Darum geht es
- Beat Kälin aus Wigoltingen erhält den Radio- und Fernsehpreis der Ostschweiz.
- Der Blaulichtreporter dokumentiert seit Jahren Unfälle und Naturereignisse. Besonders bekannt wurden seine Bilder vom Felssturz in Blatten.
- Mit dem Preis würdigt die Jury seine Arbeit als schnellen Blaulichtreporter.
- Als Nächstes könnte für ihn eine Liveschaltung für Fox Sports in die USA anstehen.
Sie erhalten den diesjährigen Radio- und Fernsehpreis der Ostschweiz für Ihre Arbeit als Blaulichtreporter. Wie haben Sie reagiert, als Sie davon erfahren haben?
Beat Kälin: Ich dachte zuerst, ich sei höchstens nominiert. Als es dann am Telefon hiess, ich hätte gewonnen, hielt ich das erst für einen Scherz. Ich habe den Namen der Anruferin sogar gegoogelt, weil ich es nicht glauben konnte. Denn unter Kameraleuten steht der Blaulichtreporter eher ganz unten. Viele der Fernsehkameraleute sagen: «Das kann doch jeder.» Das stimmt auch. Ich bin kein Profi. Wenn jemand über Blenden oder Verschlusszeit spricht, verstehe ich Bahnhof. Ich weiss, wie ich die Kamera halten muss, und ich weiss, wo sich der Einschalt-Knopf befindet.
Aber irgendwas müssen Sie können.
Ich bin der Schnellste. Wenn etwas passiert, springe ich ins Auto und halte die Linse aufs Geschehen. Dass ich dafür nun geehrt werde, hat mich aber ehrlich gesagt überrascht. Ich habe nie eine Medienschule besucht, komme vom Strassenbau und habe mir alles selbst beigebracht.
Die Jury schreibt, Sie würden Ihrem Beruf «konsequent alles unterordnen». Inwiefern?
Als ich in Blatten war, hatte ich den grössten Familienkrach mit meinem Bruder. Ich bin Götti seiner Tochter und genau während der zehn Tage, in denen ich in Blatten im Einsatz war, fand ihre Taufe statt. Er konnte überhaupt nicht verstehen, dass ich nicht kommen konnte. Ich habe tatsächlich überlegt, kurz nach Hause zu fahren. Aber ich dachte, genau dann kommt der Berg runter. Also blieb ich. Mein Vater sprang schliesslich als Ersatzgötti ein. Heute ist die Sache zum Glück wieder gut.
Was treibt Sie nach über 15 Jahren immer noch an?
Das Ungewisse. Ich weiss morgens nie, was der Tag bringt. Genau das liebe ich. Ich könnte nicht acht Stunden im Büro sitzen und Formulare ausfüllen.
Wie hat sich Ihr Alltag in den letzten Jahren verändert, seit Sie Blaulichtreporter sind?
Früher standen an einer Unfallstelle ein Dutzend Medienschaffende. Heute bin ich oft alleine dort. Die Verlage sparen immer mehr. Eigentlich ist das für mich sogar ein Vorteil, weil kaum noch jemand diese Art von Arbeit macht. Work-Life-Balance wird heute bei vielen grossgeschrieben.
Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen notwendiger Berichterstattung und Sensationslust?
Ich gehe immer mit dem Gedanken an einen Einsatz: Was wäre, wenn das mein Vater oder mein Bruder wäre? Dann hast du automatisch die nötige Distanz. Ich möchte niemanden blossstellen. Ich möchte zeigen, was passiert ist und weshalb. Vielleicht denkt danach jemand zweimal nach, bevor er mit 120 statt 50 Stundenkilometern durch ein Dorf fährt. Das ist für mich auch Präventionsarbeit.
Sie gehen dahin, wo Menschen grosses Leid erfahren. Wie grenzen Sie sich ab?
Ich konzentriere mich jeweils ganz auf die Technik. Ich blende das Geschehen aus. Das funktioniert eigentlich ganz gut, bis zu einem Vorfall vor bald drei Jahren. Kurz vor Weihnachten wurde in Sargans ein Kleinkind von einem Lastwagen überfahren. Es war damals etwa im Alter meines Ältesten. Ich hatte mich wie immer auf die Arbeit fokussiert, als plötzlich der Götti des verstorbenen Kindes auf mich zurannte, mich umarmte und weinte. In diesem Moment brach diese Mauer zusammen.
Wie hat sich das geäussert?
Danach wollte ich den Polizeisprecher interviewen. Bei der dritten Frage begann plötzlich meine Lippe zu zittern und ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Das ist mir zuvor noch nie passiert. Wir mussten das Interview unterbrechen. Beim zweiten Anlauf kämpfte dann der Polizeisprecher mit den Tränen. Erst beim dritten Versuch hat es geklappt.
Was bedeutet dieser Beruf für Ihr Privatleben? Worauf verzichten Sie?
Ferien sind bei uns praktisch ein Fremdwort. Für meine Frau zum Glück auch. Sie kommt aus einer Bauernfamilie und kennt dieses Leben. Die letzten richtigen Ferien waren unsere Flitterwochen vor fast zwölf Jahren.
Können Sie zumindest manchmal abschalten?
Keine Chance. Wenn ich irgendwo bin und eine Sirene höre, will ich sofort wissen, was vorgefallen ist. Trotzdem bleibe ich ruhig. Wenn etwas passiert, bin ich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar, springe ins Auto und fahre los. Aber ich rase deswegen nicht. Geschwindigkeitsbussen habe ich also praktisch nie.
Der Preis, den Sie im November erhalten, ist mit 10'000 Franken dotiert. Was machen Sie damit?
Als Erstes lade ich mein ganzes Team zum Essen ein. Ohne sie hätte ich das nie geschafft. Danach möchte ich meine engsten Mitarbeitenden vielleicht in ein schönes Hotel einladen. Und ein Teil soll natürlich auch meiner Familie zugutekommen. Vielleicht machen wir uns auch zwei, drei schöne Tage.
Und gibt es ein nächstes grösseres Projekt?
Ja, möglicherweise. Am Mittwoch hat uns Fox Sports angefragt. Der Sender ist der offizielle Rechteinhaber der Fussball-WM im englischsprachigen Raum. Der Plan ist, dass ich in der Nacht auf Sonntag live von einem Public Viewing in der Schweiz in die USA schalte. Meine Idee ist eine Liveschaltung aus der Winti-Arena in Winterthur. Ich hoffe, das klappt. Allerdings haben die Amerikaner dank Social Media auch noch einen Anlass in der Westschweiz entdeckt. Jetzt versuche ich, sie von Winterthur zu überzeugen. Das liegt näher an meinem Wohnort in Wigoltingen.
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