Der schwierige Umgang mit dem Freitod in Heimen | W&O

Sevelen vor 1 Stunde

Der schwierige Umgang mit dem Freitod in Heimen

Das Pflege- und Betreuungszentrum Büelriet thematisierte die kontrovers diskutierte Freitodbegleitung in Heimen. Einerseits im Austausch mit den Mitarbeitenden, andererseits an einem Anlass für Bewohnende und deren Angehörige.

Von pd
aktualisiert vor 1 Stunde

Letzten Herbst machte der W&O publik, dass es im Pflege- und Betreuungszentrum (PBZ) Büelriet in Sevelen zu einem begleiteten Freitod gekommen war. Die Tochter einer Bewohnerin begleitete ihre Mutter in diesem letzten Schritt und machte damit auch sichtbar, welche organisatorischen, ethischen und praktischen Fragen mit einem solchen Wunsch verbunden sind.

Selbstbestimmt leben gelte als Grundbedürfnis, hält das PBZ Büelriet in einer Medienmitteilung fest. Wenn Menschen jedoch den Wunsch nach einem begleiteten Freitod äusserten, stiessen sie oft auf institutionelle Grenzen. Genau diesen sensiblen Moment rückte die Berichterstattung in den Fokus: Was geschieht, wenn jemand im Alters- oder Pflegeheim nicht nur gut begleitet sterben möchte, sondern einen assistierten Suizid wünscht?

Unterschiedliche Grundverständnisse

Im Kern treffen dabei zwei Haltungen aufeinander. Viele Heime betonen ihren Auftrag in der palliativen Pflege. Sterben und Tod werden als natürlicher Prozess verstanden, den man fachlich kompetent, würdevoll und möglichst symptomfrei begleitet – mit dem Ziel, bis zuletzt Lebensqualität zu erhalten. Ein Freitod in den eigenen Räumen passe für diese Institutionen nicht zu diesem Auftrag. Diese Zurückhaltung hat deshalb meist weniger mit mangelnder Empathie zu tun als mit Grundhaltung, Verantwortung und institutionellem Selbstverständnis.

Gleichzeitig ist vielen Institutionen bewusst, dass auch diese Begründung Interpretationsspielraum lässt. Entsprechend fallen die Antworten oft nicht als starres Ja oder Nein aus, sondern als sorgfältiges Abwägen im Einzelfall. Andere Einrichtungen lassen einen Freitod im Heim zu.

Als eines der wenigen Häuser in der Region Werdenberg ermöglicht das Pflege- und Betreuungszentrum Büelriet in Sevelen einen Freitod in den eigenen Räumen. Dieser Umgang sei konzeptionell festgehalten, hält das PBZ Büelriet in seiner Mitteilung fest. Die Erfahrung vom vergangenen Herbst habe jedoch gezeigt, dass eine Freitodbegleitung weit mehr sei als ein formaler Ablauf. Es handle sich um einen vielschichtigen Prozess, in den Ärztinnen und Ärzte, Begleitpersonen, Angehörige und natürlich auch die Institution, in der die betroffene Person lebt, eingebunden seien.

Aktive Aufarbeitung

Hinzu kommt: Der Umgang mit dem Thema ist stark subjektiv geprägt. Dies gilt auch für die Frage, wie offen jemand mit dem eigenen Sterbewunsch umgeht, wer wann informiert wird und wie das persönliche und erweiterte Umfeld in ein solches Vorhaben einbezogen wird.

Martin Göldi, Zentrumsleiter Pflege- und Betreuungszentrum Büelriet Sevelen
Martin Göldi, Zentrumsleiter Pflege- und Betreuungszentrum Büelriet Sevelen
Bild: PD

Vor dem Hintergrund der belastenden Erfahrungen rund um die Sterbebegleitung letztes Jahr entschied sich die Heimleitung des PBZ Büelriet gemeinsam mit der Betriebskommission für einen aktiven Umgang mit dem Erlebten. Mit Referaten und Austauschgefässen sollte die Thematik offen angesprochen und eingeordnet werden. Heimleiter Martin Göldi betonte dabei die klare Haltung zum Recht auf Selbstbestimmung bis ans Lebensende.

Assistieren ist erlaubt – aktive Sterbehilfe hingegen nicht

Dazu referierte Alois Carnier, Berater und Regionalleiter Freitodbegleitung Ostschweiz von Exit, vor den Mitarbeitenden des PBZ Büelriet.

Alois Carnier, Berater und Regionalleiter Freitodbegleitung Exit Ostschweiz
Alois Carnier, Berater und Regionalleiter Freitodbegleitung Exit Ostschweiz
Bild: PD

Er stellte Exit als älteste der Selbstbestimmungsorganisationen in der Schweiz vor. Der Verein engagiert sich nicht nur in der Freitodbegleitung, sondern auch stark in den Bereichen Patientenverfügung, Beratung und Suizidprävention.

Im Referat zeigte Carnier den gesellschaftlichen und juristischen Rahmen der Tätigkeit von Exit auf: In der Schweiz bestehe eine liberale Grundhaltung gegenüber dem selbstbestimmten Sterben. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der assistierte Suizid in der Schweiz explizit erlaubt ist, die aktive Sterbehilfe jedoch nicht. Er erläuterte die Voraussetzungen, Anforderungen und Abläufe einer Freitodbegleitung und schilderte, welche ärztlichen Abklärungen und Bescheinigungen vorliegen müssen, damit Exit eine Begleitung übernehmen kann. Carnier: 

Freitodbegleitung ist kein spontaner Entscheid. Dahinter steht immer eine persönliche Geschichte. Umso wichtiger sind Sorgfalt, Würde und ein verantwortungsvoller Umgang mit allen Beteiligten.

Der betriebsinterne Austausch zwischen Mitarbeitenden, Heimleitung, Mitgliedern der Betriebskommission und dem Exit-Regionalleiter half, die Erfahrungen des einschneidenden Herbstvormittags im Seveler Heim aufzuarbeiten. In offener Atmosphäre konnten Empfindungen, persönliche Sichtweisen und der Umgang mit Situation, Vorgehen und bewusstem Abschiednehmen besprochen werden – gerade auch aus der Perspektive von Betreuungspersonen, die über Jahre eine Beziehung zu Bewohnenden aufgebaut haben. Dabei wurden unerwartete Herausforderungen sichtbar, gegenseitiges Verständnis gestärkt und wichtige Erkenntnisse für den weiteren Umgang mit solchen Situationen gewonnen. Heimleiter Martin Göldi:

Im Austausch wurde deutlich, dass Freitodbegleitung nicht nur Direktbetroffene berührt, sondern auch Angehörige, Mitbewohnende und Mitarbeitende. Umso wichtiger ist ein offener, respektvoller und gut begleiteter Umgang mit dieser anspruchsvollen Thematik.

Interessierte Bewohnerschaft

Am ersten März-Wochenende fand auf Anregung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie deren Angehörigen ein weiteres Exit-Referat zum Thema Freitodbegleitung im PBZ Büelriet statt. Referent war erneut Alois Carnier. Der Nachmittag widmete sich nochmals der Frage, was geschieht, wenn jemand im Alters- oder Pflegeheim nicht nur begleitet sterben möchte, sondern einen assistierten Suizid wünscht.

Das Interesse der Teilnehmenden zeigte, wie stark das Thema bewegt – gesellschaftlich und persönlich. Konkrete Fragen konnten gestellt werden, praktische Erfahrungen und geschilderte Situationen halfen dabei, sich ein differenziertes Bild vom selbstbestimmten Sterben zu machen. 

PBZ Büelriet: Das Pflege- und Betreuungszentrum Büelriet in Sevelen bietet seit 2022 insgesamt 44 Bewohnenden ein privates und gemütliches Zuhause. Das Haus versteht sich als Ort der Wertschätzung, Behaglichkeit und Geborgenheit. Im Vordergrund stehen die persönlichen Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen der Bewohnenden.