Im späten 19. Jahrhundert entwickelte der englische Ingenieur Robert Hope-Jones ein neuartiges elektrisches System zur Steuerung von Kirchenorgeln. Als Organist war er auch daran interessiert, für die riesigen Kathedralen neue Orgelregister zu schaffen, welche eine durchschlagende Klanggewalt entfalten konnten. Die technischen Grundlagen hierfür lernte er bei seinen beruflichen Tätigkeiten in einer Schiffswerft und der National Telephone Company kennen.
Nach einer Reihe finanzieller Rückschläge wanderte Hope-Jones in die USA aus. Dort fand er eine Anstellung beim bekannten Musikinstrumentenfabrikanten Wurlitzer. Folglich wurde Wurlitzer zum weltweit führenden Hersteller von Theaterorgeln, welche Aufstellung in den neu aufkommenden Kinos fanden. Hier begleiteten diese Instrumente die Stummfilmvorführungen. Jedoch kam wenig später der Tonfilm in Mode, und die Kinoorgel diente fortan zur Unterhaltung in den Vorprogrammen und Pausen.
Manche Orgelbauer versuchten, die äusserst erfolgreichen Wurlitzer-Instrumente zu kopieren. Am eindrücklichsten gelang dies John Compton in London. Er reizte die damalige Elektrotechnik zur Steuerung von Orgeln vollkommen aus und erfand eine Apparatur zur Erzeugung synthetischer Klänge, welche er in seine Pfeifenorgeln integrierte. Die John Compton Organ Company wurde zum ernsthaften Konkurrenten der amerikanischen Wurlitzer.
Warum Jürg Sigg ein solches Instrument besitzen wollte
Aber wie kommt nun eine Compton nach Sennwald? Die Geschichte beginnt in Schlieren. In den 1980er-Jahren hörte der junge Handwerker Jürg Sigg zum ersten Mal eine Schallplattenaufnahme mit Kinoorgelmusik. Der fröhliche und warme Klang fesselte ihn auf Anhieb. Ohne zu wissen, welch enorme Ausmasse solch eine Kinoorgel aufweist, setzte sich Jürg in den Kopf, einmal ein solches Instrument zu besitzen.
Beruflich bedingt wurde Jürg dann in Sennwald wohnhaft und erwarb ein Bauernhaus mit Scheune. Zur selben Zeit war in einer Fachzeitschrift eine Compton-Orgel zum Verkauf ausgeschrieben. Kurzerhand holte sich Jürg Sigg das damals in Frankreich aufgebaute Instrument nach Sennwald. Alleine schon diese Unternehmung ergäbe eine filmreife Story!
Zuerst aber ein Blick zurück: Erbaut wurde die «Sennwalder» Compton im Sommer 1936 für das Cinema Ritz in Penzance (Südwestengland). 1965 wurde der Kinobetrieb eingestellt, das Gebäude fortan als Bingo-Club genutzt. Etwa 1975 gelangte die Orgel in einen Gasthof in Snaith. Bei diesem Umzug wurde das ursprünglich recht bescheidene Instrument auf fast doppelte Grösse erweitert. Dies geschah aber immerhin unter Mitwirkung von Fachleuten der Firma Compton und unter Verwendung von Originalteilen.
Weniger gut bekamen dem Instrument zwei weitere Standortwechsel. Über gewinnorientierte Händler und durch unqualifizierte Hände verändert, kam die Orgel zuerst nach Belgien, danach eben nach Frankreich.
Neuer Anlauf nach langem «Dornröschenschlaf»
1991 fügte Jürg Sigg die erworbenen Orgelteile, ein ganzer Lastwagen voll, in seiner Scheune zusammen. Aufgrund der Vorgeschichte erwies sich die Compton aber als vollkommen unspielbar. Die gedämpfte Freude und dringend notwendige Arbeiten am Haus liessen die Orgel in einen Dornröschenschlaf versinken.
Im Jahr 2023 nahm Jürg Sigg einen zweiten Anlauf, reinigte alle Orgelteile und installierte diese in der neu konstruierten Orgelkammer. Eine beachtliche Menge an Funktionen erwachte zu neuem Leben. Ende 2024 gesellte sich Adrian Göldi (die beiden kennen sich seit Ankunft der Orgel in Sennwald) dazu. Es konnten die Intonationsarbeiten (diese betreffen den Klang) in Angriff genommen werden.
Vorerst einigte man sich darauf, die Orgel «einigermassen spielbar» herzurichten, da die Ausgangslage nicht sehr vielversprechend war. Im Laufe der Intonationsphase wurden auch immer wieder technische Eingriffe und die Fertigung von abgegangenen Teilen nötig, was sich aber als äusserst motivierend und lehrreich herausstellte.
Das Instrument präsentierte sich Anfang 2026 in einem Zustand, welcher nie zu erreichen erhofft worden war. Dies veranlasste Jürg Sigg und Adrian Göldi dazu, der edlen Lady Compton ein Geburtstagsgeschenk zu machen: ein Konzert mit Donald MacKenzie auf der Orgelbank!
Der bekannte Organist sagte spontan für ein Konzert zu
Der Künstler aus Grossbritannien gilt als einer der besten Stummfilmbegleiter Europas. Sigg und Göldi besuchten vor Jahren ein Stummfilmkonzert in St.Gallen und hörten Donald MacKenzie spielen. Auf gut Glück nahmen sie mit ihm Kontakt auf, und der Orgelvirtuose sagte spontan für ein Konzert in Sennwald zu! Bei Jürg Sigg und Adrian Göldi stieg nun die Spannung mit jedem Tag. Was würde Donald MacKenzie zum Instrument meinen?
Dann war der Moment da: Der Engländer setzte sich das erste Mal an die Orgel. Und sein Fazit nach der ersten Probe: «It sounds great, I’m very pleased with it.» Er war begeistert, sowohl von Lady Compton als auch vom Raum, in dem sie steht. Beides zusammen ergäbe einen grossartigen Klang, lobte er. Seine Begeisterung rühre auch daher, dass es ihm grosse Freude bereite, auf einer Kinoorgel zu spielen. Zudem möge er die Stummfilmzeit der 1920er- und 1930er-Jahre sehr. Dies widerspiegelte sich auch in der Stückauswahl für das Konzert in Sennwald vor rund 30 geladenen Gästen.
Ein Feuerwerk an Musikgeschichte
Nach den einleitenden Worten durch Jürg Sigg über die «Geburt» und den Werdegang der Kinoorgel im Allgemeinen und von Lady Compton im Speziellen wurde es still im Saal. Donald MacKenzie setzte sich an die Console, betätigte den Schalter für das Gebläse (den Orgelwind) und wartete, bis sich der Winddruck stabilisierte. Das Geräusch hierbei ähnelte dem Start einer Turbine. Was folgte, war ein Feuerwerk an Musikgeschichte.
Folgend auf die ruhige Ballade «Her Name is Mary» von Harold Ramsay (1932) wähnte man sich in Spanien. Mit dem Stück «La Paloma» hatten auch die Kastagnetten als einer der Spezialeffekte der Orgel ihren ersten Auftritt. Viele weitere sollten folgen: Vogelgezwitscher, Dudelsack, Lokomotive, Wind, Meeresrauschen, Klingel, sogar eine alte Autohupe quäkte energisch aus der Orgelkammer.
Beim folgenden Medley tanzten Donald MacKenzies Finger über die Orgeltasten und Fred Astaire und Ginger Rogers in den Gedanken der Gäste unter anderem zu «A Fine Romance» und «The Way You Look Tonight» aus dem Jahre 1936. Es folgte «Die Mühle im Schwarzwald» und «Der dritte Mann». Ein weiterer Höhepunkt war eine Liedauswahl aus dem Musical «My Fair Lady» von Bernard Shaw. Zum fulminanten Abschluss spielte MacKenzie eine Auswahl von Filmmelodien, wobei auch James Bond Lady Compton alles Gute zum Geburtstag wünschte. Lady Compton ist mit dieser Konzertpremiere definitiv in Sennwald angekommen.
Donald MacKenzie bestreitet diesen Monat noch ein Konzert in Deutschland und hat mehrere Engagements in London. Der Nachmittag in Sennwald lässt erahnen, dass ihn sein Weg durchaus wieder einmal zur einzigen Compton-Orgel der Schweiz führen wird. Das Konzert in Sennwald wurde aufgezeichnet und wird auf Rheinwelten TV ausgestrahlt. Weitere Konzerte werden hoffentlich folgen.
Metropolitaner Sound und Stummfilm-Magie: Ein Stargast an den Tasten der Compton-Orgel