Das Schloss wird zum Resonanzkörper – an der Schlossminimediale | W&O

Werdenberg | Buchs vor 4 Stunden

Das Schloss wird zum Resonanzkörper – an der Schlossminimediale

Unter dem Motto «(Vor)Sicht» machte die Schlossminimediale Klänge sichtbar, Geschichten hörbar und verschob Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Von PD
aktualisiert vor 4 Stunden

Die Hitze liegt am Donnerstagabend schwer auf dem Asphalt des Busbahnhofes in Buchs. Menschen suchen Schatten unter Sonnenschirmen und halten kühle Gläser, in denen die Sonne blitzt. Dazwischen fügt sich das Thema der Wanderausstellung «Fürsorge und Zwang in der Schweiz» (der W&O berichtete) beinahe selbstverständlich ein, als wäre die hitzegestaute Luft eigens dafür gemacht, das Gewicht dieses lange verdrängten Kapitels Schweizer Geschichte zu tragen. «Wann wird Fürsorge zu Zwang? Wann wird Schutz zu Kontrolle?», fragt Gemeindepräsident Rolf Pfeiffer und rückt das Spannungsfeld des Themas ins Licht.

Auf einmal erklingen die zarten Saiten eines Cellos. Fatima Dunn, Singer-Songwriterin und Gewinnerin des Schweizer Filmpreises 2022, steht zwischen den Besuchenden und ertastet mit ihrem Instrument und ihrer Stimme jene feinen Zwischenräume des Menschseins, die voll sind von grossen Fragen – Fragen zu Liebe und Hoffnung, zu Verlust und Freiheit.

Cellistin Fatima Dunn entführte mit nachdenklichen Klängen.
Cellistin Fatima Dunn entführte mit nachdenklichen Klängen.

Die Grenzen des Vorstellbaren weiten sich

Während unten im Tal die Aufregung um das Fussballspiel der Schweizer Nationalmannschaft in den Strassen vibriert, scheint die Sonnenuhr an den Burggemäuern vergessen zu haben, welche Zeit es ist. Das macht nichts. Die Performer von «Le Slie’s» verwandeln die dunkle, kühle Schlosshalle in einen Resonanzraum, in dem Zeit und Klang ihre eigenen Gesetze zu entwickeln scheinen. Ausgehend vom Rotationsprinzip des Leslie-Lautsprechers der 1940er-Jahre wachsen sphärische Klangflächen zu pulsierenden Rhythmen an, die den Raum erfüllen und körperlich spürbar werden.

Später wird aus der Solistin Fatima Dunn ein ganzes Orchester. Sie lotet die Grenzen ihres Cellos aus, schichtet zusammen mit ihrer Stimme und der Loopstation Klänge übereinander und verwebt sie zu poetischen Klangteppichen.

Am Himmel sind es die Regenwolken, die am Freitagnachmittag die Sonne verdrängen – im poetischen Tanztheater «L’erba del vicino» entladen sich die Emotionen entlang einer schmalen Linie zwischen zwei Gärten. Ohne Worte erzählen zwei Menschen von Stolz und Missverständnissen. Und von Versöhnung. «Es ist gut, dass diese Geschichte in Versöhnung mündet», sagt Thomas Gnägi, Leiter des Schlosses im kurzen Austausch danach, «das gibt uns Hoffnung. Und Hoffnung ist es, was die Menschen am Leben hält.»

«Lêrba del vicino» – ein Stück von Streit und Versöhnung.
«Lêrba del vicino» – ein Stück von Streit und Versöhnung.

Den vielleicht eindrücklichsten Perspektivenwechsel hin zu mehr (Vor)Sicht bietet «Tziu Tziu». Mit verbundenen Augen lassen sich kleine und grosse Besucherinnen und Besucher durch eine Klanglandschaft führen. Die Bibliothek in Buchs wird zum Raum ohne sichtbare Orientierung, zu einem Bad aus Klängen. Objekte, Raum und Zeit verlieren ihre festen Konturen. Wo nichts mehr zu sehen ist, beginnt man anders zu hören.

In der Bibliothek Buchs bot sich den Gästen ein Bad aus Klängen.
In der Bibliothek Buchs bot sich den Gästen ein Bad aus Klängen.

Zwischen gestern und heute: Wie zeitlos ist Zeit?

Auch für die Zuschauer von «Apparate», der Performance von Stanislas Pili und Miguel Angel Garcia Martin, ist die Zeit zwischen Gestern und Heute auf einmal nicht mehr so klar voneinander getrennt. Das Duo lässt hundert Jahre alte Stummfilme neu aufleben. Mit präparierter Perkussion, feinsten Mikrosounds und Alltagsgegenständen erschaffen sie Klanginszenierungen, die den historischen Bildern überraschend gegenwärtige Kraft verleihen. Was ist nun modern – und was altmodisch?

Am Ende bleibt die Verbindung

«Vergiss nie, dass ich dich liebe» – eine Chansonmanie um den kleinen Satz, den Édith Piaf einst auf einen Zettel schrieb, bildet am Samstagabend den Abschluss der dreitägigen Mediale. Er erzählt von der Begegnung der beiden Weltstars Édith Piaf und Marlene Dietrich, die hinter all dem Glanz ihrer Bühnen durch das verbunden blieben, worum es an diesem Wochenende immer wieder ging: um die Kraft der Musik, um Hoffnung, Leidenschaft und Sehnsucht.

Wie der Verein Schloss Werdenberg am Montag mitteilt, besuchten fast 300 Kulturinteressierte das Programm der «SchlossMINImediale». Das nächste Festival Schlossmediale wird kommendes Jahr vom 17. bis 26. Juni wieder in seiner vollen Länge stattfinden.