Skepsis ist kein Vorurteil | W&O

Sevelen vor 3 Stunden

Skepsis ist kein Vorurteil

Peter Koelman antwortet auf den Leserbrief von Julia Giger zum Thema Windkraft.

Von Peter Koelman
aktualisiert vor 3 Stunden
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Leserbrief: «Vertrauen ins lokale Elektrizitätswerk», Ausgabe vom 2. März

Im Leserbrief von Julia Giger finden sich Aussagen, die einer Überprüfung nicht standhalten, etwa zur angeblich problemlosen Akzeptanz und klaren Mehrwerten für die Bevölkerung. Dabei bleiben wichtige Aspekte unberücksichtigt.

Zunächst ist Akzeptanz kein allgemeingültiges Muster. Die aufgeführten Beispiele sind nicht ohne Weiteres auf das dicht besiedelte Rheintal übertragbar. Wildpoldsried ist ein bewusst aufgebautes Energievorzeigeprojekt mit Abstand zu den nächsten Wohngebäuden von 700 bis 1000 Metern. Die Anlage in Haldenstein liegt deutlich abgelegener von den Wohnzonen (mehr als 1400 Meter Abstand) und durch die Fusion mit der Stadt Chur hatten gerade die unmittelbar Betroffenen in Haldenstein nur noch sehr begrenzten Einfluss auf das Abstimmungsresultat. Die Zustimmung in Chur betraf zudem ein einziges zusätzliches Windrad – weit weg von der Stadt –, nicht einen Windpark mit mehreren Anlagen in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten und überregional sichtbarer Landschaft.

Die angeführten Beispiele aus Rüthi/Sennwald und dem Flumserberg zeigen im Gegenteil, dass sowohl wirtschaftliche Tragbarkeit als auch gesellschaftliche Akzeptanz keineswegs selbstverständlich sind. In Rüthi / Sennwald zog sich die Axpo explizit wegen massivem Widerstand zurück. Die Ortsgemeinde Rüthi entschied sich gegen das Projekt. Und im Flumserberg kam die Axpo trotz besserer Windverhältnisse als in Sevelen und trotz hoher Subventionen von 60 Prozent der Investitionskosten zum Schluss, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht möglich sei.

Wenn ein Grosskonzern mit erfahrenen Fachleuten und Skalenvorteilen ein Projekt verwirft, sollte das auch den Verantwortlichen in Sevelen zu denken geben. Besonders erstaunt die Behauptung, der Mehrwert für die Bevölkerung sei «klar». 

Bis heute liegen weder detaillierte veröffentlichte Windmessdaten noch transparente Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor. Auch ist unklar, wie hoch die lokale Wertschöpfung tatsächlich wäre und wie Risiken verteilt würden. Gleichzeitig tragen viele Betroffene – in Vaduz, Schaan und Buchs – die Belastung, ohne jegliche Mitbestimmung oder finanziellen Nutzen. Die Aussage, die Bevölkerung könne mitbestimmen, trifft faktisch nur auf unsere Abstands-Initiative zu. Grundsätzlich hat einzig der Grundeigentümer über den Baurechtsvertrag eine reale Einflussmöglichkeit – alle anderen Betroffenen bleiben aussen vor.

Es geht nicht darum, Windenergieprojekte abzulehnen. Es geht darum, dass ein Projekt dieser Grössenordnung nur dann verantwortbar ist, wenn alle relevanten Fakten offenliegen und die Bevölkerung tatsächlich mitreden kann. Solange zentrale Fragen zu Wirtschaftlichkeit, realer Standorttauglichkeit, Belastung und Nutzen unbeantwortet sind, ist Skepsis kein Vorurteil, sondern eine notwendige Vorsichtsmassnahme. Wer ein Projekt mit weitreichenden Folgen für Landschaft, Lebensqualität und Gemeindefinanzen befürwortet, sollte mehr liefern als Optimismus – nämlich belastbare Daten.

Peter Koelman, Chessiweg 35, 9475 Sevelen, «Windkraft ja, mit Anstands-Abstand»