Jedsy – das sind die grün-weissen Drohnen am Himmel über Sevelen. Nicht zu verwechseln mit Flugzeugmodellen, denen sie ähnlich sehen. Aufgefallen sind sie schon einigen Einheimischen, gerade auch, weil sie nicht immer nur leise sind. Dies hängt von der Windgeschwindigkeit und -richtung ab. Die kleinen, umweltfreundlichen Flieger aus Carbon mit integriertem Transportfach im «Drohnenbauch» verursachen vor allem beim Starten und Landen aufgrund des Propellereinsatzes Lärm. Sind sie einmal auf ihrer maximal erlaubten Flughöhe von 100 Metern angekommen, werden sie leise.
Das vor fünf Jahren gegründete Start-up mit seinen 70 Mitarbeitenden, davon 20 in Sevelen, zehn in Kroatien, 30 in Malawi und einigen Freelancern, hat vor zwei Jahren seinen Sitz von Berneck nach Sevelen verlegt. Der W&O traf Unternehmensgründer und Mitinhaber Herbert Weirather aus Eschen beim Drohnenport in der Nähe des Hauptsitzes der Delivery Glider AG, so der Name des Unternehmens, welches den Jedsy – was so viel bedeutet wie «kleiner, süsser Düsenjet» – produziert.
Bis zu 120 km reicht der Schnauf
Drohnen sind eine smarte Ergänzung in der Lieferkette und könnten in Zukunft die Logistik von Lieferunternehmen revolutionieren. Insbesondere sind sie auf «die letzte Meile» spezialisiert und erbringen dort sichtlich Vorteile durch ihre Effizienz und den umweltverträglichen Einsatz. Sie können grundsätzlich für den Transport von Medikamenten, Eilgut, Paketen und Ersatzteilen eingesetzt werden. «Wir könnten uns vorstellen, auch im Transport von Lebensmitteln Einsatzgebiete zu finden», erläutert Herbert Weirather mit Blick auf die Zukunft und die Entwicklung der Gesellschaft.
Die neueste Generation der Jedsy-Drohne, die Jedsy X, kann eine Distanz von bis zu 120 Kilometern bewältigen, bevor sie wieder neue Power aus der Stromdose benötigt. Sie schafft es, sich im gegenwärtigen Entwicklungsstadium gegen einen Wind von bis zu 40 km/h durchzusetzen, und dies mit Frachtgut «im Bauch».
Kooperationen mit namhaften Klinik-Gruppen
Zu den Kunden der Delivery Glider zählen etwa die Dr. Risch-Gruppe für Labormedizin aus Vaduz, welche 16 Standorte in der Schweiz und Liechtenstein betreibt, davon auch einen in Werdenberg in Buchs an der Lagerstrasse 30. Ebenfalls zur Kundschaft zählen seit über einem Jahr die Asklepios Kliniken mit 170 Einrichtungen in Deutschland und seit Neuestem auch die Hirslanden Gruppe in der Schweiz. Herbert Weirather ist Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik mit einem Master-Abschluss an der Technischen Universität München, zweifacher Vater und Gründer des Drohnen-Start-ups. Vor dem Testcontainer in Sevelen stehend, sagt der 38-Jährige mit einem zuversichtlichen Lächeln im Gesicht:
Jedsy ist mein drittes Baby. Ich möchte sehen, wie es wächst und sich entwickelt. Ich investiere viel Zeit in dieses Baby.
Werdenberg, Kroatien, Malawi
Das junge, dynamische Unternehmen unterhält auch einen Standort in Split, Kroatien. Von dort wird die gesamte Überwachung aller im Einsatz stehenden Drohnen gesteuert, also auch jener in Sevelen und jener im Einsatz zwischen Vaduz und Buchs. Jedsy betreibt derzeit acht Drohnen in Europa und zehn im südostafrikanischen Malawi. In Kroatien habe er hoch motivierte Mitarbeitende gefunden, die bereit waren, sich auf Neues einzulassen, so Weirather.
In Malawi sei die staatliche Luftfahrtbehörde von Beginn weg entgegenkommend gewesen und habe keine behördlichen Hürden gesetzt. In einigen Ländern Afrikas, so der Unternehmer, vollziehe sich gerade ein Quantensprung in der Entwicklung von Technologien, welche den Ländern helfen werde, sich im Eiltempo zu entfalten. Selbst ist er mehrmals pro Jahr vor Ort in Malawi.
Im Schnitt 15 bis 20 Drohnen pro Tag
Vor zwei Jahren, nach ihrem Umzug von Berneck nach Sevelen, haben die Pioniere der logistischen Drohnentechnologie einen unauffällig grauen Container in der Nähe ihres Hauptstandortes – am Ende der Zufahrtsstrasse zur Seveler Lidl-Filiale – auf einem Gewerbeparkplatz aufgestellt. Der Container dient als Prüfstation und ist gleichzeitig an der nördlichen Seitenwand unterhalb des Fensters Andockstelle für An- und Abflüge – im Fachjargon genannt Mailbox – sowie Garage für die Testdrohnen. Gleich anschliessend beginnt die Landwirtschaftszone auf Seveler Gemeindegebiet mit ausgedehnten Nutzungsflächen.
In der Regel arbeiten am Standort des Containers ein bis zwei Testpiloten. Über das Wochenende wird gemäss Herbert Weirather auf Testflüge verzichtet, Ausnahmen kann es an Samstagen geben. Im Schnitt starten 15 bis 20 Drohnen pro Tag von Montag bis Freitag. Es gibt auch Wochentage, an denen gar nicht geflogen wird, und wiederum andere, an denen bis zu 40 Starts und Landungen nötig sind. Während der Mittagszeiten sowie an Sonn- und Feiertagen möchte Jedsy auf Flüge verzichten.
Einwände aus Bevölkerung: Gemeinde wurde aktiv
Das Nutzungsgesuch zur Bewilligung von Drohnenflügen an die Gemeinde Sevelen für die Parzellennummer 1430 am Bahnweg Nord 16 ist in Bearbeitung. Gemeindepräsident Eduard Neuhaus bestätigt auf Anfrage, dass es in den letzten Monaten vermehrt zu Einwänden von Seiten der Bevölkerung aufgrund der Lärmimmissionen gekommen sei. «Die Gemeinde ist aufgrund von Einwänden und Hinweisen aus der Bevölkerung aktiv geworden», erläutert Eduard Neuhaus. Werden die gesetzlichen Lärmvorschriften eingehalten durch die Betreiber, könne eine Bewilligung erteilt werden.
Die Testflüge dürfen auch während des Bewilligungsverfahrens stattfinden. Mit Blick auf die Zukunft erörtert Neuhaus:
Die Gemeinde Sevelen ist interessiert, dass sich innovative Unternehmen auf dem Gemeindegebiet ansiedeln. Jedoch gilt es dabei, die hohe Lebensqualität der Einwohnerinnen und Einwohner zu gewährleisten.
Weite Fläche, dünn besiedelt
«Es gibt nur wenige Standorte, die über ein solch breites, freies Feld verfügen und damit ideale Bedingungen für Starts und Landungen für Drohnen zur Verfügung stellen», sagt Herbert Weirather. Ein weiterer Vorteil des Standortes ist für das junge Unternehmen, dass Sevelen die beiden wichtigen Destinationen Buchs und Vaduz verbindet. «Von Sevelen aus können die Drohnen sowohl nach Buchs als auch nach Vaduz und zurück zur Kundschaft fliegen, ohne dabei dicht besiedeltes Gebiet überqueren zu müssen.» Zum zehnköpfigen Team in Sevelen am Hauptstandort Bahnweg Nord 15, unweit des Container-Standortes, zählen Ingenieurinnen und Ingenieure aus spezialisierten Bereichen, darunter promovierte Fachleute aus der Regelungstechnik sowie Masterabsolventen in Robotics, Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik und Elektrotechnik.
Investoren sehen grosses Potenzial
Die leisen Flieger, vorwiegend aus Carbon hergestellt, mit einer Spannweite von 2,90 Metern, sind VTOL-Drohnen. VTOL steht für Vertical Take-off and Landing, was so viel heisst, dass die Drohne vertikal starten und landen kann. Bei Jedsy ist dieser technologische Anspruch nochmals erhöht worden. Die Drohne aus dem Werdenberg, die zum grossen Teil von den Mitarbeitenden im Produktionswerk in Malawi hergestellt wird, kann direkt an einem Fenster, respektive einer Wand, vertikal landen oder starten. Es benötigt keine Lande- und Startbahn, was den Einsatz der Transportdrohne in dicht besiedeltem Gebiet oder bei schwierigen topografischen Voraussetzungen erleichtert. Zudem kann eine VTOL-Drohne einfach be- oder entladen werden, sei es mit Blutproben, mit Blutkonserven oder Medikamenten.
Weirathers Auftraggeber aus der medizinischen Laboranalytik sind mehr als zufrieden. Investoren aus der Schweiz, Liechtenstein, den USA und weiteren europäischen Ländern klopfen fortlaufend bei ihm an. Das Start-up hat durchgestartet. Nun gilt es, bei der regionalen Bevölkerung Verständnis zu schaffen für die «kleinen süssen Düsenjets» mit Frachtgut im Bauch am Himmel.
Lieferdrohnen am Seveler Himmel: Derzeit wird Bewilligung geprüft