Schmerzen und Halluzinationen: 400 Kilometer quer durch die Schweiz | W&O

Ultrasport vor 3 Stunden

Schmerzen und Halluzinationen: 400 Kilometer quer durch die Schweiz

Der Buchser Marco Wicki hat den Crossing Switzerland (19. bis 26. Juli) erfolgreich gemeistert.

Von PD
aktualisiert vor 3 Stunden

Einmal quer durch die Schweiz laufen – dieser Herausforderung hat sich Marco Wicki mit der Teilnahme am alpinen Ultralauf Crossing Switzerland gestellt. Die Strecke führte von Bad Ragaz über knapp 400 Kilometer und rund 25’000 Höhenmeter bis nach Montreux. Nach 145 Stunden, 41 Minuten und 5 Sekunden erreichte das Mitglied des Lauf-Treff Buchs das Ziel auf Rang 113. Von 299 gestarteten Läuferinnen und Läufern kamen nur 194 in Montreux an.

Tannenalp OW
Tannenalp OW
PD

Die Idee zu diesem Abenteuer entstand bereits zwei Jahre zuvor. Damals entdeckte Wicki den Lauf im Internet. Nach seinem ersten 100-Kilometer-Lauf im vergangenen Jahr begann er mit der gezielten Vorbereitung. Bis zum Start absolvierte er in diesem Jahr rund 2400 Trainingskilometer und 87’000 Höhenmeter. Zum Programm gehörten sowohl lange Bergtouren als auch Mehrtagesbelastungen.

 

Sekundenschlaf während des Laufens

Am Start in Bad Ragaz, so beginnt die Schilderung des Buchser zu diesem sportlichen Erlebnis, zeigte sich noch die Sonne. Doch bereits auf dem Weg zur Pizolhütte setzte starker Regen ein. Der erste Abschnitt bis Rüti GL umfasste rund 77 Kilometer und 5300 Höhenmeter. Auf dem Abstieg nach Weisstannen knickte Wicki heftig mit dem Fuss um. Erst im Basecamp in Rüti konnte die Verletzung behandelt und der Fuss getapet werden.

Blick zurück zur Jungfrau.
Blick zurück zur Jungfrau.
PD

Die Basecamps waren die zentralen Erholungsorte des Rennens. In Turnhallen oder Zivilschutzanlagen konnten die Teilnehmenden duschen, warm essen, sich physiotherapeutisch behandeln lassen und kurz schlafen. Dabei machte Marco Wicki die Erfahrung, dass bereits eine gute Stunde Schlaf und viel Nahrung ausreichen können, um sich genügend zu erholen und weiterzugehen.

Eine der eindrücklichsten Erfahrungen machte Wicki auf dem Weg zum Klausenpass. Auf einem monotonen Abschnitt über den Urnerboden wurde er so müde, dass er während des Gehens immer wieder für Sekunden einschlief. Gleichzeitig begann er zu halluzinieren: Er sah ein riesiges Via-Alpina-Zeichen, Menschen in Hängematten und tellergrosse Schmetterlinge. Seine wichtigste mentale Strategie bestand darin, nie an die gesamten 400 Kilometer zu denken. Entscheidend war nur die nächste Verpflegungsstelle oder das nächste Basecamp.

Das Knie zwang Marco Wicki fast zur Aufgabe

Bis Meiringen verlief das Rennen trotz Müdigkeit erstaunlich stabil. Danach folgten die Grosse und Kleine Scheidegg sowie der Abstieg nach Lauterbrunnen. Dort machten sich erstmals deutliche Schmerzen im rechten Knie bemerkbar. Die härteste Etappe führte anschliessend über die Sefinenfurgge und das Hohtürli nach Kandersteg und weiter nach Adelboden.

Beim steilen Abstieg vom Hohtürli schwoll das Knie stark an. Wicki war zeitweise überzeugt, das Rennen nach mehr als 250 Kilometern abbrechen zu müssen. Ein erfahrener Ultraläufer baute ihn unterwegs mental auf. In Kandersteg untersuchte ihn eine Ärztin und gab grünes Licht für die Fortsetzung. Gekühlt wurde das Knie mangels Alternativen mit einer Packung tiefgekühlter Bohnen.

Aufstieg zum Hohtürli.
Aufstieg zum Hohtürli.
PD

Von Adelboden an waren noch rund 100 Kilometer zu bewältigen. Die Schmerzen nahmen zu, doch der Vorsprung auf die Zeitlimite war gross genug. Nach einer weiteren Nacht erreichte Marco Wicki Les Diablerets und nahm von dort die letzte Etappe nach Montreux in Angriff. Nach einer letzten kurzen Schlafpause in einer Berghütte erreichte der Buchser bei Sonnenaufgang den letzten Übergang. Zum ersten Mal sah er Montreux und den Genfersee unter sich. Im Ziel warteten seine Frau und seine Kinder. Gemeinsam liefen sie dann die letzten Meter.