Streuobstwiesen verschwinden kontinuierlich: Obstbaumaktion soll dagegen helfen | W&O

18.08.2022

Streuobstwiesen verschwinden kontinuierlich: Obstbaumaktion soll dagegen helfen

1951 lebten es in der Schweiz über 14 Millionen Feldobstbäume. Heute sind es nur noch 2.3 Millionen. Täglich werden 70 gefällt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, organisiert der Werdenberger Pflanzentag eine Obstbaumaktion.

Von PD
aktualisiert am 28.02.2023
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  Seit der Steinzeit kultiviert und veredelt der Mensch Obstbäume und versorgt sich so mit Früchten. Früher säumten Obstgärten Dörfer und Höfe. Sie dienten der Selbstversorgung. Bis zur Verbreitung von Mais und Kartoffeln ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Obst ein bedeutendes Grundnahrungsmittel. Es wurde frisch gegessen, im Keller gelagert, gedörrt, zu Most gepresst, zu Schnaps gebrannt oder eingekocht. Überproduktionen wurden verkauft und trugen zum Lebensunterhalt bei. Dies schreiben die Veranstalter des Pflanzentags.

Keine Alkoholsteuer auf Obstschnaps

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte der Obstbau im Kanton St. Gallen, mit 1.3 Millionen Bäumen im Jahr 1886, zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebszweigen. Die Schweiz war damals, relativ zur Bevölkerungszahl, das obstbaumreichste Land Europas, so die Veranstalter. Dies änderte sich ab den 1920er Jahren. Mit der Weltwirtschaftskrise sanken die Obstexporte drastisch. Weil Spirituosen aus Obst der Alkoholsteuer nicht unterstellt waren, wurden Ernteüberschüsse verschnapst, und der Schnapskonsum nahm zu.  
 Satellitenbild von 2021 zeigt die Abnahme des Baumbestandes in der Gemeinde Grabs im Vergleich mit dem Satellitenbild von oben.
Satellitenbild von 2021 zeigt die Abnahme des Baumbestandes in der Gemeinde Grabs im Vergleich mit dem Satellitenbild von oben.
Bild: Bundesamt für Landestopografie Swisstopo
Die gesundheitspolitisch motivierte und erst im zweiten Anlauf 1930 vom Stimmvolk angenommene Revision des Alkoholgesetzes wollte Abhilfe schaffen. Im Auftrag des Bundesrates sorgte die Eidgenössische Alkoholverwaltung für eine Umstellung von «minderwertigen» Mostobstbäumen auf Tafelobstbäume. Im Winter 1935 sprach sie erstmals Beiträge für Baumfällaktionen.

Schweizer Obstbau erhielt Konkurrenz

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden billige Apfelimporte aus Niederstammkulturen in den Nachbarländern für den Schweizer Obstbau zu einer grossen Konkurrenz. Mit einem Bundesratsbeschluss von 1955 sollte der Anbau radikal an die Marktverhältnisse und die Bedürfnisse der Landwirtschaft zur Intensivierung und Mechanisierung angepasst werden. Die ideale Alternative zu Streuobstwiesen sah man in Niederstammplantagen, wie sie im Ausland verbreitet waren. Davon und von der gleichzeitigen Eliminierung möglichst vieler Hochstammbäume erhoffte man sich eine rationellere Tafelobstproduktion und eine Lösung der Verwertungsprobleme, schreiben die Veranstalter des Pflanzentages.

Fällprämien ausbezahlt

Die von der Alkoholverwaltung organisierten Fällaktionen von Hochstammobstbäumen erreichten ihren Höhepunkt in den 1960er Jahren. Von 1951 bis 1971 sank die Zahl der Feldobstbäume gesamtschweizerisch von 14.1 auf 7.5 Millionen. Allein von November 1971 bis Februar 1972 wurden in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden im Rahmen ordentlicher Aktionen über 15'000 Obstbäume gefällt, darunter fast 10'000 Apfelbäume und 4000 Birnbäume. Es wurden Fällprämien von 29.19 Franken pro Baum ausbezahlt. Heute leben in der Schweiz nur noch rund 2.3 Millionen Feldobstbäume, und ihre Zahl sinkt täglich um durchschnittlich 70. Werdenberger Pflanzentag 2022 In den Gemeinden Grabs, Sevelen und Wartau und der Stadt Buchs können dieses Jahr Hochstammobstbäume unentgeltlich bezogen werden. Die Bestellung erfolgt ab sofort online unter https://tinyurl.com/obstbaum22. Die Bäume können am 19. November bezogen werden. Details zu Ort und Zeit werden später bekanntgegeben. Für Fragen steht Fred Rohrer (fred.rohrer@buchs-sg.ch, 077 470 25 36) zur Verfügung. In Gams findet am 12. November eine Sträucheraktion statt; Infos unter https://tinyurl.com/gams22 oder bei Martin Lieberherr (martin.lieberherr@sg.ch, 079 927 84 07). In Sennwald findet am 12. November ebenfalls eine Sträucheraktion statt; Details folgen.