Ein Mann verlangsamt sein Auto neben einem Buben und versucht, ihn zum Einsteigen zu bewegen. Die Mutter habe ihn geschickt, sagt er dem Zehnjährigen. Ausserdem habe er Süssigkeiten dabei. Dieser Fall soll sich so Mitte Januar in Rorschacherberg ereignet haben (diese Zeitung berichtete ). Innert zwei Tagen erhielt die Kantonspolizei St.Gallen zwei weitere ähnliche Meldungen aus Rorschach, wie sie in einem Communiqué kommunizierte.
Vergangene Woche berichtete ein Elternteil anonym in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo St.Gallen wenn…», die Tochter sei innert kurzer Zeit zwei Mal von Unbekannten angesprochen worden. Den ersten Vorfall, bei welchem dem Kind gar der Mund zugehalten worden sein soll, habe man der Polizei gemeldet. Die Stadtpolizei St.Gallen kann auf Anfrage nicht bestätigen, dass das Ganze so stattgefunden hat.
Der Vater oder die Mutter kritisiert zudem auf Facebook: «Wir haben keinerlei Rückmeldung von der Polizei erhalten. Ebenso wenig ist eine Polizeipräsenz rund um die Schulzeiten sichtbar.» Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei, sagt dazu:
Wir nehmen jede Meldung ernst. Wenn eine mögliche Gefährdung besteht, informieren wir.
Ansonsten sei man zurückhaltend, um die Bevölkerung nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Wenn die Polizei eine solche Meldung erhält, seien Quartierpolizisten sowie das Verkehrsinstruktorenteam vor Ort, um Präsenz zu zeigen und Erkenntnisse zu sammeln. Gleichzeitig stehe man in engem Austausch mit der Schule und versuche, die Hintergründe des Vorfalls zu klären.
Im Internet lauert die grössere Gefahr
Woher rührt diese Angst vor dem Mann im weissen Lieferwagen, der Kinder anspricht? Es sei ein Bild, das über Generationen hinweg transportiert werde, erklärt Anna Mähr, Neurowissenschaftlerin, Psychologin und Fachmitarbeiterin im Kinderschutzzentrum St.Gallen. Bei diesem Szenario könne die Situation von einer Sekunde auf die andere ins Lebensbedrohliche kippen und deshalb grosse Ängste auslösen.
Das Angebot des Kinderschutzzentrums St.Gallen
Das Kinderschutzzentrum St.Gallen gehört zum Ostschweizer Kinderspital und berät gewaltbetroffene oder gewaltbedrohte Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern. Das Angebot ist kostenlos. Eine Beratung ist sowohl persönlich als auch telefonisch und anonym unter Telefon 071 243 78 02 oder E-Mail info.ksz@kispisg.ch möglich. Dritt- und Fachpersonen mit einem Verdacht einer Kindeswohlgefährdung können sich ebenfalls fachliche Unterstützung holen. (pd)
Bei Mähr, selbst zweifache Mutter, löst ein anderes Bild mehr Angst aus: der Mann vor dem Computer. «Das entspricht viel mehr der Realität. Kinder, die übers Internet sexuell ausgebeutet oder kontaktiert und zu einem Treffpunkt gelockt werden.» Eltern dächten, ihr Kind sei sicher, weil es ruhig am Smartphone oder Computer im Zimmer ist. Doch statistisch gesehen sei das Szenario «Kind von Unbekanntem im Auto verschleppt» viel unwahrscheinlicher als die Gefahr, die vom «Mann vor dem Computer» ausgehe. Simon Anderhalden, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, sagt, es habe seit rund 20 Jahren keinen Fall mehr von Kindesentführung im klassischen Sinne durch Unbekannte gegeben.
Dennoch brechen einige Eltern nach einer solchen Meldung regelrecht in Panik aus. In den Kommentarspalten unter dem Beitrag auf Facebook wird unter anderem gefordert, man müsse handeln und die Sache «selbst in die Hand nehmen». Für die Polizei ein schwieriges Thema, wie Andernhalden sagt:
Durch die sozialen Medien und Whatsapp-Chats werden mehr Angst und Unruhe geschürt als nötig.
Auch wenn die Polizei die Beweggründe der Eltern verstehe, sei es hinderlich, wenn Halbwahrheiten weiterverbreitet würden. Deshalb verzichte die Polizei oft darauf, Beschreibungen von Autos oder Personen zu veröffentlichen. «Erinnerung und Wahrheit können weit auseinanderliegen.» Entschliesse sich eine Schule, per Elternbrief zu informieren, solle sie sich am besten von der Polizei beraten lassen.
«Diese Panik schwappt auf die Kinder über und führt dazu, dass das Thema bei ihnen so präsent ist, dass sie nicht anders können, als normale Alltagssituationen als Gefährdung zu interpretieren», sagt Anna Mähr. Idealerweise hätten Eltern beim Gespräch mit dem Kind den ersten Schock bereits verdaut. Es sei wichtig, dass Eltern ressourcen- statt problemorientiert vorgehen.
Wenn etwas nicht stimmt – wegrennen
Man könne beispielsweise ein Familienpasswort mit dem Kind abmachen. Behauptet jemand, im Auftrag der Eltern das Kind abholen zu wollen, kann es nach dem abgemachten Wort fragen. Ab einem gewissen Alter könne man dem Kind beibringen, Unbekannte zu siezen und «Ich kenne Sie nicht, lassen Sie mich in Ruhe» zu rufen. «So merkt das unmittelbare Umfeld: Hier stimmt etwas nicht», sagt Mähr. Eine weitere Möglichkeit sei, mit dem Kind auf dem Schulweg verschiedene Rettungsinseln anzuschauen. Das könne ein Geschäft sein, in dem es einen Mitarbeitenden ansprechen kann, oder ein Haus, wo es klingeln darf.
Laut Mähr soll man auf allgemeingültige Botschaften statt auf Regeln setzen, beispielsweise: Meine Gefühle sind richtig und wichtig. «Ein Kind, das guten Zugang zu seinen Gefühlen hat, spürt in so einer Situation, dass etwas nicht stimmt, und rennt weg.» Eine weitere Botschaft: Wenn du in Not bist, darfst du Dinge machen, die sonst nicht erlaubt sind, wie zum Beispiel ganz laut schreien. «Wenige klare Botschaften können den Unterschied machen», so Mähr. Dabei sei es wichtig, die Problemlösefähigkeit der Kinder anzukurbeln und sich nicht auf die Technologie zu verlassen – zumal ein Smartphone eben eigene Gefahren birgt.
«‹Fremde sind böse› ist falsch»
Fremde sind böse, bringt man Kindern teils bei. «Das entspricht nicht der Realität und ist grundsätzlich falsch», sagt Mähr. Denn Gewalt und Sexualdelikte gingen am häufigsten von Personen aus, die dem Kind nahestehen. Deshalb sollten Kinder wissen, dass Geheimnisse weitererzählt werden sollen, wenn sie sich nicht gut anfühlen. Ebenso falsch sei die Annahme, dass Kinder generell Blödsinn erzählen oder Dinge erfinden. «Eltern sollen ihrem Kind glauben, wenn es halbwegs plausibel klingt, was es erzählt. Danach können sie durch interessiertes, kindgerechtes Nachfragen mehr herausfinden.» Das heisst, offene Fragen stellen oder sie auch eine Situation zeichnen lassen. Anna Mähr plädiert dafür, dass Eltern neugierig bleiben und nicht sofort urteilen.
Ratgeber mit Tipps
Kinder alleine unterwegs: Den Ratgeber der Kantonspolizei St.Gallen finden Sie hier .
Die Angst vor dem Mann im Lieferwagen – das sagen die Polizei und das Kinderschutzzentrum