«Und dann schrieb sie: ‹Ich bin jetzt bei einem Massai-Stamm›» | W&O

Grabs vor 52 Minuten

«Und dann schrieb sie: ‹Ich bin jetzt bei einem Massai-Stamm›»

Bea und This Isler erzählen, wie sie voller Sorge, Staunen und Stolz miterlebten, wie ihre Tochter Bettina in Afrika das Hilfswerk Maisha Mema aufbaute und eine Familie gründete.

Von Bea und This Isler
aktualisiert vor 43 Minuten

Manchmal müssen Eltern schon ziemlich tief durchatmen, wenn ihnen ihre Kinder Entschlüsse mitteilen. So war dies ein erstes Mal bei Bettina, als sie uns mitteilte, dass sie die Schweiz für längere Zeit verlassen werde, um in Afrika zu leben. Nicht, dass wir besonders begeistert gewesen wären, aber mitzureden gab es nicht mehr viel. Dann kamen erste Nachrichten per Natel: 

«Jetzt bin ich bei einem Massai-Stamm; sie haben für mich eine Ziege geschlachtet.»

«Nun bin ich im Dorf Bumilo angekommen und wohne bei einer alten Frau. Sie ist oft betrunken.»

«Da ist manchmal ein Waisenkind, um das sich kaum jemand kümmert. Meist schläft es in meinem Bett.» 

Das waren Meldungen, die uns nicht sonderlich zuversichtlich stimmten …

Auch wenig kann viel bewirken

Irgendwann musste bekannt geworden sein, dass diese Weisse eine Krankenschwester sei und auch Medikamente bei sich habe. So schrieb sie uns, dass am Morgen bereits einige Leute vor ihrem Haus sitzen würden, in der Hoffnung auf medizinische Hilfe. Natürlich versuchte sie zu helfen, und logischerweise sprach sich das herum. Die Reihe der Wartenden vergrösserte sich von Tag zu Tag. Es fehlte rasch an allem. Bettina war überfordert. Manchmal konnte sie keine Hilfe leisten, weil Medikamente ausgegangen waren, und sie musste Schwerkranke zurückweisen.

Als sie in die Schweiz zurückkam, um sich zu erholen, hofften wir ein wenig, sie habe vielleicht genug von dieser Herausforderung. Wir liessen uns dies nicht anmerken, sahen aber rasch: Da lagen wir falsch. Sie sammelte Medikamente, Verbandstoff, ärztliches Material und vor allem Geld. Auch kleine Beiträge können schliesslich recht viel ergeben. So flog sie schon bald wieder mit nahezu unvorstellbarem Übergepäck zurück nach Afrika, stets im Vertrauen, gutmütige Angestellte an der Waage vorzufinden. Das war nicht immer der Fall; dann musste das Problem anderweitig gelöst werden.

Vom Willen zu helfen nicht abzubringen

In Bumilo angekommen, wussten sofort alle Leute, dass Bettina wieder da war. Die Menge der Hilfesuchenden wuchs weiterhin an, die Mittelbeschaffung wurde noch anspruchsvoller. Aber eigentlich lag Bettinas Arbeit in einem Graubereich, segensreich in jedem Fall, rein rechtlich aber illegal. Sie eröffnete uns, dass ihr wohl nichts anderes übrig bleibe, als eine offizielle Krankenstation zu bauen. Wir rieten ihr davon ab, nannten alle Gründe dagegen. Doch offensichtlich hatte Bettina ihre Ziele vor Augen, davon liess sie sich nicht abbringen. Was kam, hat wohl alle überfordert: Bodenkauf, Bau der Krankenstation, Bewilligungsverfahren, Inventarkauf, Wassersuche.

Dann machte Bettina die Mitteilung, sie werde heiraten und eine Familie gründen.

Bald kam sie zurück in die Schweiz, um ihr erstes Kind hier zur Welt zu bringen. Ihr Mann David begleitete sie. Wir verbrachten eine schöne Zeit, Joshua wurde geboren, wir waren Grosseltern und damit auch sehr glücklich.

Bea und This Isler, die Eltern von Maisha-Mema-Gründerin Bettina Kuria-Isler.
Bea und This Isler, die Eltern von Maisha-Mema-Gründerin Bettina Kuria-Isler.
Bild: kuc / Montage: mt

Nach einigen Wochen begann Bettina wieder intensiv zu sammeln, packte erneut ihr unglaubliches Übergepäck zusammen und machte sich bereit für die Abreise. Als wir ihr und unserem Grosskind in Kloten ein letztes Mal zuwinkten, hatten wir Tränen in den Augen.

Bereits ein Jahr später kam Yana hier zur Welt, und der wiederkehrende Abschied fiel uns noch schwerer. Wie sollte Bettina das alles zusammen bewältigen können?

Sehr vieles ist seither geschehen. Bettina lebt teilweise in Nairobi, meistens in der inzwischen kleinen Siedlung der vor zehn Jahren gegründeten Maisha Mema Foundation, und kommt mit ihrer Familie auch manchmal in die Schweiz. Es ist enorm, was sie in den letzten Jahren geleistet hat: Die Krankenstation ist eine feste Grösse geworden, mit ihren Angestellten versorgt sie mehrere entlegene Dörfer medizinisch, es sind gute Arbeitsplätze entstanden, verstossene Frauen finden Zuflucht und einen sicheren Ort, behinderte Kinder erleben Aufmerksamkeit, Liebe und Freude, und seit ein paar Jahren dürfen viele Menschen stolz darauf sein, dank modernster gespendeter Brillen besser sehen zu können.

Afrikanerin in der Schweiz, Schweizerin in Afrika

Zwölf Jahre lebt Bettina nun schon in Afrika. Sie ist ein wenig eine Afrikanerin geworden, regt sich nicht sofort wegen Kleinigkeiten auf, neigt manchmal ganz leicht zu einer unschweizerischen Unpünktlichkeit, Chaos nervt sie weniger als uns, und sie hat eine grosse Zuversicht. In Afrika bleibt sie Schweizerin und versucht, eine gute Arbeitsmoral und einen respektvollen Umgang durchzusetzen. «Am Ende kommt es schon gut, und wenn es noch nicht gut ist, so ist es auch noch nicht zu Ende.» Noch immer sind wir Eltern regelmässig besorgter als sie.

Erfüllt von einem starken Glauben und Gönner, die dahinterstehen

Bettina besitzt einen starken Glauben, der ihr hilft, das anspruchsvolle Projekt weiterzuführen. Dieses kostet inzwischen sehr viel Geld. Aber es sind die Gönnerinnen und Gönner, die regelmässig Geld geben, welche das Überleben der Krankenstation sichern. Ebenso unverzichtbar sind all die vielen Leute, die sie regelmässig unterstützen. Sie bewirken insgesamt sehr viel, gerade auch, weil ihre Gaben von Herzen und mit Überzeugung geschenkt werden. Jeder kleine Beitrag kann vor Ort Grossartiges bewirken. Damit all diese Spenden eine segensreiche Wirkung erzielen können und eine echte Hilfe darstellen, hoffen wir, dass Bettina, ihre Familie, all ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Träger und Trägerinnen der Maisha Mema Foundation immer genug Kraft, Motivation, Fachwissen und Mitgefühl aufbringen können.

So bedanken wir Eltern uns bei allen, die Bettina in irgendeiner Weise helfen und sie unterstützen. Und wir sind dankbar, dass sich auch in Schwierigkeiten und Gefahren immer wieder eine gute Lösung ergibt.