«Was bessere Pflege kostet – und was sie bringt», Ausgabe vom 21. Oktober
Ich habe damals mit Nein gestimmt, weil ich nicht daran glaubte, dass mit Geld die Pflege verbessert werden könnte. Wo stehen wir heute? Viel Geld floss in die Pflegehierarchien und noch immer ist die Fluktuation gross; noch immer fehlt es an Fachpersonal.
Vielleicht sollten wir es von der Unternehmenskultur her betrachten. Wenn Menschen, junge Menschen, die Möglichkeit bekommen, ihre Talente einzusetzen und als kompetent wahrgenommen werden, wachsen sie in ihrer Aufgabe. Noch immer bestehen in Spitälern, Psychiatrien, Alters- und Pflegeheimen sowie Behindertenheimen riesige Hierarchieebenen. Am Schluss der Pyramide entscheidet immer der Oberarzt, die Heimleiterin.
Das ist falsch! Wenn Menschen in ihrer Arbeit nicht die Hoheit bekommen, über ihre Aufgabe, den Dienstplan und alles, was ihre Arbeit betrifft, mitzubestimmen, vergrault man ihnen den Alltag. Sie sind Handlanger für ein System aus dem 19. und 20 Jahrhundert.
Hierarchie ist leider dazu da, Verantwortung zu delegieren nach oben wie nach unten. Die EU ist dazu ein schreckliches bürokratisches Beispiel. Die Unternehmenskultur auf Augenhöhe lebt von der Achtsamkeit der Menschen gegenüber denen, die zusammenarbeiten. Sie lebt von Dankbarkeit für grossartige Arbeit (man kann nie genug Danke sagen), Fehlerkultur (keine Angst haben vor dem Falschmachen / ein guter Chef macht nicht alle Fehler selber!).
Möglichkeitsräume für Ideen, Mitbeteiligung und Mitverantwortung sind im 21. Jahrhundert eine Notwendigkeit; nicht bloss in der Pflege! Wer Menschen in der Arbeit jeden Tag Vertrauen schenkt, dass sie ihre Arbeit exzellent machen (nie perfekt), schafft Mehrwert, reduziert die Fluktuation, die Bürokratie, die Hierarchie.
Vielleicht hören wir endlich damit auf, die Pflege als «Opfer» von Geldmangel zu erniedrigen. Glauben wir an die Fachmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, wir haben Tausende, und so schaffen wir die unnötige Macht- und Pfründelwirtschaft der Hierarchiebesessenen ab. Wir brauchen dieses veraltete Organisationsmodell nicht mehr.
Mit Verlaub, es gilt auf Augenhöhe zu schaffen! Und wer ans Jesuswort «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» denkt, wird gerne die Balance finden, gut zu sich zu schauen. Nicht mehr Geld schafft gute Pflege – sondern Vertrauen in die Talente der Menschen!
Hubert Hürlimann, Werdenstrasse 34, 9472 Grabs
Pflegeinitiative: Viel Geld für nichts?