In der Schweiz gehört Lachs zu den beliebtesten Fischprodukten: Laut WWF machen Lachsprodukte rund 22 Prozent des hierzulande konsumierten Fisches aus. Gleichzeitig kritisieren Wissenschaftler und Umweltorganisationen die Umweltbelastungen und Tierwohlprobleme der konventionellen Lachszucht. Offene Lachsfarmen verursachen demnach Abwasser- und Parasitenprobleme und setzen häufig Antibiotika ein, wie Swissinfo berichtet.
Rund 96 Prozent des in der Schweiz konsumierten Fisches werden laut einer Studie der Universität Bern importiert. Eine regionale Alternative erscheint deshalb attraktiv. Ein geplantes Lachszuchtprojekt am Walensee verspricht genau das: Eine nachhaltige Produktion und tierfreundliche Haltung. Das Vorhaben stösst jedoch auch auf Widerstand: Die NGO (Nichtregierungsorganisation) Fair-Fish bezeichnet das Vorhaben als «Massentierhaltung» und hat Einspruch gegen den Bau eingelegt.
Die grösste Lachsfarm der Schweiz
Die Swiss Blue Salmon AG plant in Mollis den Bau einer landbasierten Lachsfarm in Form einer Kreislaufanlage, einem sogenannten Recirculating Aquaculture System (RAS). Die Lachsfarm am Walensee soll die grösste und nachhaltigste der Schweiz werden, wie das Unternehmen in einer Mitteilung schreibt. Auf einer Fläche von 25’000 Quadratmetern sollen jährlich rund 2500 Tonnen Atlantiklachs produziert werden. Die Investitionskosten belaufen sich auf rund 180 Millionen Franken.
Die Aquakultur soll über zwei getrennte Wasserkreisläufe funktionieren. In einem geschlossenen Kreislauf schwimmen die Fische, das Wasser wird laufend gefiltert und gereinigt. Ein zweiter Kreislauf nutzt Kaltwasser aus dem Walensee, das keinen Kontakt mit den Tieren hat, aber die Anlage mit geringem Energieaufwand kühlt. Der Wasserbedarf wird mit 330 Litern pro Sekunde angegeben.
Tierfreundlich und ressourcenschonend
Durch die Anlage soll ein Teil des heute zu rund 99 Prozent importierten Lachses durch lokal produzierten Fisch ersetzt werden. Dadurch werde der CO₂-Fussabdruck reduziert und die Haltbarkeit der Produkte verlängert, was wiederum Foodwaste verringere. Die Anlage nutze über 99 Prozent Wasserrecycling, erneuerbare Energie, um die Umweltbelastung zu minimieren. Auch plant Swiss Blue Salmon Futtermittel mit einem niedrigen Anteil Fischöl und Fischmehl zu verwenden.
Laut Swiss Blue Salmon steht auch das Tierwohl im Fokus: Im Gegensatz zu traditionellen Netzkäfigen im Meer, wo Krankheiten, Parasiten und Umweltstörungen häufig vorkommen, sollen die Fische in der Kreislaufanlage stressfrei leben. Zudem erfolge die Aufzucht ohne Antibiotika, sodass das Wasser frei von Parasiten und Mikroplastik bleibe. Unter diesen kontrollierten Bedingungen werde die Gesundheit der Tiere gefördert und die Qualität der Produkte verbessert.
NGO kritisiert Tierwohl
Während Swiss Blue Salmon ihr Projekt als nachhaltig und tierfreundlich darstellt, übt die Schweizer NGO Fair-Fish, die sich für das Wohlergehen der Fische in Fischerei und Aquakultur einsetzt, scharfe Kritik. In der geplanten Anlage sollen laut der Organisation bis zu 1,5 Millionen Lachse gehalten werden. «Die hohe Dichte an Fischen führt zu Problemen beim Tierwohl, und die grosse Anzahl Tiere erhöht das Schadensausmass bei technischen Störungen», schreibt Geschäftsführerin Fausta Borsani auf Anfrage.
Die Argumente der Firma zu lokaler Wertschöpfung, CO₂-Einsparung und weniger Foodwaste erkennt Borsani zwar an, hält sie jedoch für unvollständig. «Diese Argumente lassen die Probleme ausserhalb der Anlage ausser Acht», schreibt Borsani. So stammten Fischmehl und Fischöl für das Futter letztlich aus bereits überfischten Meeren: «Für ein Kilo Zuchtlachs werden rund 1,2 Kilo wild gefangener Fisch benötigt.»
Lachse sind Raubfische und somit Fleischfresser, daher benötigen sie einen hohen Anteil an Fisch in ihrem Futter. Zudem seien auch landbasierte Zuchten beispielsweise auf Lachseier aus dem Ausland angewiesen: «Man importiert also die dortigen Tierschutzprobleme.»
Auch bei technisch einwandfreiem Betrieb sieht Fair-Fish erhebliche Risiken für das Tierwohl. «Die Fische werden bis zu viermal dichter als in herkömmlichen Netzfarmen gehalten. Das führt zu chronischem Stress, Verletzungen und Krankheiten», sagt Borsani. Die Tiere lebten auf engem Raum und könnten ihr natürliches Verhalten nicht ausleben.
Grundsätzlich betrachtet Fair-Fish Lachse als ungeeignet für die Zucht. Arten wie Karpfen fühlten sich in der Aquakultur wohler. Artgerechte Haltung erfordere geringere Besatzdichten, Umgebungsanreicherungen und Stressvermeidung. Borsani:
Gute Wasserqualität und ‹Am-Leben-Bleiben› allein heisst nicht Tierwohl.
Neben der Einsprache hat Fair-Fish gemeinsam mit dem Verein Campax eine Petition gegen das Projekt lanciert. Als nachhaltige Alternative sieht Borsani höchstens Wildlachs aus nicht überfischten Beständen – realistischer sei jedoch «eine drastische Reduktion des Lachskonsums, bis sich die Wildbestände erholt haben».
Swiss Blue Salmon weist Vorwürfe zurück
Swiss Blue Salmon weist die Kritik der NGO zurück. CEO Rudolf Ryf schreibt auf Anfrage, man schätze den Austausch mit Umweltorganisationen, widerspreche Fair-Fish jedoch. Die von der NGO genannte Zahl von 1,5 Millionen Fischen umfasse den gesamten Tierbestand – «von den befruchteten Eiern bis zu den ausgewachsenen Lachsen.» Für das Tierwohl sei nicht die absolute Anzahl entscheidend, sondern Besatzdichte und Wasserqualität. Ryf:
Lachse sind Schwarmfische, eine zu geringe Dichte kann Stress auslösen.
Den Vorwurf der Massentierhaltung weist er zurück. Dieser Begriff suggeriere mangelnde Hygiene und Tierleid. «Das Gegenteil ist der Fall», schreibt der CEO. In der geplanten Kreislaufanlage lebten die Tiere in einer kontrollierten Umgebung, die Anlage werde nach dem neuesten Stand der Technik gebaut. Mehrere Überwachungssysteme garantierten die Sicherheit der Tiere jederzeit. «Eine lokale Produktion ist die ethischere und ökologischere Alternative zum anonymen Import», schreibt Ryf.
Tierschützer üben Kritik: Widerstand gegen geplante grösste Lachsfarm der Schweiz am Walensee