Als ausdrücklicher Verfechter erneuerbarer Energien fällt es mir nicht leicht, Kritik zu üben. Doch seit 40 Jahren setze ich mich intensiv mit der Meteorologie und dem Windsystem im Rheintal auseinander. Ein Blick auf die offiziellen Messdaten der Station Vaduz (2023 bis Mai 2026) zeigt leider unmissverständlich, dass die hiesigen Windkraftpläne an den realen Gegebenheiten unseres Tals vorbeigeplant werden.
In rund 80 Prozent der Zeit folgt unser Wind einem rein thermischen Rhythmus (dem sogenannten Alpinen Pumpen): Tagsüber weht der Talwind im Durchschnitt mit 12 bis 18 km/h, nachts fällt er als schwacher Bergwind massiv auf magere 3 bis 7 km/h ab. Die Messdaten aus Vaduz geben für die Nacht somit einen Windabfall an, der im Schnitt extrem um das 2,5-Fache geringer ausfällt als am Tag. Die Windräder würden ihre Hauptleistung also genau dann erbringen, wenn tagsüber ohnehin die Sonne scheint und die Photovoltaikanlagen im Tal massenhaft Strom produzieren – ein Überangebot, das künftig noch durch den Ausbau von Solaranlagen zunehmen wird. Nachts hingegen, wenn das Netz die Unterstützung dringend bräuchte, herrscht weitgehend Flaute.
Dasselbe Problem zeigt sich bei grossen Schlechtwetterphasen: Weil dann die thermischen Unterschiede fehlen, brechen die Windwerte tagsüber fast genauso ein wie in der Nacht. Eine Ausnahme bleibt das Alpine Pumpen bei Bise oder nur regionalem Regen, weil der Grossteil der Ostschweiz dann noch Sonne hat.
Die einzigen Phasen, in denen der Wind nachts stark genug wäre, sind extreme Föhn- oder Sturmlagen. Doch genau bei solchen Wetterereignissen müssen stellenweise die Windkraftanlagen aus Sicherheitsgründen komplett abgeschaltet werden.
So sehr ich den Ausbau von Ökostrom unterstütze: Die harten Zahlen zeigen, dass uns die Windkraft im Rheintal aufgrund der lokalen Meteorologie genau dann im Stich lässt, wenn wir sie am dringendsten benötigen würden.
Hermann Lenherr, Bahnweg Süd 6, 9475 Sevelen
Windkraft im Rheintal: Produzieren die Anlagen am Bedarf vorbei?