Putsch beim FC St.Gallen! Vier Verwaltungsräte weg, und bald wohl auch Hüppi | W&O

St.Gallen vor 1 Stunde

Putsch beim FC St.Gallen! Vier Verwaltungsräte weg, und bald wohl auch Hüppi

Machtkampf im FC St.Gallen: In den Stunden des grössten Erfolgs geht es hinter den Kulissen ab. Die Parteien? Hier der alte Verwaltungsrat. Dort Teile des Aktionariats. Der Klub steht vor der Zerreissprobe.

Von Christian Brägger
aktualisiert vor 1 Stunde

Es überschlagen sich gerade die Ereignisse im FC St.Gallen, und beschädigen letztlich auch den Cupsieg. Denn was diese Zeitung in Erfahrung bringt, hat es in sich. Um es kurz zu machen: Es kommt zum Knall. Die Verwaltungsräte Peter Germann, Patrick Gründler, Christoph Hammer und Benedikt Würth scheiden per 30.Juni ausserordentlich aus dem Verwaltungsrat des FC St.Gallen aus. Neue Verwaltungsräte werden ab dem 1.Juli Marwin Hitz (Sport), Urs Baumer (Finanzen), Martina Wüthrich (Rechtliches) und Stefan Kölliker (Politik). Das Quartett soll demnächst an einer ausserordentlichen GV gewählt werden. Patrick Thoma, Aktionär und Präsident der Ambassadoren-Gönnervereinigung, bleibt weiter VR. Thoma war erst im vergangenen Herbst in ebendiesen «orchestriert» worden.

Das alles hätte dem Vernehmen nach an diesem Donnerstag gemeinsam mit Hüppi über die üblichen Kanäle kommuniziert werden sollen. Doch es kam anders, oder Hüppi kam dieser Strategie am Sonntag mit seinen Auftritten in der Öffentlichkeit zuvor. Und man braucht nun wahrlich kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass ihm das Vorgehen des Aktionariats überhaupt nicht gefällt.

Kölliker soll Hüppi beerben

Stefan Kölliker, der 16 Jahre lang St.Galler SVP-Regierungsrat war, soll jedenfalls per 1. Januar 2027 neuer Präsident werden und somit die Nachfolge von Hüppi antreten. Dies zumindest scheint der Plan des Aktionariats zu sein. Er soll für das Amt aber erst an der ordentlichen GV im Herbst gewählt werden, wobei an diesem Plan offenbar erst seit zwei, drei Monaten gewerkelt wird. Womit der Verwaltungsrat dann wieder aus einem Fünfergremium bestehen würde. Übrigens war Kölliker gemeinsam mit Thoma am Cupfinal in Bern.

Soll neuer FCSG-Präsident werden: Stefan Kölliker.
Soll neuer FCSG-Präsident werden: Stefan Kölliker.
Bild: Arthur Gamsa

Hüppi hat offenbar zwar ein Angebot für eine Weiterführung des Präsidentenamtes, geht darauf bis dato aber nicht ein. Wohl auch, weil er mit Germann, Gründler, Hammer und Würth unbedingt weitermachen wollte. Dem Vernehmen nach sollten fürs Erste nur Würth und Gründler ausgetauscht werden und ein geordneter Übergang wurde angestrebt. Wonach alle vier ihren Rücktritt einreichten. Und weil Hüppi eben auf das Angebot der Aktionäre nicht einging, gerieten diese unter Druck wegen des Rücktritts der vier Verwaltungsräte. Es brauchte also diesen Vorschlag mit Kölliker für das Präsidentenamt. Hüppi könnte theoretisch aber noch ein Jahr lang Präsident bleiben. Wobei man sich angesichts dieser Veränderungen kaum vorstellen kann, dass er mit dem Aktionariat und dem neuen Verwaltungsrat weiter zusammenarbeiten will.

Die entscheidende Frage ist natürlich: Warum das alles? Ziel des Aktionariats ist dem Vernehmen nach eine «Vorwärtsstrategie», wenn nötig mit finanziellen Zuschüssen ihrerseits. Offenbar soll der FC St.Gallen an der Spitze der Super League etabliert werden. Womit wir wieder bei dem einen Thema sind, das den Fussball immer umgibt: Es geht um Eitelkeiten, um Macht, um Ansprüche und Träume, und immer auch ums Geld. Wenn nicht mehr alle an einem Strang ziehen und verschiedene Kräfte wirken, droht das den Klub zu spalten. Zudem, und ganz wichtig: Im Aktionariat sollen sie sich ebenfalls nicht einig sein. Aktionäre wie Reto Preisig von der Schützengarten AG und die Bienz-Brüder gelten nicht als Unterstützer dieser Strategie. Und auch Steffen Tolle, der seine Aktien unlängst abgegeben hat, trug diese Vorwärtsstrategie nicht mit, die vor allem von Thoma kommen soll.

Anbei der Vollständigkeit halber kurz die Eigentümerstruktur der FC St.Gallen Event AG, die wie folgt aussieht: Philipp und Remo Bienz halten zusammen 21,74 Prozent der Aktien; Jérôme und Patric Müller zusammen 15,03; Roland Gutjahr und Patrick Thoma je 15,03; Rolf Schubiger 13,53; Ernst Eisenhut 7,61; Brauerei Schützengarten AG und Martin Jäger je 6,01.

Jetzt ist es auch klar, weshalb Hüppi nach dem 101. Cupfinal im Wankdorf nicht mehr gross zu sehen war. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit, auch wenn er es sich nicht nehmen liess, gemeinsam mit Captain Lukas Görtler mit dem Pokal vor den Fans zu jubeln. Dabei sprach unmittelbar nach dem Schlusspfiff das Bild Bände, als er sich in einen Ledersessel der St.Galler Spielerbank fallen liess und allein für sich und völlig ausgepowert den Moment genoss. Stichwort: Energielevel. Doch wie gross mussten seine Genugtuung und Freude sein. Der Stolz auf das Erreichte, und dass der Osten der Schweiz endlich wieder einmal etwas zu feiern hatte mit dem Gewinn des Chübels.

Hüppi: «Ultraharte Wochen und Monate»

Und doch avancierte Hüppi nach dem historischen 3:0 plötzlich – gewollt oder ungewollt – zum Protagonisten, indem er seine Gemütslage via Schweizer Fernsehen bei Moderator Rainer Maria Salzgeber deponierte. «Ich bin extrem dankbar. Die Sehnsucht einer ganzen Region war so gross. Es waren ultraharte Wochen und Monate für mich. Ich hatte viele Bälle in der Luft, beim FC St.Gallen ist auch nicht immer alles ein Planet der Seligen.»

Damit sprach der 68-Jährige das an, was man auf dem Latrinenweg schon zu diesem Zeitpunkt gehört hatte. Denn seit Thoma im Verwaltungsrat ist, haben sich einige Dinge verändert. Eigentlich davor schon, weil die Aktionäre sich nicht mehr abgeholt sahen von der Klubführung und endlich einen Vertreter aus ihren Reihen im bis dahin fünfköpfigen Verwaltungsrat haben wollten.

Thoma wurde dann als sechste neue Person gewählt, aber das Idyll war gestört und war es davor schon. Auch wenn es heute heisst, dass man gut zusammenarbeite. Denn Hüppi sagte am TV eben auch dies: «Bei uns wirken verschiedene Kräfte. Es ist eine meiner Aufgaben als Klubpräsident, mit allem hinzustehen und Kraft zu entwickeln, um Schaden vom Klub fernzuhalten. Es gibt im Moment Tendenzen, die wir in dieser Form nicht akzeptieren. Es ist unvorstellbar, dass in der besten Phase in der Geschichte des Klubs nicht alle geschlossen hinter ihm stehen.»

Fliegt die Debatte dem Klub noch um die Ohren?

Näher erklären wollte Hüppi seine Sätze nicht, um die Contenance zu bewahren. Doch im Präsidenten musste es brodeln: «Wir haben so geschlossene Reihen, um schwierige Zeiten miteinander zu überstehen. Und wir spielen öffentlich nicht auf den Mann. ‹Lämpe› in der Öffentlichkeit hinterlassen nur Verlierer.» Und jetzt gibt es in der grossen Stunde des Erfolgs eben doch diese Debatte, die dem Klub noch um die Ohren fliegen könnte.

Präsident Matthias Hüppi (links) mit Captain Lukas Görtler.
Präsident Matthias Hüppi (links) mit Captain Lukas Görtler.
Bild: Philipp Kresnik/Freshfocus

Nur muss man eben schon wissen: Mindestens die fünf alten Verwaltungsräte, Matthias Hüppi, Peter Germann, Patrick Gründler, Christoph Hammer und Benedikt Würth, halten zusammen wie Pech und Schwefel. Am Sonntag eskalierte dann der Machtkampf, als Hüppi sich noch im Wankdorf und später auch während der Fannacht kritisch äusserte. Was natürlich nicht nach dem Gusto der Aktionäre war, die sich nun zum Handeln gezwungen sehen.

Auch die Fans äussern sich

Offenbar wissen auch die Fans Bescheid, denn auch sie hatten einiges zu bieten zu diesem Thema, wie ihre Spruchbänder zum Ende des Spiels bewiesen. «Hinder dem Triumph stönd die Richtige – danke Beni, Patrick G., Christoph, Peter und Matthias! Wer die Entwicklig mit Füess treted und üsem Klub kei Sorg treit, wird mit aller Chraft bekämpft.» Auch hatte die Fankurve eine Botschaft hinterlegt auf www.einefueralli.ch . Für die Fans ist jedenfalls klar: Wir sind zufrieden mit der Führung, stellen uns hinter den unabhängigen, stabilen und verantwortungsvollen Verwaltungsrat, der den Verein in den vergangenen Jahren erfolgreich geführt hat.

Die Botschaft der St.Galler Fans im Wankdorf.
Die Botschaft der St.Galler Fans im Wankdorf.
Bild: Patricia Loher

In ihrer Schrift steht zudem noch dies: «Gleichzeitig erwarten wir, dass bestehende Stabilität und Governance-Strukturen nicht durch Machtverschiebungen, persönliche und politische Interessen oder strukturelle Einflussnahmen gefährdet werden. Als St.Galler Fangemeinde werden wir nicht schweigend zuschauen, wenn Entwicklungen entstehen, welche den Charakter und die Unabhängigkeit unseres Klubs langfristig beschädigen könnten. Der Cupsieg soll ein Moment des Zusammenhalts sein. Ein Moment des Stolzes. Aber auch ein Moment, um sich bewusstzumachen, was unseren Verein stark gemacht hat: Bodenständigkeit, Verantwortung, Kontinuität und die gemeinsame Überzeugung, dass der FC St. Gallen immer grösser ist als Einzelpersonen und Machtinteressen.»

Die Puzzleteile fügen sich langsam zusammen. Für eine Stellungnahme war Hüppi am Montagabend nicht erreichbar. Auch Würth nicht. So oder so haben am Dienstagnachmittag die Aktionäre eine nächste Sitzung. Dann soll das weitere Prozedere beschlossen werden. Und das ausgerechnet jetzt, in den Tagen des grössten Erfolgs. Und in den Jahren, in denen der Klub derart floriert.

Regierungsrat stärkt Hüppi und bestehendem Verwaltungsrat den Rücken

Im Verlauf des Dienstagmorgens dann gratulierte der St.Galler Regierungsrat den Espen in einem Communiqué zum Cupsieg. «Vor diesem Hintergrund verfolgt die Regierung des Kantons St.Gallen mit erheblicher Besorgnis die Berichte über interne Spannungen im Club», heisst es im Communiqué weiter. Die Regierung sei der Auffassung, dass eine erzwungene Ablösung des Verwaltungsrats zum jetzigen Zeitpunkt – unmittelbar nach dem grössten sportlichen Erfolg seit Jahrzehnten – das verbindende Moment des Cupsiegs in Frage stelle.

«Sie birgt das Risiko, das über Jahre aufgebaute Vertrauen in die Clubführung zu erschüttern, den Rückhalt bei Fans, Bevölkerung und Sponsoren zu gefährden und das Ansehen sowohl des Clubs nach innen und aussen zu beschädigen.»

Gesellschaftliche Dimension anerkennen

Die Regierung bittet in ihrem Communiqué daher alle Akteure – Aktionärinnen und Aktionäre, Verwaltungsratsmitglieder sowie die Clubleitung –, mit Zurückhaltung, Verantwortungsbewusstsein und dem Blick für das grössere Ganze zu handeln. «Es geht darum, das Gemeinsame und Verbindende in den Vordergrund zu stellen, die gesellschaftliche Verantwortung des Clubs ernst zu nehmen und den eingeschlagenen, erfolgreichen Weg gemeinsam fortzusetzen.» Die Regierung erwartet gemäss der Mitteilung, dass die Verantwortlichen die gesellschaftliche Dimension ihrer Entscheidungen anerkennen und die Interessen des Clubs sowie der gesamten Ostschweizer Bevölkerung über persönliche oder partikuläre Interessen stellen. (dw)