«Schwerwiegende Übergriffe kündigen sich an. Das wissen wir aus Erfahrung und aus der Forschung», sagt Stefan Kühne, Kommandant ad interim der Kantonspolizei St.Gallen. Oft gebe es eine Vorgeschichte. Deshalb sei es wichtig, Grenzüberschreitungen frühzeitig zu benennen und Betroffene ernst zu nehmen. Das sei eine Aufgabe, die die Polizei nicht alleine bewältigen könne, es brauche ein abgestimmtes Vorgehen aller Beteiligten. Damit ist der Rahmen gesetzt: Die Abteilung Bedrohungs- und Risikomanagement (BRM) der Kantonspolizei St.Gallen hat am Mittwoch zur Fachtagung mit dem Schwerpunkt sexualisierte Gewalt eingeladen.
Die anwesenden Fachpersonen von Behörden, Polizei, Justiz, Schulen und Beratungsstellen haben ein gemeinsames Anliegen: Menschen vor Gewalt schützen. Sich auszutauschen und in Kontakt zu bleiben, sei wichtig fürs Bedrohungsmanagement, sagt Manuel Niederhäuser, Leiter des BRM.
Jedes Jahr mehr Soforthilfe-Einsätze
Die Tagung befasste sich aber nicht nur mit Prävention, sondern auch mit der Unterstützung von Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Seit 32 Jahren ist die Soforthilfe nach sexualisierter Gewalt eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene: Rund um die Uhr können sie unter 071 494 94 94 telefonisch zu ihr Kontakt aufnehmen. Barbara Deuber, Leiterin der Soforthilfe, und Rechtsmediziner Simon Blum geben den Anwesenden einen Einblick in ihre Tätigkeit.
«Jedes Jahr haben wir mehr Einsätze», sagt Barbara Deuber. Im vergangenen Jahr waren es 63 Frauen und 6 Männer, die sich an die Soforthilfe gewandt haben. In diesem Jahr sind es bereits jetzt 58 Frauen und vier Männer (Stand Ende September). Das Team von Deuber besteht aus sieben Mitarbeiterinnen der Hoch Health Ostschweiz.
Betroffenen steht es frei, ob sie Anzeige machen
«Dieses Angebot ist so wichtig, weil Opfer von Gewalt schnell Zugang zu Hilfe bekommen. Wir haben keine Bürozeiten», sagt Simon Blum. Die Betroffenen erhalten Hilfe, ohne dass sie eine Anzeige bei der Polizei machen müssen. «Sexualdelikte haben oft ein familiäres Setting, der Täter ist bekannt», sagt Blum. Man gebe ihnen etwas Macht zurück: Sie entscheiden, ob sie – allenfalls auch zu einem späteren Zeitpunkt – eine Anzeige machen.
Denn dieser Schritt verlangt von Betroffenen viel. Laut Linda Sutter, Erste St.Galler Staatsanwältin, sind Strafverfolgungsbehörden manchmal unsensibel im Umgang mit Opfern. «Dafür werden wir kritisiert», sagt sie. Weiterbildungen und Transparenz würden das Beweiserhebungsverfahren aber massgeblich verbessern. Zum Beispiel auch dank Schutzmassnahmen und Videoeinvernahmen.
Jeder Fall ist anders
«Wenn sich eine Person an die Soforthilfe wendet, bekommt sie einen VIP-Status», sagt Barbara Deuber. Es gebe keine Informationen an Dritte oder den Täter, dass die Person durch die Soforthilfe betreut wird. «Wir versuchen, Vertrauen aufzubauen und empathisch zu sein», sagt Deuber. Die Betroffenen kommen an einen ruhigen Ort – Frauen in die Frauenklinik, nicht in die Notfallaufnahme. Hier werden sie über Möglichkeiten aufgeklärt. «Es reicht, wenn die Betroffenen den Vorfall einmal in Ruhe schildern», sagt Deuber.
Bei der Soforthilfe werden die Opfer in einem Raum von einer Person betreut, die alles organisiert, was sie benötigt. Chirurgie, Gynäkologie, Prophylaxe – die Wege an der Hoch Health Ostschweiz sind nah. Seit dem Umzug des Kinderspitals sind die Wege auch für Kinder und Jugendliche kurz.
«Jede Situation ist anders», sagt Deuber. Manchmal sind die Opfer im Schock. Dann sei es zielführender, wenn sie nach der Soforthilfe erst einmal nach Hause können, bevor sie allenfalls eine Aussage bei der Polizei machen. «Die Opfer müssen bei uns nichts, alles ist freiwillig», sagt Deuber. Datenschutz sei auch bei Jugendlichen wichtig. Auch für die Finanzierung gebe es in diesen Fällen Lösungen.
Spuren sicherstellen, auch wenn es keine Anzeige gibt
Der Bereich Rechtsmedizin umfasst verschiedene Aspekte: die Spurensicherung, Urin- und Blutproben sowie die Dokumentation von Verletzungen. Die Spurensicherung und Dokumentation sei eine Herausforderung. «Man muss wissen, was man sucht, wie es richtig dokumentiert und interpretiert wird, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen», sagt Blum.
Auch forensisch-toxikologische Untersuchungen, zum Beispiel auf Drogen, Alkohol oder andere Substanzen, gehören zur Beweisaufnahme. Ebenso das Sicherstellen von Kleidungsstücken. «Wir verpacken die Kleidung spurensicher und geben sie den Betroffenen mit, falls sie eine Anzeige machen wollen», sagt Blum.
In Zukunft könnten laut Blum und Deuber auch vermehrt Forensic Nurses zum Einsatz kommen. «Den Bedarf sehen wir aber eher in der Peripherie und mit direkter Anbindung an die Soforthilfe», sagt Blum. Die SP, Grüne und GLP haben kürzlich eine Motion zum Thema beim Kanton eingereicht . Für die Regierung besteht kein Handlungsbedarf, sie verweist auf das etablierte Angebot der Soforthilfe.
Sexualisierte Gewalt: Jährlich wenden sich mehr Frauen an die Soforthilfe