Der Verein Kleintierrettung sucht Notfallplätze für aufgefundene Tauben | W&O

15.12.2022

Der Verein Kleintierrettung sucht Notfallplätze für aufgefundene Tauben

Entflogene Zucht-, Brief- und Hochzeitstauben haben wenig Chancen, in der Natur zu überleben.

Von corinne.hanselmann
aktualisiert am 28.02.2023
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Der Verein Kleintierrettung sucht dringend nach vorübergehenden Plätzen für Tauben. Dies schreibt der in den Regionen Sarganserland, St. Galler und Bündner Rheintal tätige Verein in einem Post in den Sozialen Medien. Es sei kein schönes Thema, sagt die Vizepräsidentin Karin Bosshard gleich als erstes gegenüber dem W&O. Immer wieder erhält die Kleintierrettung Meldungen von Tauben, die verletzt, abgemagert, dehydriert oder gar angeschossen aufgefunden werden.

Durchschnittlich 12 bis 15 Meldungen pro Jahr

Oft handle es sich dabei nicht um «wilde» Tauben, sondern um Rassetiere aus einer Zucht, weiss Karin Bosshard. Ob diese entflogen sind oder willentlich ausgesetzt wurden, sei oft unklar. Sie spricht von 12 bis 15 Meldungen pro Jahr, «Anzahl zunehmend». «Diese Vögel sind sich gewohnt, dass sie ein- oder mehrmals täglich gefüttert werden», sagt die Vizepräsidentin.
In der Natur haben Zucht-, Brief- oder Hochzeitstauben fast keine Chancen zu überleben – bei den aktuell sehr tiefen Temperaturen erst recht nicht.
Häufig sind die Tauben dann leichte Beute für Greifvögel.

Ringnummern sind oft nicht registriert

Erst Anfang Dezember fiel in einem Buchser Wohnquartier eine braune Taube auf einem Balkon auf. «Die Person, die sich bei der Kleintierrettung meldete, war sich nicht sicher, um was für eine Taube es sich handelte», so Karin Bosshard. Es stellte sich heraus, dass der Vogel einen Ring trägt und demzufolge aus einer Zucht stammt. Beste Voraussetzung, um den Besitzer ausfindig zu machen, könnte man meinen. Tatsache ist aber, dass die Vögel, selbst wenn sie einen Ring am Bein tragen, in den meisten Fällen nicht zugeordnet werden können, weil die Nummern in keiner offiziellen Datenbank eingetragen sind. Auch Fundmeldungen auf der Website der Schweizerischen Tiermeldezentrale (STMZ) bringen erfahrungsgemäss wenig. Karin Bosshard:
Wir haben noch nie eine Taube über STMZ zum Besitzer zurückführen können.
 Eine Türkentaube, beobachtet im Rahmen der Aktion "Stunde der Gartenvögel".
Eine Türkentaube, beobachtet im Rahmen der Aktion
Bild: Severin Bigler

Zwei Monate Findelfrist muss eingehalten werden

Weil sich Wildhüter nur um Wildtiere kümmern und Tierheime sowie Tierschutzvereine in der Regel keine Tauben aufnehmen, hat sich der Verein Kleintierrettung in den vergangenen Jahren selber um Plätze für aufgefundene Vögel bemüht. «Solche Notfall-Tauben unterzubringen ist sehr schwierig», weiss Bosshard.
Damit kämpfen auch Organisationen in anderen Regionen der Schweiz.
Eine gesetzliche Frist von zwei Monaten muss eingehalten werden, bis ein Findeltier neu platziert werden darf, wenn sich kein Besitzer meldet. «Wir durften zur Überbrückung dieser Zeit seit einigen Jahren eine Voliere einer Privatperson nutzen», erklärt Karin Bosshard. Da diese nun die Vogelhaltung aufgibt, ist der Verein wieder auf der Suche.

Buchser Taube darf wohl auf einen Gnadenhof

Die kürzlich in Buchs zugeflogene Taube ist körperlich in einem guten Zustand und hat keine Verletzungen. Der Verein hat sie durch einen Tierarzt untersuchen lassen. «Sie war wohl noch nicht sehr lange unterwegs und hatte Glück, dass sie relativ schnell gefunden wurde», sagt Karin Bosshard. Durch einen Aufruf im Internet konnte für die Taube aus Buchs ein vorläufiger Platz in der Quarantänestation eines Taubenzüchters gefunden werden. Wenn die Findelfrist abgelaufen ist und sich bis dahin kein Besitzer meldet, darf sie voraussichtlich auf einen Gnadenhof im Kanton Bern ziehen.

Verein sucht artgerechte Übergangsplätze

Um weiterhin Tauben in Not helfen zu können, sucht der Verein Kleintierrettung händeringend nach Übergangsplätzen in der Region. «Möglichst bei fachkundigen Leuten, damit sie auch artgerecht untergebracht sind», ergänzt die Vizepräsidentin. Artgerechtes Futter sind Körner – entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Tauben «Allesfresser» sind. Mit Insekten oder Würmern können sie nichts anfangen. Falsches Futter führe zu dünnem Kot, der gerade in Städten zu grossem Ärger führt, weiss Bosshard. Weiter bräuchten die Tauben neben einer Voliere einen windgeschützten, trockenen Verschlag und Zugang zu frischem Wasser. Hinweis: Wer Plätze bieten könnte, kann sich beim Verein Kleintierrettung unter 078 638 55 11 oder www.kleintierrettung.ch melden.
 Stadttauben sind häufig nicht gerne gesehen.
Stadttauben sind häufig nicht gerne gesehen.
Bild: Bruno Kissling

Stadttauben sind oft verhasst

Tauben sind lebenslang treue Partner und würden sich nie freiwillig voneinander wegbewegen oder sich für einen tagelangen Flug verlassen. Dies schrieb der Verein Kleintierrettung 2019 in einem Newsletter zum Leid der Brief- und Stadttauben. Diese Treue nutze der Brieftaubensport auf schändliche Art und Weise aus. Tauben werden oft Hunderte Kilometer weit weg transportiert, damit sie so rasch wie möglich zurück zum Partner nach Hause fliegen. Dabei komme es immer mal wieder vor, dass sich eine Taube verirrt, sich unterwegs nicht genügend mit Nahrung und Wasser versorgen kann, elendiglich stirbt oder sich unterwegs verliert und ein «neues Leben» in Freiheit beginnt. Wer mit offenen Augen durch die Strassen gehe erkenne aber, dass die Tauben in Freiheit die «Randständigen in unserer Gesellschaft» seien, schreibt der Verein weiter. Zuchttauben – und dies seien ursprünglich alle Stadttauben – seien keine Wildtiere, sondern durch den Menschen domestizierte und von ihm abhängige Tiere, welche sich über Jahrhunderte an die Nähe und Verpflegung gewöhnt haben. Häufig seien sie aber nicht mehr willkommen oder gar verhasst.

Betreute Taubenschläge statt Vergrämungsmassnahmen

Still leidend hocken Tauben mit verkrüppelten und durch auf den Boden gefallene Haare und Fäden verschnürten Füssen in dunklen Ecken, werden von spielenden Kindern verfolgt und durch Pärke gejagt, in unerklärlichem Hass getreten, fast überfahren oder vorsätzlich getötet. Aus Sicht des Vereins Kleintierrettung sollten statt zig Tausende von Franken in sogenannte Vergrämungsmassnahmen zu stecken besser betreute Taubenschläge geschaffen und Geburtenkontrolle durch Eieraustausch vollzogen werden und somit ein gesunder, willkommener Bestand an freundlich gurrenden Stadttauben gehegt und gepflegt werden.