Fertig mit der «Feldruh»? - Ortsgemeinde bereinigt Kleinpflanzer-Flickenteppich | W&O

01.02.2022

Fertig mit der «Feldruh»? - Ortsgemeinde bereinigt Kleinpflanzer-Flickenteppich

Viele der rund 100 Hobbygärtner sind nicht erfreut über die Pläne der Ortsgemeinde Buchs, ihre Parzellen an zwei Orten zu bündeln.

Von heini.schwendener
aktualisiert am 28.02.2023
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Die Ortsgemeinde Buchs macht bei einem Thema, das seit Jahren auf ihrer Pendenzenliste steht, Nägel mit Köpfen. «Struktura 24» nennt sich ein Projekt unter der Leitung von Werner Schwendener, Vizepräsident der Ortsgemeinde. Ziel von «Struktura 24» ist es, die Kleinpflanzerparzellen, die heute überall verstreut sind, auf zwei Standorte zusammenzufassen und in der Grösse zu normieren. Die Kleinpflanzerei auf Pachtland der Ortsgemeinde hat eine lange Tradition. Zum Teil bewirtschaften Kleinpflanzerinnen und -pflanzer ihre Parzelle seit Jahrzehnten – wie zuvor schon ihre Eltern und Grosseltern.

Von Kleinpflanzern beackert wird nur noch ein Viertel der Fläche

Die Ortsgemeinde Buchs hat ihren rund 100 Kleinpflanzern mitgeteilt, dass das Pachtverhältnis per Ende 2022 gekündigt werde. Die Ausgangslage ist folgende: Knapp 60'000 m2 hat die Ortsgemeinde an Kleinpflanzer verpachtet, an zehn Standorten auf dem Gemeindegebiet hat es rund 20 Plätze mit Kleinpflanzern. Diese beackern aber lediglich noch eine Fläche von 15'000 m2. Für praktisch alle Kleinpflanzer im fortgeschrittenen Alter seien nämlich die Parzellen von einer Klasse (1250 m2) oder eine halben Klasse (625 m2) zu gross, hält die Ortsgemeinde fest. Sie beackern darum nur noch einen Bruchteil der Parzelle selber und lassen den Rest durch einen Landwirt bewirtschaften. Werner Schwendener sagt:
Die vielen Kleinpflanzer-Parzellen zerstückeln oft landwirtschaftlich gut nutzbare Flächen.
Bauern kurven also mit ihren Maschinen vielerorts um den Flickenteppich der Kleinpflanzer-Parzellen herum. Weil kürzlich zwei Landwirte aus Altersgründen ihre Flächen freigegeben haben, eröffnete sich für die Ortsgemeinde die Möglichkeit, diesen Flickenteppich, der dem Verwaltungsrat schon lange ein Dorn im Auge ist, endlich zu bereinigen.
 Auf der hell markierten Fläche, nördlich der Familiengärter in der Morgenweid wird künftig ein Teil der Kleinfplanzer-Parzellen zusammengefasst.
Auf der hell markierten Fläche, nördlich der Familiengärter in der Morgenweid wird künftig ein Teil der Kleinfplanzer-Parzellen zusammengefasst.
Bild: Amtliche Vermessung
Künftig sollen nämlich alle Kleinpflanzer-Parzellen an zwei Standorten im Norden und Süden des Gemeindegebietes zusammengefasst werden: nördlich der Familiengärtner in der Morgenweid und nördlich des Familiengärtner-Vereins Buchs im Raum Fegeren. Die Normgrösse für eine Kleinpflanzerparzelle wird noch 300 m2 betragen. Der Verwaltungsrat der Ortsgemeinde ist sich bewusst, dass diese Zusammenlegung nicht bei allen Betroffenen auf Begeisterung stossen wird. Wie wahr.

Zum Gärtnern und zum Schwatzen

Es ist ein kalter und nebliger Januartag – längst nicht mehr Saison für Kleinpflanzerinnen und Kleinpflanzer. Trotzdem steigt Rauch aus dem Kamin von Peter Hofmänners Feldhütte. Nach dem Journalisten trifft er sich hier mit einem Kollegen zum Schwatz, darum wird der Raum noch leicht «temperiert». Hofmänner ist einer von rund 100 Leuten, die bei der Ortsgemeinde Buchs als Pächterinnen und Pächter von Kleinpflanzer-Parzellen registriert sind. Seine Hütte und seine Ackerfläche besucht er während der Saison fast jeden Tag, «zum Gärtnern und zum Schwatzen mit Kollegen.»
 Kleinpflanzer Peter Hofmänner vor seinem Hüttli in der Morgenweid: Er kritisiert das Projekt «Struktura 24».
Kleinpflanzer Peter Hofmänner vor seinem Hüttli in der Morgenweid: Er kritisiert das Projekt «Struktura 24».
Bild: Heini Schwendener
Peter Hofmänner hängt an seinem Pachtland, auf dem er Salate, Kartoffeln, Chillis und vieles mehr anpflanzt. Seine Hütte ist ein kleines Refugium. Er stellt fest:
Viele Pächter der Kleinpflanzer-Parzellen haben in den vergangenen Jahren Naturoasen geschaffen.

Eine 100-jährige Tradition wird gefährdet

Einen Steinwurf von Hoffmänners Refugium entfernt liegt eine andere Feldhüte, die mit «Feldruh» beschriftet ist. Doch mit der Ruhe ist nun Schluss. Unruhe ist eingekehrt, seit die Ortsgemeinde mitgeteilt hat, dass sie im Zuge des Projekts «Struktura 24» allen Kleinpflanzern kündige und ihnen neue Standardparzellen von 300 m2 Grösse anbieten werde, zusammengefasst an zwei Standorten. Hofmänner hat darauf, stellvertretend für viele «Gleichgesinnte», dem Verwaltungsrat der Ortsgemeinde seine Bedenken mitgeteilt. Er sieht gar die über 100-jährigen Tradition der Kleinpflanzer in Gefahr. Wegen «Struktura 24» wären sie zum Umzug gezwungen und das Pachtland muss in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden. Dies hat Konsequenzen: die Feldhütten müssen abgebrochen oder aber gezügelt werden, gepflanzte Bäume müssen gefällt und Pumpbrunnen entfernt werden.
 Im Gebiet Fegeren unterhalb des Familiengärtner-Vereins (auf der hell markierten Fläche) werden Kleinpflanzer-Parzellen angelegt.
Im Gebiet Fegeren unterhalb des Familiengärtner-Vereins (auf der hell markierten Fläche) werden Kleinpflanzer-Parzellen angelegt.
Bild: Amtliche Vermessung

Norm-Feldhütten werden subventioniert

Nur etwa zehn Prozent der Hütten seien transportfähig. «Der Umzug auf eine neue Parzelle würde für 90 Prozent aller Kleinpflanzer mit dem Neubau einer Hütte einhergehen.» Das verursache hohe Kosten. Werner Schwendener, der Projektverantwortliche der Ortsgemeinde Buchs, kontert auf dieses Argument:
Die Ortsgemeinde Buchs wird Norm-Feldhütten zu einem subventionierten Preis anbieten.
Ein entsprechender Betrag sei ins Budget 2022 aufgenommen worden. Zudem sei vorgesehen, beim Umzug bestehender Feldhütten behilflich zu sein. Schwendener erklärt:
Durch die Auflösung der Pachtverhältnisse im Laufe der Jahrzehnte ist ein Flickenteppich entstanden. Feldhütten mit den dazugehörenden Gartenparzellen sind planlos über das gesamte Gemeindegut verstreut.
So sei die Bewirtschaftung der dazwischen liegenden Flächen durch Landwirte immer aufwändiger und schwieriger geworden. Darum sei die Konsolidierung des Gemeindeguts mit der verbundenen Neuordnung der Kleinpflanzer-Parzellen beschlossen worden, erklärt der Vizepräsident des Verwaltungsrates der Ortsgemeinde.

Viele Kleinpflanzer werden oder müssen ihr Hobby aufgeben

Hobbygärtner Hofmänner wirft der Ortsgemeinde weiter vor, sie nehme mit ihrem Vorgehen «bewusst in Kauf, dass die meisten Kleinpflanzer ihr Hobby aufgeben müssten, weil sie schon in einem Alter sind, in dem solch grosse Veränderungen sehr belastend erscheinen».
 Feldhütten der Kleinpflanzerinnen und Kleinpflanzer in der Morgenweid.
Feldhütten der Kleinpflanzerinnen und Kleinpflanzer in der Morgenweid.
Bild: Heini Schwendener
Dagegen sagt die Ortsgemeinde, aufgrund ihrer Erhebungen und Erfahrungen seien die heutigen Parzellen insbesondere für die Kleinpflanzer im fortgeschrittenen Alter ohnehin zu gross: «Sie bewirtschaften nur noch einen Bruchteil der Parzelle.» Während Corona sei die Nachfrage von Hobbygärtnern nach Pachtland stark gestiegen. Auch die Auflösung der SBB-Schrebergärten habe dazu beigetragen.

Win-Win-Situation versus ökologische Bedenken

Die Ortsgemeinde könne an den beiden neuen Standorten für Kleinpflanzer-Parzellen dank der grossen Flächen und der auf 300 m2 normierten Parzellen fortan der Nachfrage gerecht werden. Alle könnten sich dafür bewerben, bestehende wie auch neue Pächterinnen und Pächter. «Struktura 24» führe also zu einer Win-Win-Situation für alle, ist der Verwaltungsrat der Ortsgemeinde überzeugt. Im Frühjahr 2022 wird unter den Pächterinnen und Pächtern der Kleinpflanzer-Parzellen eine Befragung durchgeführt, bei der sie unter anderem auch ihre Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf eine Ersatzparzelle anbringen können. Peter Hofmänner und seine Hobbygärtner-Kollegen bleiben skeptisch. Die von Kleinpflanzern geschaffenen Naturoasen würden verschwinden. Der Verwaltungsrat wird aufgefordert, «im Sinne des Naturschutzes, des Bodenschutzes, der Biodiversität und der Kleinpflanzer» zu handeln. Hofmänners Brief schliesst mit dem Satz:
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Verwaltungsrat dem Erhalt der natürlichen Vielfalt einen höheren Stellenwert zukommen lässt und nicht die landwirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund stellt.
Aus dem Kamin von Hofmänners Hütte steigt noch immer Rauch auf. Zurück bleibt die Hoffnung, dass die «Feldruh» bald wieder einkehrt.