Sind wir alle Rassisten? | W&O

Werdenberg vor 7 Stunden

Sind wir alle Rassisten?

Leserbriefautor Josef Dudli stört sich an der Tagblatt-Artikelserie über Rassismus. Er ist der Ansicht, dass sie das Thema, aber auch die Bevölkerung pauschalisiert.

Von Josef Dudli
aktualisiert vor 7 Stunden

Das Tagblatt hat das Sommerloch gefüllt mit einer Artikelserie über den Rheintaler Rassismus. Den Startschuss gab am 16. Juli eine vom Rheintal nach Zürich geflüchtete Autorin mit einer pauschalen Generalabrechnung.

Kurz darauf doppelte der Stadtsanktgaller Historiker Max Lemmenmeier nach, dass sich im Rheintal «eine geistige Enge nicht leugnen lässt». Später bestätigten sechs im Tagblatt beschäftigte Secondos ihren erlebten Rassismus, unter anderem dadurch, dass man sie immer wieder nach der Herkunft frage. Und der Abschluss der Serie erfolgte einige Tage später durch ein Tagblatt-Redaktionsmitglied.

Somit wissen wir, was das Tagblatt von uns im Rheintal hält. Ich möchte die pauschal unterstellte «geistige Enge» im Rheintal tatsächlich «leugnen». Dass es Rassismus gibt, ist unbestritten. Unter hundert Menschen findet man immer einige Rassisten, ob im Rheintal, in Zürich oder wohl auch im Kosovo (deshalb sind dort Friedenstruppen mit Schweizer Beteiligung). Was mich stört, ist, dass man eine ganze Bevölkerung als rassistisch brandmarkt.

Ist nicht ein solches Pauschalurteil ein Hauptmerkmal des Rassismus? Konkret zu den Vorwürfen der Autorin. Es ist vorab festzuhalten, dass zehn Prozent aller Kosovaren in der Schweiz leben, darunter erfolgreiche Spitzenfussballer. Sie tun dies freiwillig und würden das kaum tun, wenn sie sich hier so elend fühlen würden. Das von ihr gebrandmarkte Saisonnierstatut wurde einige Jahre vor ihrer Geburt aufgehoben. Diese Regelung gab es nicht nur im Rheintal, sondern sogar in Zürich und in anderen Ländern Europas. (Man möge sich den Text des Udo-Jürgens-Liedes «Griechischer Wein» zu Gemüte führen.)

Sie kritisiert, dass ihr Vater sich bei einer ärztlichen Untersuchung ausziehen musste. Jeder der beim Arzt war, musste das schon. Und weiter kommt die unsägliche Behauptung, dass im Rheintal Schüler einen Test mit einer guten Note einzig deshalb wiederholen mussten, weil sie Ausländer waren.

Neben den Ärzten wird auch die Lehrerschaft als rassistisch hingestellt. Und der ultimative Rassismusbeweis: Es sagten im Rheintal rund 60 Prozent Ja zur 10-Millionen-Schweiz, womit sich «endlich der Hass in Zahlen fassen lässt». Naja, Kommentar überflüssig.

Noch ein Wort zur Behauptung der Tagblatt-Redaktoren, eine Frage nach der Herkunft sei per se schon rassistisch. Ich möchte die Absurdität dieser Aussage an einem Beispiel aufzeigen. Vor 50 Jahren war ich bei einer schwarzen Gastfamilie in den USA. Diese nahm mich mit zum Sonntagsgottesdienst, und ich war der einzige Weisse in der Kirche. Mitten in der Predigt stoppte der Pfarrer und fragte mich plötzlich, woher ich komme.

Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, diesem freundlichen Pfarrer Rassismus zu unterstellen. Was würde wohl heute passieren, wenn bei uns ein Pfarrer einen Menschen anderer Hautfarbe mitten in der Predigt so anspricht? Ins Tagblatt käme er sicher. Als Musterrassist!

Josef Dudli, Bogenstrasse 3, 9470 Werdenberg