In seinen letzten Lebenstagen konnte Peter Diener noch einmal zur Südverschneidung am 2. Kreuzberg hochblicken. Die Begehung dieser Kletterroute im Jahr 1958, damals im obersten Schwierigkeitsgrad, war für ihn eine besondere Weichenstellung auf einem Lebensweg mit vielen schicksalshaften Wendungen. Einem Weg, auf dem er oft eine überaus schwere Variante wählte, die Mut, Ausdauer, Härte und Können abverlangte, an dessen Ziel jedoch Glück und Freude warteten.
Peter Diener, am 29. Januar 1929 im ostdeutschen Olbersdorf geboren, wuchs mit mehreren Geschwistern in der Familie eines Dachdeckers auf. War es die Arbeit seines Vaters, die ihn zunächst weniger auf Dächer, dafür umso mehr auf die fantastischen Felstürme seiner Heimat im Elbsandstein lockte? Mit einem halben Ankertau als Kletterseil, womit seine Ausrüstung schon aufgezählt wäre, erstieg er als Bub bereits schwierigste Wände.
Als er während des Zweiten Weltkriegs mit dem Alpenclub erstmals in die österreichischen Berge reiste, dort die steilen Felsengipfel und mächtigen Gletscher sah und einen Dreitausendergipfel besteigen konnte, setzte sich in seinem Herzen ein Wunsch fest: Könnten doch diese Alpen einmal meine Heimat sein!
Die Realität war aber eine andere. Das Deutsche Reich brach zusammen, die russischen Truppen rückten näher. Der sechzehnjährige Peter wurde dem Volkssturm zugeteilt, doch der weise Ortskommandant liess die Waffen der Buben einziehen und schickte sie in die Wälder, bis die grösste Gefahr vorüber schien. Von nun an zählte Sachsen zur DDR und zum Ostblock. Peter absolvierte die Lehre zum Dachdecker. Hunger und Armut mussten alle ertragen, doch freiheitsliebende Menschen wie er empfanden ihre Heimat als zukunftsloses Gefängnis.
Eine lange Velofahrt in die Freiheit
Mit 21 Jahren entschloss er sich zur Flucht. Zusammen mit Freund Hartl brach er mit dem Velo auf, rund 400 Kilometer nach Westen, bis zur Todeszone des Grenzstreifens. Nachts schlichen die zwei durch den Wald, das Velo geschultert, als unvermittelt eine bewaffnete Wachtpatrouille vor ihnen auftauchte. Sofort legten sie sich nieder und verharrten stundenlang regungslos, bis ein Gewitter kam und sintflutartiger Regen einsetzte. Die Soldaten suchten vor den zuckenden Blitzen Unterschlupf und die Flüchtenden rannten um ihr Leben. Die Velofahrt in der Freiheit Westdeutschlands führte Peter Diener ins zerbombte Stuttgart, wo er bei einem liebenswürdigen Meister genügend Arbeit fand.
Eines Tages zeigte ihm sein Zimmervermieter das Zeitungsinserat einer Dachdeckerstelle im schweizerischen Toggenburg. 1952 fuhr Peter mit einem Töff in die Schweiz und konnte in Lichtensteig eine neue Arbeit antreten. Rasch fand er Anschluss an die kleine Szene der wilden Felskletterer und schon bald reihten sich schwierigste Touren und Erstbegehungen aneinander: Moor Südwand, Bockmattli Nordwand, zwei neue Routen am Grossen Drusenturm, Schijenfluh Westwand, Grosse Zinne und Peutereygrat. Kletterpartner waren häufig Kameraden des Kletterclubs Alpstein, einer Verbindung extremer Felsakrobaten. Zeit für ihre Abenteuer fanden sie zwischen Samstagnachmittag und Sonntagabend, die Wochentage galten dem beruflichen Lohnverdienst. Den Drang, ans Limit zu gehen, konnte auch der frühe Tod mancher Bergkameraden nicht hemmen.
In der Höhe schwer erkrankt
1958 durchstieg er mit Max Eiselin die Südverschneidung des 2. Kreuzbergs. Während der Gipfelrast lud ihn Max ein, an der Expedition zum Dhaulagiri teilzunehmen, dem letzten unbestiegenen Achttausender. Zudem konnte er einen fähigen Kletterpartner auswählen. Das sollte sein Seilkamerad Ernst Forrer sein, der bärenstarke Bergsteiger und Briefträger aus Wildhaus. Die beiden absolvierten ein hartes Training, rannten die steilsten Wege hoch, biwakierten in Schneehöhlen und durchstiegen zur Vorbereitung die Eiger Nordwand. Die Tour jedoch war mit einem Makel behaftet: Wegen starker Vereisung brauchten sie zwei Tage für die ganze Route und erschienen ausnahmsweise einen Tag zu spät bei der Arbeit.
Im März 1960 startete ein Pilatus Porter mit vier Personen zum acht Tage dauernden Flug von der Schweiz nach Kathmandu, mit dabei Peter Diener. Das Flächenflugzeug sollte den weiten Anmarschweg vermeiden und die Alpinisten rasch zum Berg bringen. Doch das schnelle Überwinden grosser Höhenunterschiede barg seine Tücken. Peter erkrankte schwer und benötigte Pflege im Tal, während oben in Schnee und Eis die Hochlager errichtet wurden. Mit dem letzten Flug gelangte er wieder zur Expedition, kurz darauf zerschellte der Pilatus Porter auf einem Gletscher, die Piloten blieben unverletzt.
Mit der Schweizerflagge auf dem Dhaulagiri
Am 13. Mai standen sechs Bergsteiger auf dem Gipfel des Dhaulagiri. Nach einer furchtbaren Nacht im ausgesetzten Hochlager erlaubte ein windstiller Tag den erfolgreichen Schlussaufstieg. Peter Diener fühlte sich langsamer als sein Seilkamerad und band sich los, um ihn nicht zu behindern. Als letzter erreichte Peter Diener den höchsten Punkt. Ernst Forrer umarmte ihn und gab ihm den Pickel mit der Schweizerflagge in die Hand. Das Foto zierte später die Titelseiten verschiedenster Magazine. Aus den jungen Wilden waren weltbekannte Höhenbergsteiger geworden.
Nun standen viele Türen offen, auch die Einladung für eine weitere Expedition zu einem wunderschönen, unbestiegenen Himalayariesen liess nicht auf sich warten. 1961 verheiratete sich Peter mit Erna, der Schwester seines Seilpartners Ernst. Sie gründeten eine Familie und Peter war der Ansicht, der weitere Lebensweg lasse sich nicht mehr mit der Gefährlichkeit des Kletterns und Bergsteigens auf höchstem Niveau vereinbaren.
Der Einsatz seiner Fähigkeiten und Kräfte galt von nun an seiner Familie, der Berufsarbeit und der Gemeinschaft seiner neuen Heimat. Zusammen mit seiner Frau baute er in Wildhaus ein Dachdeckergeschäft auf.
Daneben übernahm er mit grosser Zuverlässigkeit und Sachdienlichkeit die Aufgaben als Samariterlehrer, Feuerwehrkommandant, Bergretter, Flughelfer, Schul- und Kirchenrat, baute den Pistendienst auf und leistete nach seiner Einbürgerung 1965 Hunderte Diensttage im Militär als Schnee- und Lawinenexperte. Für drei Jahre war er oberster Chef des SAC-Bergrettungsdienstes. Sein enormer Einsatz war geprägt von Bescheidenheit, Offenheit und Respekt gegenüber allen. Wer mit ihm zusammenarbeitete, war stets sein Kamerad. Besonders die Stunden der gemütlichen Gemeinsamkeit wusste er sehr zu schätzen.
Wieder vermehrt Freizeit genossen
Nach der Übergabe des Geschäfts an seine beiden Söhne fand er wieder vermehrt Zeit für Wanderungen, kletterte mit alten Seilpartnern und unternahm Reisen nach Mustang und Nepal. Wenn es auf den Berghütten des Alpsteins ein Dach zu flicken gab, war dies eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Eine aktuelle Meinung besagt, dass zum klassischen Alpinismus nicht nur die Tat, sondern auch die Erzählung gehöre.
Als Peter schon über 90 Jahre alt war, wurde er als Referent wiederentdeckt. Die Dias besassen nicht mehr die alte Strahlkraft, doch die Persönlichkeit von Peter sowie seine Erzählgabe waren packend, interessant und lebten von einer spürbaren Einmaligkeit und Energie.
Am 26. März 2026 ist Peter Diener verstorben. «Unser Vater ging das letzte Mal z’Berg», schrieb seine Familie in der Todesanzeige. Ein schönes und passendes Bild. «Wer auf Berge steigt, ist dem Himmel näher».
Peter Diener verstorben: Ein Himalaya-Pionier, der dem Himmel ein Stück näher war