Die richtige Taktik zum Durchhalten: Den Fokus auf das Hier und Jetzt legen | W&O

22.08.2022

Die richtige Taktik zum Durchhalten: Den Fokus auf das Hier und Jetzt legen

Kenneth Vanthuyne gewinnt den Swissultra-Triathlon Deca Continuous in neuer Rekordzeit und sichert sich den Weltmeistertitel.

Von robert.kucera
aktualisiert am 28.02.2023
Kurz vor 9 Uhr morgens am Montag war es so weit: Der erste Athlet der Weltmeisterschaftsdistanz Deca Continuous (zehnfacher Ironman) des Swissultra erreicht in Buchs das Ziel. 182 Stunden, 43 Minuten und 43 Sekunden benötigte der Belgier Kenneth Vanthuyne für 38 Kilometer Schwimmen, 1800 Kilometer Radfahren und 422 Kilometer Laufen. «Das ist alles so unvorstellbar», sagt er überglücklich. Den Sieg habe er zwar realisiert – doch so richtig fassen könne er es nicht. Der 39-Jährige erklärt:
Nur in meinen optimistischsten Träumen dachte ich an einen Platz unter den ersten fünf.
Nun darf er sich Weltmeister und Weltrekordinhaber über eine Distanz nennen, die er noch nie bestritten hat. Wie Vanthuyne sagt, habe er zuvor erst zweifache Ironmans bestritten. «Ich hatte also keine Ahnung, was mich an diesem Wettkampf erwartet.»

Ständiges Wechselbad der Gefühle

Rückblickend darf festgehalten werden, dass es dem Belgier ausgezeichnet lief. Das Rennen bezeichnet er allerdings als hart. Er beschreibt, dass er phasenweise glaubte, zusammenzu­brechen. Dass dies nicht geschah, mache ihn unheimlich glücklich.
 Emotionen nach Wettkampfende. Die Eltern von Kenneth Vanthuyne sind stolz auf ihren Sohn.
Emotionen nach Wettkampfende. Die Eltern von Kenneth Vanthuyne sind stolz auf ihren Sohn.
Bild: Robert Kucera
Über den möglichen Sieg dachte er nicht einmal dann nach, als er erstmals die Leaderposition inne hatte. «An diesem Wettkampf hat man so viele Hochs und Tiefs», sagt er und verweist darauf, wie schnell alles kippen kann:
In einem Moment denkt man, dass man locker gewinnt. 20 Minuten später glaubt man nicht einmal mehr daran, das Ziel zu erreichen.
Dieses ständige Wechselbad der Gefühle fordert die Teilnehmenden des Swissultra neben den körperlichen Strapazen zusätzlich heraus. Vanthuyne hat aber sein Motto gefunden: «Ich versuchte den Fokus auf das Hier und Jetzt zu legen.» Überrascht war Kenneth Vanthuyne aber schon, dass er in seiner schwächsten Disziplin, dem Radfahren, den zweiten Platz vom Schwimmen halten konnte. Mehr noch: Nach der Aufgabe des Polen Robert Karas in der 55. Runde des Laufs übernahm der Belgier in der 187. von 200 Radrunden gar die Führung und gab diese bis zum Zielstrich nicht mehr ab. Aber erst 75 Laufrunden vor Schluss – von total 346 – dachte er erstmals daran, dass er den WM-Titel holen könnte: «Ich sah, wie mein Vorsprung grösser wurde und die Konkurrenz mehr litt als ich.»

Nur mit Hilfe der Hand den Kopf anheben können

Doch ohne Schwierigkeiten erreichte auch der Weltmeister das Ziel nicht. Nach 1200 Kilometern auf dem Rad wurde er von starken Nackenschmerzen heimgesucht. So konnte er fortan nur noch in gebückter Haltung, mit dem Blick nach unten, Rad fahren. Wollte Vanthuyne wissen, wie es einige Meter vor ihm aussieht, musste er jeweils eine Hand zur Hilfe nehmen, um den Kopf anheben zu können. Das Problem begleitete ihn bis zum Zielstrich, behinderte ihn aber beim Laufen nicht. «Eine Massage hilft da gar nichts», wurde ihm mitgeteilt. Also hielt er tapfer durch.
 Der Zweitplatzierte Richard Jung aus Deutschland (links) hält mit dem Sieger Kenneth Vanthuyne noch einen kurzen Schwatz, ehe es für ihn noch einige Laufrunden weiter geht.
Der Zweitplatzierte Richard Jung aus Deutschland (links) hält mit dem Sieger Kenneth Vanthuyne noch einen kurzen Schwatz, ehe es für ihn noch einige Laufrunden weiter geht.
Bild: Robert Kucera
Einzig eine längere Schlafphase hätte wohl geholfen. «Doch bei einem solchen Rennen ist das keine Option», weist er auf die Be­sonderheit des Nonstop-Wettkampfs Deca Continuous hin. Ansonsten genoss Kenneth Vanthuyne den Swissultra. Den einen schönen Moment – abgesehen vom Zieleinlauf – habe es nicht gegeben. In besonderer Erinnerung behält er jene Augenblicke auf dem Rheindamm, als er auf dem Rad sitzend mit den Mitstreitern bei voller Fahrt einen Schwatz hielt. Er erklärt:
Im Ultratriathlon wird der Konkurrenzkampf nicht aggressiv geführt. Jeder hilft jedem – ob Athlet oder Crewmitglied.
Bis zur Rangverkündigung am Montag, 29. August, geht es noch eine Weile. Vanthuyne bleibt in Buchs und freut sich darauf, seinen Kollegen bei der Zielquerung zu applaudieren. Vorgenommen hat er sich «viel zu schlafen und zu essen».