Beispiel dann, wenn sich Eltern benachteiligt fühlen, wenn ihnen, bloss weil sie infolge ungenügender Sprachkenntnisse einen Fragebogen nicht ausfüllen können, eine Busse von bis zu tausend Franken aufgebrummt wird. Die Gefahr ist gross, dass falsch verstandene Frühförderung eher zum Gegenteil dessen führt, was sie angeblich bezweckt.
Gutes Lernen braucht nicht Vorschriften, Zwang und Druck von aussen, sondern Zeit, Ruhe, Musse und Gelassenheit. Oder, wie es ein berühmtes afrikanisches Sprichwort sagt: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»
Peter Sutter, Wiedenstrasse 32, 9470 Buchs
Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht