Florence Gaub sitzt sozusagen an der Quelle. Seit 2023 leitet sie den Forschungsbereich am Nato Defense College in Rom. Als Direktorin berät sie internationale Regierungen und Organisationen mit Trendanalysen und Zukunftsszenarien und publiziert zu aktuellen geopolitischen Themen.
In Widnau erklärte sie auf Einladung des Arbeitgeberverbandes und des Vereins St.Galler Rheintal die Strategien der grossen Mächte und die Risiken für eine kriegerische Auseinandersetzung. Sie gab Tipps, wie man als Unternehmen und als Mensch auch im Rheintal auf Krisen eingestellt sein kann und ihnen am besten begegnet.
Die Politikwissenschaftlerin griff ein eigenes Zitat in den Eröffnungsworten von Klaus Brammertz, Präsident des AGV Rheintal, auf: Zukunft ist nicht etwas, das man betritt, sondern gestaltet. Gaub erwähnte die englische Formulierung «future is not ahead, future is in your head». Mit anderen Worten: Das menschliche Gehirn könne nicht gut mit Unwägbarkeiten umgehen, aber wir seien der Zukunft nicht einfach ausgeliefert, sondern wir könnten sie gestalten.
Von der Grosswetterlage nicht irritieren lassen
Sie riet den Anwesenden, das zu optimieren, was man beeinflussen kann. Wenn also Trump Russland nur als Regionalmacht sieht, Putin deshalb beleidigt überreagiert und die US-Regierung Europa zumindest teilweise im Regen stehen lässt, weil man sich in Washington auf die Hauptherausforderung Asien konzentrieren muss, dann könnten wir das hier im Rheintal nicht beeinflussen. Aber was wir tun könnten, dank Erfindergeist, guten Handelsbeziehungen mit den Nachbarländern und einer stabilen gesellschaftlichen Ordnung, stimme sie für unsere Region durchaus zuversichtlich.
Das eigene Ich, so die Expertin, könne man am besten beeinflussen. Also: Sich nicht verrückt machen lassen. Beispiel Medienkonsum:
Nicht jede Meldung zu analysieren versuchen.
Dann merke man auch, dass Fakten und die Einschätzungen, zu denen man deswegen komme, nicht dasselbe seien. Sie erläuterte das am Beispiel der russischen Aufrüstung: Wenn Putin jetzt mit psychologischer Kriegsführung arbeite und immer wieder mal einen Angriff auf die Nato ins Spiel bringe, nur um später wieder davon abzurücken, müsse man sehen: Russland rüste seit 2009 deutlich auf. Die aktuelle Aufrüstung könne man daher nicht als Anhaltspunkt für konkrete Angriffspläne deuten.
Kommt der Krieg, sollte es ihn geben, in die Schweiz?
Immer wieder werde sie gefragt, ab wann man mit einem konventionellen Krieg rechnen müsse. Sie könne dann immer die gleiche Antwort geben: Für einen konventionellen Angriff auf den Westen bestehe kein Anlass, es sei nicht vernünftig und für Russland auch nicht durchführbar.
Eine realistische Gefahr sei die hybride Kriegsführung mit Desinformation, geheimdienstlicher Aufklärung und gezielter Verunsicherung, etwa mit den sprengstoffbeladenen Päckchen quer durch Europa. Hier gehe es nur um die psychologische Wirkung: «Der nächste Kriegsschauplatz sind unsere Köpfe!» Trotzdem sei es für die Schweiz ratsam, sich um ein paar Probleme zu kümmern, etwa die Frage, wie man sich darauf einstellen könne, dass das Satellitensystem einmal nicht funktioniere – Stichwort Flugverkehr.
Der Drohnenkrieg sei bereits der Krieg von heute, die Zukunft sei ungewiss. In allen Jahrhunderten seien immer noch alle Prognostiker mit ihren Vorhersagen danebengelegen. Das habe auch damit zu tun, dass sie die technischen Aspekte überbewerteten und die menschlichen Faktoren unterbewerteten. Auch dafür gab sie ein Beispiel, die Wehrhaftigkeit der Ukraine.
Ihrer Erkenntnis nach sei im Ukraine-Krieg das wahrscheinlichste Szenario, dass die Ukraine im harten Winter durchhalte, Moskau dann die Kälte nicht mehr als Waffe einsetzen könne und es dann vielleicht im Sommer einen – unter Umständen mehrjährigen – Waffenstillstand gebe. Derjenige zwischen Nord- und Südkorea dauere nun immerhin schon etwa 70 Jahre.
Was tun als Unternehmer bei unsicherer Lage?
Von Moderator Ralph Dietsche um praktische Tipps gebeten, wie man als Rheintaler Unternehmer vorgehen solle, schlug sie drei Stufen vor: Als Erstes eine Risikoanalyse vornehmen, also Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten identifizieren und Optionen prüfen. Zweitens: opportunistisch vorgehen, also nach Chancen und nicht nur nach Problemen suchen:
Aus jeder Krise ergeben sich interessante Öffnungen.
Drittens: auf die mentale Hygiene achten, emotionale Selbstkontrolle anstreben. Sprich: auch mal abschalten. Oder auch mal mit älteren Menschen sprechen, die dank ihrer Erfahrung in der Regel positiver und nüchterner mit solchen Situationen umgehen könnten. «Reden Sie einfach mal mit Ihrer Oma.»
Abschliessend stellte sie dem Rheintal nochmals ein gutes Zeugnis aus: Man sei hier gut vernetzt, und «Innovationen sind das Wichtigste, was wir in der Krise haben». Da mache sie sich um die Rheintaler Wirtschaft und Bevölkerung wenig Sorgen, man solle ins rationale Handeln kommen. Anders formuliert: In den Köpfen sitzt die Vergangenheit, die Zukunft liegt in unserer Hand.
Gerüstet für geopolitische Krisen