«Im Kleinen das Leben besser machen»: Dieses Lehrerpaar hilft Kindern und Familien in Südafrika | W&O

Grabs/Südafrika vor 13 Stunden

«Im Kleinen das Leben besser machen»: Dieses Lehrerpaar hilft Kindern und Familien in Südafrika

Ein Weiterbildungsaufenthalt veränderte das Leben einer Grabser Familie nachhaltig. Seit 15 Jahren investieren die Primarlehrerin Sandra Bachmann und der Berufsschullehrer Ruben Sutter jede freie Minute in Südafrika. Nun sammeln sie Spenden für ein grosses Bauprojekt.

Von Corinne Hanselmann
aktualisiert vor 13 Stunden

Wenn Kinder in der Schweiz die Schule beenden, stehen ihnen verschiedene Türen offen. Sie können eine Lehre machen, an die Kanti oder eine andere weiterführende Schule wechseln und danach studieren.

Für das Lehrerpaar Sandra Bachmann und Ruben Sutter aus Grabs ist dieses Privileg keine Selbstverständlichkeit mehr. Seit 2011 führen die beiden Hilfsprojekte in den Townships rund um die südafrikanische Stadt White River, unweit des berühmten Kruger-Nationalparks.  Ein Engagement, das ihr  eigenes Leben auf den Kopf gestellt hat und das zeigt,  wie brutal zwei Welten nebeneinander existieren können. Gemäss Daten der Weltbank gilt Südafrika als das Land mit der  weltweit höchsten Einkommensungleichheit.

Während Jugendliche in der Schweiz sehr gute Voraussetzungen  haben, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen, kämpfen sie in Südafrika häufig chancenlos gegen die Arbeitslosigkeit. Ruben Sutter sagt:

Die Ausbildung in den Townships ist mangelhaft und Jobs sind rar.

Von der Weiterbildung zum Lebensprojekt

Begonnen hat alles vor 15 Jahren, als das Paar mit seinen drei Kindern für einen fünfwöchigen Aufenthalt in Südafrika weilte. «Im Rahmen meiner Weiterbildung für das Unterrichtsfach Englisch musste ich an einer englischsprachigen Schule unterrichten», erzählt Sandra Bachmann. Sie entschied sich nicht wie fast alle anderen für England, die USA oder Kanada, sondern für eine Township-Schule in Südafrika und nahm ihre ganze Familie mit. 

Bedürftige Kinder bekamen im Winter neue Schuhe.
Bedürftige Kinder bekamen im Winter neue Schuhe.
Bilder: zvg

Die eigenen drei Kinder – damals zehn- bis zwölfjährig – drückten als einzige weisse Kinder inmitten von 60 dunkelhäutigen Gleichaltrigen  die Schulbank. Die herrschende Ungerechtigkeit in Südafrika hat die Familie so betroffen gemacht, dass sie sich wenig später dazu entschied, für ein ganzes Jahr in dieses Land zu ziehen, um zu helfen. Sandra Bachmann und Ruben Sutter sind überzeugt:

Diese Zeit hat uns und unsere Kinder fürs Leben geprägt.

Von der aufladbaren Lampe bis zum Schulzimmer

Inzwischen ist Südafrika für die Familie zur zweiten Heimat geworden. Immer wieder reiste sie für kürzere und längere Aufenthalte dorthin. Aus anfänglichen kleinen Hilfsaktionen ist in 15 Jahren ein Lebenswerk gewachsen: Ihr als Verein organisiertes Projekt Südafrika unterstützt zwei kleine Waisenhäuser und eine Tagesstätte für rund 60 behinderte Kinder und Jugendliche. 

Ein Spielplatz für Kindergärten und Vorschulen.
Die Schweizer stellen Motorikkisten für Kindergärten und Vorschulen zusammen.
Klassenzimmer im Mshadza Care Center.

Zudem sind dank Spendengeldern acht einfache Wohnhäuser für Familien entstanden, die zuvor in Hütten aus Plastik und Blech hausten. Diverse Schulzimmer, -küchen und Bibliotheken konnten ebenfalls realisiert werden. 

Sandra Bachmann sagt:

Wir wissen, dass wir nicht die ganze Welt verändern können. Aber im Kleinen können wir das Leben vieler Menschen besser machen.

Zusammen mit Ruben Sutter hat sie in den Townships rund um White River ein Netzwerk aufgebaut, das aktiv wird, wo der Staat versagt. Ob aufladbare Lampen für Studenten während der chronischen Stromausfälle oder vor Ort genähte wiederverwendbare Binden für Mädchen, damit sie nicht monatlich in der Schule fehlen – das Team hilft direkt vor Ort. 

Wiederverwendbare Binden für 125 Mädchen.
Wiederverwendbare Binden für 125 Mädchen.

Und das mit einer Transparenz, die die  Spenderinnen und Spender zu Hause in der Region Werdenberg-Rheintal schätzen. Jeder gespendete Franken landet in Afrika. «Unsere Flüge und Aufenthalte bezahlen wir aus eigener Tasche», so Ruben Sutter. Viele treue Spenderinnen und Spender unterstützen ihr Hilfswerk bereits seit Jahren.

Um sich noch intensiver auch direkt vor Ort den Hilfsprojekten widmen zu können, arbeitet Sandra Bachmann seit einiger Zeit nicht mehr fest angestellt als Primarlehrerin, sondern sie  übernimmt jeweils für einige Monate Stellvertretungen, um dann wieder nach Südafrika zu fliegen. Auch Ruben Sutter, der als Berufsschullehrer am BZBS tätig ist, reduzierte  sein Pensum dafür.

 

Einfache, traditionelle Küche.
Spielplatz im Mshadza Care Center, einem Ort für Kinder mit Behinderungen.
Das Center braucht eine neue Küche und einen Raum, in welchem gegessen werden kann.

60’000 Franken für das nächste Vorhaben

Nun wartet das nächste grosse Projekt: Das Behindertenheim soll einen zusätzlichen Raum als Essbereich erhalten, mit einer neuen Küche, in der die zu Betreuenden ein wenig in die Arbeiten miteinbezogen werden können.  Dafür  sammelt der Verein derzeit Spenden. Rund 60’000 Franken wird das Unterfangen kosten.

«Aktuell gibt es in der Tagesstätte nur einen einzigen grossen Raum, in dem alles abläuft: Die behinderten Kinder und Jugendlichen essen dort, sie spielen dort, und wenn jemand etwas Ruhe braucht,  ist das in diesem Raum fast nicht möglich», erklärt Sandra Bachmann, weshalb eine Erweiterung dringend nötig ist.

Hier spielen die behinderten Kinder, und aktuell essen sie auch hier.
Hier spielen die behinderten Kinder, und aktuell essen sie auch hier.

Afrikanische Wörter als Eisbrecher

Das Engagement für Südafrika verlangt Ausdauer, doch die Energie geht dem Grabser Paar nicht aus. Das liegt vor allem an den Menschen vor Ort. Um ihnen noch näher zu sein, versuchen die beiden, bei jedem Aufenthalt ein wenig Siswati zu lernen – die Sprache, die von der schwarzen Bevölkerung in der Region gesprochen wird.

Ein einfaches Unterfangen ist das nicht. «Es ist ziemlich schwierig», gibt Ruben Sutter lachend zu.

Aber ein paar Wörter wie ‹Grüezi› oder ‹Wie geht es dir?› klappen schon.

Für die Menschen in den Townships sei allein der Versuch ein riesiger Eisbrecher. «Sie freuen sich unglaublich, wenn man in ihrer Sprache mit ihnen redet», ergänzt Sandra Bachmann.

Wiedersehen mit den behinderten Kindern.
Wiedersehen mit den behinderten Kindern.

Es sind genau diese herzlichen Begegnungen, die das Paar immer wieder antreibt. Am Ende verändern die beiden mit ihrem Projekt nicht nur das Leben in den Townships – die Erlebnisse bereichern auch ihr eigenes.  Denn aus den Fremden von einst sind längst Freunde geworden. Und so investiert die Grabser Familie weiterhin jede freie Minute, um benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Familien  Schritt für Schritt den Weg in eine selbstständigere Zukunft zu ebnen.

Weitere Informationen: https://projekt-suedafrika.jimdoweb.com.

Spendenkonto des Vereins Projekt Südafrika
IBAN CH83 8080 8001 4776 9874 4