«Seidenbaum schnallt Gürtel enger», Ausgabe vom 19. Oktober
Mit grosser Sorge habe ich den Bericht «Seidenbaum schnallt den Gürtel enger» gelesen. Wer glaubt, man könne im sonderpädagogischen Bereich Klassen vergrössern und Angebote abbauen, ohne Folgen zu verursachen, kennt die Realität nicht. Kinder mit besonderem Förderbedarf benötigen individuelle Begleitung, klare Strukturen und ausreichende Betreuung. Werden Klassen grösser, leidet die Qualität der Förderung. Die Leidtragenden sind die Kinder. Sie erhalten nicht mehr jene Unterstützung, die sie benötigen. Gleichzeitig geraten Lehrpersonen und weitere Mitarbeitende stärker unter Druck. Die Belastung steigt, während die Möglichkeiten zur gezielten Förderung sinken. Wer mehr verlangt und gleichzeitig Ressourcen abbaut, darf sich über Überlastung und Personalmangel nicht wundern.
Hinzu kommt, dass die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder schwierigen familiären Voraussetzungen seit Jahren zunimmt. Heilpädagogische Schulen und spezialisierte Förderangebote übernehmen heute Aufgaben, die Familien und Regelschulen oft nicht mehr allein bewältigen können. Sie schaffen Perspektiven, fördern Selbstständigkeit und ermöglichen Teilhabe. Gerade deshalb ist es der falsche Ansatz, ausgerechnet dort zu sparen.
Es stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte. Die finanzielle Situation darf nicht auf dem Rücken der Mitarbeitenden und der betroffenen Kinder ausgetragen werden. Vielmehr braucht es eine schonungslose Analyse der vergangenen Jahre. Wurden die richtigen strategischen Entscheide getroffen? Wo Fehler gemacht wurden, müssen diese offen benannt werden. Verantwortung beginnt nicht im Klassenzimmer, sondern bei Führungsgremien und Trägerschaften. Auch der Kanton St.Gallen steht in der Pflicht. Einerseits werden höhere Anforderungen an die Sonderschulen gestellt, andererseits fehlen die nötigen Mittel. Wer Qualität fordert, muss auch die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen schaffen. Es ist unglaubwürdig, mehr Leistungen zu verlangen und gleichzeitig an den Rahmenbedingungen zu sparen.
Das HPZ Seidenbaum stösst infrastrukturell seit Jahren an seine Grenzen. Enge Schulräume, fehlende Gruppenräume und unzureichende Aufenthaltsmöglichkeiten für Kinder und Lehrpersonen erschweren den Betrieb. Wer qualifizierte Fachpersonen gewinnen und halten will, muss attraktive Arbeitsbedingungen schaffen.
Besonders problematisch ist der Abbau von Fächern wie Werken oder textiles Gestalten. Gerade für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf sind diese Angebote zentral. Sie fördern Feinmotorik, Ausdauer, Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Das HPZ Seidenbaum leistet täglich wertvolle Arbeit. Damit dies auch künftig möglich bleibt, braucht es genügend Ressourcen, klare Verantwortlichkeiten und den politischen Willen, die Probleme an der Wurzel anzupacken. Die Frage ist nicht, ob wir uns gute Bildung leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.
Esther Rohrer, Veilchenweg 4, 9470 Buchs
Die Leidtragenden sind die Kinder und Lehrpersonen