Steine aus dem Weg räumen | W&O

Buchs vor 2 Stunden

Steine aus dem Weg räumen

Leserbriefschreiber Peter Sutter will den Verfassern des SVP-Bildungspapiers zur «Volkschulkrise» gerne Perspektive geben.

Von Peter Sutter
aktualisiert vor 2 Stunden
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Die Verfasser des SVP-Bildungspapiers zur «Krise der Volksschule» würde ich gerne einladen, einen Tag mit meiner afghanischen Gastfamilie zu verbringen. Sie würden zum Beispiel erfahren, dass das Persische, die Landessprache Afghanistans, eine der weltweit reichhaltigsten Sprachen ist und persische Dichter schon vor über tausend Jahren Bücher und Gedichte schrieben, die bis heute zu den berühmtesten Meisterwerken der Weltliteratur gehören. Oder zum Beispiel, dass noch heute in Afghanistan das Schreiben von Gedichten quer durch die ganze Bevölkerung, ob jung oder alt, etwas ganz Alltägliches ist.

Vermutlich würden meine SVP-Gäste von diesem Tag an nie mehr das Wort «bildungsfern» in den Mund nehmen, wenn sie über Menschen ausländischer Herkunft sprechen. Sie würden an diesem Tag auch erfahren, dass Sediqa oft schon um drei Uhr morgens aufsteht, um Deutsch zu lernen, weil sie sich dann besser konzentrieren kann als während des Tages, wenn die Kinder herumspringen. Und dass auch Ali bereits ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in der Schweiz so gut Deutsch sprach, dass ich es fast nicht glauben konnte – weil er jeden Tag und jeden Abend so lange geübt hatte, bis ihm buchstäblich die Augen zufielen. Und dass auch die beiden Buben schon ganz gute Deutschkenntnisse haben, weil der Papa und die Mama laufend das an sie weitergeben, was sie selber schon gelernt haben.

Wahrscheinlich kämen meine SVP-Gäste von diesem Tag an nie mehr auf die verrückte Idee, man sollte «Familien, die sich der sprachlichen Frühförderung ihrer Kinder widersetzen, bis hin zum Entzug der Aufenthaltsbewilligung sanktionieren» oder man sollte «Eltern, die wiederholt nicht mit der Schule kooperieren, des Landes verweisen.»

Vielleicht könnte man jetzt behaupten, meine afghanische Familie sei nur eine löbliche Ausnahme. Dies kann ich aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit als Oberstufenlehrer und meiner zahlreichen Kontakte mit Menschen ausländischer Herkunft ganz und gar nicht bestätigen. Immer und immer wieder kam und komme ich aus dem Staunen nicht heraus, wie gross das Wissen und der Bezug zu ihrer eigenen Geschichte und Kultur bei den allermeisten Menschen ausländischer Herkunft ist und wie beeindruckend die allermeisten von ihnen Werte wie Fürsorge, Gastfreundschaft und den familiären Zusammenhalt pflegen.

Wenn es beim Sprachenlernen hapert, in der Schule Konflikte auftreten, sich ausländische und einheimische Menschen fremd bleiben und sich gegenseitige Vorurteile bilden, so hat dies alles auch immer mit uns selber etwas zu tun. Wir können das Zusammenleben nur sinnvoll und positiv gestalten, wenn auch wir, die «Einheimischen», unseren Teil dazu beitragen, indem wir unsere Türen öffnen, statt sie zu verschliessen, indem wir Steine möglichst aus dem Weg räumen, statt sie in den Weg zu legen, indem wir den Menschen Vertrauen statt Misstrauen entgegenbringen und indem wir bereit sind, von ihnen genauso viel zu lernen, wie sie auch von uns lernen können.

Peter Sutter,
Wiedenstrasse 32, 9470 Buchs