Wenn Toleranz nur bis zum Kreuzzeichen reicht | W&O

Fussball vor 1 Stunde

Wenn Toleranz nur bis zum Kreuzzeichen reicht

Aus Sicht von Timon Hofmänner kippt der Gastbeitrag von Josef Hochstrasser in einen Generalverdacht gegenüber freikirchlicher Religiösität.

Von Timon Hofmänner
aktualisiert vor 1 Stunde

Gastbeitrag «Manzambi, Vargas und die Macht religiöser Gesten», Ausgabe vom 7. Juli

Josef Hochstrasser beginnt seinen Beitrag bemerkenswert liberal: Wer religiöse Gesten auf dem Fussballplatz verbieten wolle, müsse konsequent auch andere Manifestationen verbieten. Er zitiert sinngemäss den schönen Gedanken, dass man eine Meinung missbilligen und dennoch das Recht verteidigen kann, sie zu äussern. Genau deshalb reibt man sich beim Weiterlesen die Augen. Denn kaum ist dieses Plädoyer für Freiheit ausgesprochen, kippt der Text in einen Generalverdacht gegenüber freikirchlicher Religiösität. Plötzlich steht nicht mehr eine schlichte Geste von zwei Fussballern im Zentrum, sondern ein ganzes Milieu wird mit Begriffen wie «fundamentalistisch», «subtile Indoktrination» und «Love Bombing» aufgeladen. 

Das ist rhetorisch wirksam, aber sachlich unfair. Man kann über Freikirchen diskutieren. Man darf das ICF kritisieren. Man darf auch fragen, welches Gottesbild hinter sportlichen Dankesgesten steht. Aber wer aus einem Kreuzzeichen oder einem Kniefall nach einem Tor gleich eine problematische Botschaft an junge Fans konstruiert, betreibt keine differenzierte Religionskritik, sondern Misstrauenskultur. 

Besonders irritierend ist der doppelte Massstab: Politische Gesten von Fussballern werden grosszügig als Ausdruck dessen verstanden, «was ihnen wichtig ist». Religiöse Gesten hingegen scheinen sofort erklärungsbedürftig, verdächtig und potenziell gefährlich zu sein. Warum eigentlich? Ist ein politisches Bekenntnis automatisch reifer als ein religiöses? Oder ist in einer säkularen Gesellschaft nur jene Spiritualität willkommen, die möglichst unsichtbar bleibt? 

Als Christ stört mich nicht, dass Glaube kritisch hinterfragt wird. Im Gegenteil: Ein Glaube, der keine Fragen aushält, ist schwach. Was mich stört, ist die Karikatur. Wer evangelikale Christen pauschal als gedanklich enge Fundamentalisten beschreibt, macht es sich zu einfach. Auch unter ihnen gibt es viele kluge, selbstkritische, barmherzige und gesellschaftlich engagierte Menschen. Diese Differenzierung hätte besonders einem Theologen gut angestanden. Natürlich ist Gott nicht der zwölfte Mann einer Fussballmannschaft. Wer Gott für ein Tor dankt, muss nicht behaupten, Gott habe die gegnerische Mannschaft benachteiligt. Er kann damit schlicht ausdrücken: Mein Leben, meine Begabung und meine Freude verdanke ich nicht nur mir selbst. 

Man muss diese Haltung nicht teilen. Aber Hochstrasser könnte ihr zumindest mit derselben Grosszügigkeit begegnen, die er politischen Gesten zugesteht. Am Schluss zitiert Hochstrasser Paulus: «Prüft alles, das Gute behaltet!» Genau das wäre auch für seinen Beitrag ein guter Rat gewesen. Prüfen: ja. Pauschal verdächtigen: nein. Das Gute behalten: auch bei Christen, die ihren Glauben nicht in der Garderobe verstecken.

Timon Hofmänner, Churerstrasse 101, 9470 Buchs