Windenergieanlagen im Industriegebiet? Das EW wagte einen Blick in die Zukunft | W&O

29.09.2022

Windenergieanlagen im Industriegebiet? Das EW wagte einen Blick in die Zukunft

Das Elektrizitätswerk Sennwald lud Gewerbe-/Industriekunden, benachbarte Elektrizitätswerke und Behörden zu einem Informationsanlass zum Thema Energie ein.

Von corinne.hanselmann
aktualisiert am 28.02.2023
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Die aktuelle Situation sei eine Herausforderung, biete aber auch Chancen, sagte Norbert Tinner, Co-Geschäftsleiter des Elektrizitätswerks Sennwald (EWS), am Mittwoch beim Informationsanlass zum Thema Energie. Knapp 80 Vertreter und Vertreterinnen von Gewerbe-/Industriekunden, benachbarten Elektrizitätswerken und Behörden waren der Einladung gefolgt. Aufgrund der aktuellen Energiepreis- und Strommangellage-Schlagzeilen in den Medien habe das EWS zahlreiche Anfragen von Gewerbe- und Industriekunden erhalten. Statt jeden einzeln abzuholen, habe man entschieden, einen Anlass für alle zu organisieren, so Tinner gegenüber dem W&O.
Wir wollten aber nicht nur diese Problematik präsentieren, sondern auch etwas Positives rüberbringen, also wie man dem entgegenwirken kann.
 Norbert Tinner vom EW Sennwald freute sich, dass fast 80 Personen am Anlass teilnahmen.
Norbert Tinner vom EW Sennwald freute sich, dass fast 80 Personen am Anlass teilnahmen.

Heute ist keine verbindliche Aussage möglich

So hat das EWS ein Programm mit fünf Referenten und einer Referentin zusammengestellt. Thorsten Rehwald, Leiter Netzwirtschaft bei der St. Gallisch- Appenzellische Kraftwerke AG (SAK), zeigte auf, mit welchen Massnahmen der Bund den Stromverbrauch lenken würde, falls tatsächlich eine Strommangellage eintreten sollte. Bevor es eine Kontingentierung oder gar Netzabschaltung gibt, würde der Bund auf Sparappelle und Verbrauchseinschränkungen setzen. Wird eine Strommangellage eintreten? Mit dieser Frage wird die SAK aktuell häufig konfrontiert. Rehwald:
Es ist heute unmöglich, dazu eine verbindliche Aussage zu machen. Das Risiko einer Strommangellage ist aber real.
Es sei also nicht die Frage ob, sondern wann eine Strommangellage eintritt. Deshalb empfahl er den anwesenden Unternehmern: «Nehmen Sie die Thematik in Ihre Risikostrategie auf!» Er sprach diesbezüglich beispielsweise die Notstromversorgung für unverzichtbare Geräte an und das Testen von Notbeleuchtungen.   Windenergiepotenzial untersucht Anton Felder von der Wega Energiemanagement GmbH hat das Energiepotenzial im Industriegebiet Sennwald untersucht. Der Energiebedarf im Liefergebiet des EW Sennwald betrug 2021 rund 28 Gigawattstunden (GWh). In Sennwald erzeugt wurden 2021 rund 7 GWh – also rund ein Viertel der benötigten Energie. Das theoretische Gesamtsolarpotenzial aller geeigneten Dächer und Fassaden in der Gemeinde betrage rund 90 GWh pro Jahr. Die im Industriegebiet Sennwald installierten PV-Anlagen produzieren jährlich rund 4,1 GWh. Neben der Solarenergie hat Anton Felder auch das Windenergiepotenzial im Sennwalder Industriegebiet untersucht. Anhand von Windmessungen, die zwischen 2018 und 2022 unter anderem auf einem Strommasten gemacht wurden, kam er zum Schluss, dass mit fünf Windenergieanlagen rund 33 GWh erzeugt werden könnten. Diese Technologien hätten in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht, so Anton Felder. Der Rotordurchmesser solcher Windenergieanlagen würde 160 Meter betragen, die Nabenhöhe 150 Meter. «Zurzeit befindet sich der Kanton St. Gallen in der Richtplanung. Mit dem Richtplan 2023 sollen Windenergiestandorte für das gesamte Kantonsgebiet ausgewiesen werden. Der Standort Sennwald ist in dieser Untersuchung dabei», so Anton Felder. 
 Anton Felder hat das Windenergiepotenzial untersucht.
Anton Felder hat das Windenergiepotenzial untersucht.

Den Strom selber zu nutzen, lohnt sich

Katharina Vedovelli ist Expertin für Energiewirtschaft beim Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Abonax AG, das auch das EWS berät. Sie zeigte beim Informationsanlass in groben Zügen auf, wie der komplizierte Strommarkt funktioniert und ging auf Einflussfaktoren und Preistreiber ein. Für Stromproduzenten – beispielsweise mit einer Photovoltaikanlage (PV) auf dem Dach – hatte sie eine gute Nachricht: Die Rückliefervergütung steigt nämlich deutlich an. Sie empfahl den Zuhörerinnen und Zuhörern, dort wo möglich Strom zu sparen, selber Strom zu produzieren und den Rest – trotz stark steigendem Preis – zu zahlen.
 Reto Walter von der Edion AG.
Reto Walter von der Edion AG.
Einige Anregungen, wie man den Eigenverbrauch vom selber produzierten Strom steigern kann, gab anschliessend Reto Walter von der Edion AG weiter. Weil die eigenen Produktionskosten deutlich unter dem Bezugstarif liegen, lassen sich durch optimierte Eigennutzung Energiekosten sparen. Dafür müsse man die Energieflüsse kennen: Welche Geräte/Prozesse sind die Verbraucher, wie viel Strom brauchen sie, wann sind sie in Betrieb, sind sie prozessrelevant? Reto Walter:
Den Eigenverbrauch optimieren kann ich mit jedem Verbraucher, der zeitvariabel ist.
Ob der Elektroboiler in der Nacht laufe oder tagsüber, spiele beispielsweise keine Rolle. Es mache deshalb Sinn, solche Geräte dann einzuschalten, wenn die PV-Anlage viel Strom produziere. Die Speicherung in Batterien sei nämlich teuer.

Aufbruchstimmung seit Kriegsbeginn

Neben der kurzfristigen Problematik der Strommangellage sei es wichtig, «dass wir mittel- und langfristig darüber nachdenken, wie wir unsere Energieversorgung umbauen müssen, damit wir möglichst unabhängiger werden vom Ausland», so Philipp Egger, Geschäftsleiter der Energieagentur St. Gallen.
Jeder von uns, der die Möglichkeit hat, auf dem eigenen Dach eine Anlage zu bauen, leistet einen wertvollen Beitrag.
Bei PV-Strom müsse man berücksichtigen, dass es keine Bandenergie ist wie Wasserkraft. Das Problem ist: Im Sommer haben wir zu viel Strom. Den muss man speichern oder transferieren, um ihn im Winter nutzen zu können. «Das sind Herausforderungen. Aber es gibt Technologien dafür und wir sind in der Schweiz gut aufgestellt, um diese Entwicklung machen zu können», so Egger.
 Die Möglichkeit, den Experten Fragen zu stellen, wurde rege genutzt. Bilder: Corinne Hanselmann
Die Möglichkeit, den Experten Fragen zu stellen, wurde rege genutzt. Bilder: Corinne Hanselmann
Seit Kriegsausbruch erhalte die Energieagentur St. Gallen deutlich mehr Anfragen: Derzeit rund 30 pro Tag. Die Leute wollen weg vom Heizen mit Gas.
Die Abhängigkeit von ausländischen fossilen Energieträgern wird jetzt allen vor Augen geführt. Das spielt uns eigentlich in die Karten.
Er hoffe, dass diese Aufbruchstimmung anhalte und man die Wärmeversorgung umbauen könne. «Unsere Gebäude entwickeln sich immer mehr in Kraftwerke.» Philipp Egger gab einen Überblick über die Fördermassnahmen des Kantons St. Gallen. Rund 31 Millionen Franken an Fördermitteln seien 2021 verteilt worden.

Geeigneter Standort für Power-to-Gas-Technologie

Martin Osterwalder leitet zusammen mit seinem Bruder in sechster Generation die Osterwalder St. Gallen Holding AG. «In dieser Region kennt man uns ja vor allem mit den wunderschönen Tanks im Industriegebiet Sennwald», sagte er und brachte das Publikum zum Lachen. Er stellte seine Vision von der Mobilität mit Wasserstoff vor. Im Jahr 2017 wurde der Förderverein H2 Mobilität Schweiz gegründet. Verschiedenste Sektoren und Mitbewerber arbeiten für diese Technologie zusammen. Ihre Ziele: ein flächendeckendes Tankstellennetz aufbauen, grünen Wasserstoff produzieren und Fahrzeuge betreiben, welche den Wasserstoff nutzen. In Zusammenarbeit mit einem Wasserkraftwerk der SAK wird Wasserstoff produziert, der unter anderem durch 47 Lastwagen genutzt wird, die bereits über 6 Mio. Kilometer gefahren sind. Die einzige Emission ist dabei Wasserdampf. «Wir konnten zeigen, dass es dank Zusammenarbeit funktioniert», so Osterwalder. Der Wasserstoff sei prädestiniert, um den Stromproduktionsüberschuss vom Sommer in den Winter zu transferieren. Aufgrund bereits vorhandener Infrastruktur – wasserstoffgeeignete Tanks und Transportmöglichkeit via Bahn – würde sich das Industriegebiet Sennwald zusammen mit Windenergie eignen für die sogenannte Power-to-Gas-Technologie. Die anschliessende Möglichkeit, den Fachleuten Fragen zu stellen, wurde rege genutzt. Bei einem Apéro wurden angeregte Gespräche weitergeführt.