Das Bündner Stimmvolk hat im Jahr 1900 Nein gesagt zum motorisierten Individualverkehr. Aufgrund von Sicherheitsbedenken, Lärm und Pferdescheu wehrten sich Einheimische über 25 Jahre gegen die «stinkenden Ungetüme», bevor das Verbot fiel. Dieser heute nur noch lustige Volksentscheid kam mir immer wieder in den Sinn, wenn ich die Diskussion über die Windenergie verfolgte. Lassen wir doch die Fakten sprechen.
Tatsache ist, dass wir immer mehr Strom brauchen, für die KI-Rechenzentren, für Elektrobikes und -autos, für die Photovoltaik. Und das in solchen Mengen, dass ein persönlicher Verzicht diesen riesigen Bedarf unmöglich wettmachen kann.
Einige lokale Politiker hatten den Plan, die Idee von Rheinkraftwerken wieder aufleben zu lassen. Doch die St.Galler Regierung winkte ab: viel zu teuer, enormer Eingriff in die Landschaft – und die liechtensteinischen Nachbarn müssten auch noch mitmachen.
Also lieber Atomstrom? Da müsste zuerst das Neubauverbot fallen. Hochradioaktiver Abfall bleibt tausende Jahre gefährlich. In der Schweiz gibt es bis heute kein endgültiges Endlager. Die Sicherheitsrisiken sind enorm, ein AKW ist ein potenzielles Ziel für Terror oder Cyberangriffe. Neue AKW sind extrem teuer im Bau und wirtschaftlich nicht rentabel. Bauprojekte dauern zehn bis 20 Jahre und überschreiten häufig Budget und Zeitplan.
Das Geld könnte stattdessen in günstigere erneuerbare Energien investiert werden. Für Windenergie gibt es überzeugende Argumente, im Kontext von Energiewende und Versorgungssicherheit. Sie ist eine ideale Ergänzung zur Wasserkraft. Im Winter gibt es oft zu wenig Wasser, dafür weht der Wind stärker, ein idealer Ausgleich. Gemäss Axpo wäre Wind das kostengünstigste Szenario. Windkraftwerke sind relativ schnell umsetzbar und könnten auch in Kürze wieder abgebaut werden, wenn es zu neuen technischen Erfindungen kommen sollte.
In der Gemeinde Sevelen wird am 14. Juni über einen Mindestabstand von Windkraftanlagen abgestimmt, der praktisch einem Verbot gleichkommt. Da kommen mir wieder die Bündner in den Sinn. Der Gemeinderat empfiehlt mit einleuchtenden Argumenten ein Nein zu dieser Vorlage. Eine lokale Stromproduktion stärke die Energiesicherheit der Gemeinde. Auch für mich ist es klar: Diese Vorlage verdient keine Unterstützung.
Elsbeth Schrepfer, Sardonaweg 7 ,9475 Sevelen
Windkraft: Alle Fakten abwägen