Revitalisierung und Windräder – ein Widerspruch | W&O

Sevelen vor 14 Stunden

Revitalisierung und Windräder – ein Widerspruch

Leserbriefautor Marc Rheiner befürchtet, dass ein Windpark in einem Gebiet, in dem sich die Natur gerade erst wieder zu erholen beginnt, Konflikte verursacht.

Von Marc Rheiner
aktualisiert vor 14 Stunden

Seit der Fertigstellung der Revitalisierung des Werdenberger Binnenkanals in Sevelen im Jahr 2024 hat sich das Gebiet ökologisch eindrücklich entwickelt. Wo einst ein monotoner, über 130 Jahre alter Kanal verlief, ist heute ein vielfältiger Lebensraum entstanden, der eine bemerkenswerte Artenvielfalt angezogen hat. Vögel, Amphibien, Fische und Insekten haben das neue Naturparadies rasch besiedelt – und auch seltene Gäste wie der Fischadler wurden bereits gesichtet. Die Natur hat die Erwartungen übertroffen.

Gleichzeitig ist das Gebiet zu einem wertvollen Naherholungsraum für die Bevölkerung geworden. In einer Zeit, in der Stress und Hektik den Alltag vieler Menschen prägen, sind naturnahe Orte zum Durchatmen rar und umso kostbarer. Ein Ort wie dieser – ruhig, naturnah, fussläufig erreichbar – ist kein Luxus, sondern ein echtes Gemeingut.

Genau deshalb erscheint es fragwürdig, ausgerechnet hier Windkraftanlagen zu planen. Niemand stellt den Wert erneuerbarer Energien in Frage. Doch nicht jeder Standort ist für jedes Projekt geeignet – und ein frisch revitalisiertes Natur- und Erholungsgebiet ist denkbar ungeeignet für Windräder. Sowohl «BirdLife Schweiz» als auch die Schweizerische Vogelwarte machen unmissverständlich klar: Das Kollisionsrisiko für Vögel hängt entscheidend vom Standort ab. Naturnahe Flächen ziehen mehr Tiere an – und erhöhen damit genau das Konfliktpotenzial, das man eigentlich vermeiden will.

Wer argumentiert, moderne Windräder seien kaum noch ein Risiko, greift zu kurz. Das Problem ist nicht allein die Technik, sondern ihre Wechselwirkung mit dem jeweiligen Ort. Ein Gebiet, das mit erheblichem Aufwand für Natur und Menschen zurückgewonnen wurde, durch Grossanlagen dauerhaft zu industrialisieren, ist kein Kompromiss – es ist ein Widerspruch in sich.

Die Frage ist deshalb nicht, ob Windenergie grundsätzlich sinnvoll ist. Die Frage ist, ob wir bereit sind, dort ehrlich abzuwägen, wo Natur-, Landschafts- und Erholungsschutz echte Güter sind – und nicht bloss Lippenbekenntnisse. Die Abstimmung zur Abstandsinitiative am 14. Juni bietet genau diese Gelegenheit. Sevelen verdient eine sorgfältige Abwägung.

Marc Rheiner, Arinstrasse 4a, 9475 Sevelen