Ihren Beruf übt Fitnesstrainerin Franziska Herren schon seit einigen Jahren nur noch nebenbei aus. Ihr politisches Engagement, es ist zur Hauptbeschäftigung der Bernerin geworden. Nach der Trinkwasserinitiative 2021, die den Pestizideinsatz massiv einschränken wollte, stimmt die Schweiz diesen September bereits über das zweite Volksbegehren ab, das Herren lanciert hat: die Ernährungsinitiative.
Die Initiative fordert eine Neuausrichtung der Landwirtschaft: weg von der Tierhaltung – mit dem Ziel, den Selbstversorgungsgrad der Schweiz auf 70 Prozent zu erhöhen (siehe Box). Stattdessen sollen wir, wenn es nach Franziska Herren geht, der Umwelt zuliebe mehr Gemüse, Linsen oder Tofu aus heimischer Produktion essen.
Frau Herren, wie oft landet Fleisch auf Ihrem Teller?
Ich bin seit meiner Kindheit Vegetarierin. Seit etwa 15 Jahren ernähre ich mich pflanzlich.
Würde Ihre Initiative angenommen, wäre beides tabu, behaupten die Gegner. Sie warnen vor einem «Vegan-Zwang».
Die sollten mal unseren Initiativtext lesen. Niemand will Fleisch verbieten. Das ist ein peinliches Argument.
Die Ernährungsinitiative verlangt aber, dass der Bund eine «vermehrt auf pflanzlichen Lebensmitteln basierende Ernährungsweise» fördert.
Ja, eben «vermehrt» und «fördert». Aber niemand wird gezwungen, sein Essverhalten anzupassen. Was wir fordern, ist eine Neuausrichtung der Subventionen. Das Ungleichgewicht ist riesig: Von den 3,6 Milliarden Franken Subventionen fördern heute drei Viertel die tierische Produktion.
Das liegt auch daran, dass zwei Drittel der Landwirtschaftsfläche Grasland ist. Da macht Tierhaltung nun mal am meisten Sinn.
Das Grasland soll auch weiterhin für die Produktion von Milch und Fleisch gebraucht werden. Zusätzlich nutzt die Landwirtschaft aber noch die Hälfte des wertvollen Ackerlands, um Futter für Nutztiere anzubauen. Wir könnten das zehnfache an Kalorien produzieren, würden wir dort mehr Getreide, Gemüse, pflanzliche Proteine direkt für die menschliche Ernährung anbauen. Das steigert die Selbstversorgung. Heute importieren wir 65 Prozent der pflanzlichen Lebensmittel, die wir essen. Und die Hälfte des Fleisches wird mit Importfutter hergestellt.
Ackerfläche stärker für menschliche Ernährung nutzen: Das ist bereits ein Ziel des Bundes, festgehalten in der Klimastrategie 2050. Braucht es Ihre Initiative überhaupt?
Der Bund hat sich viele Ziele gesetzt. Doch die müssen dann auch umgesetzt werden – und nicht erst bis 2050. Dafür sorgt die Initiative.
Mit der Initiative wollen Sie also Druck machen?
Ja. Unbedingt! Umweltminister Albert Rösti sagt, er habe «eine derartig heftige Hitze nicht erwartet», er sei überrascht. Doch vor 23 Jahren hatten wir schon einen solchen Hitzesommer wie heuer. 2015, 2018, 2019, 2022 und 2023 folgten weitere trockene Sommer. Doch bis heute fehlt der Schweiz eine nationale Strategie, um unsere Wasserversorgung im Klimawandel abzusichern. Niemand weiss, wie viel Wasser wir in den nächsten Wochen und Monaten zur Verfügung haben werden. Unsere Initiative wird für eine nationale Strategie sorgen. Denn ohne die kann der Bund sauberes Trinkwasser und das dafür nötige Grundwasser nicht sicherstellen, wie es die Initiative verlangt.
Darum gehts bei der Ernährungsinitiative
Die Ernährungsinitiative will einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent in die Verfassung schreiben. Das heisst: 70 Prozent der Lebensmittel, die in der Schweiz konsumiert werden, sollen auch hier produziert werden – inklusive Tierfutter. Um das zu erreichen, soll der Bund die pflanzliche Ernährung fördern und die Landwirtschaft danach ausrichten. Ausserdem schreibt die Initiative fest, dass der Bund für die Sicherung der Trinkwasserressourcen zuständig ist. Er soll namentlich sicherstellen, dass Umweltziele eingehalten werden, die man 2008 zum Schutz der Gewässer festgelegt hat. National- und Ständerat lehnen die Initiative einstimmig ab, auch der Bundesrat spricht sich klar dagegen aus. Der Bauernverband führt die Nein-Kampagne an.
Worum sorgen Sie sich mehr: um unsere Umwelt oder die Ernährungssicherheit?
Das kann man nicht trennen. Für eine sichere Ernährung brauchen wir fruchtbare Böden mit einer hohen Artenvielfalt und sauberes Trinkwasser. Gleichzeitig sind wir auf eine Landwirtschaft angewiesen, die mehr pflanzliche Lebensmittel produziert, um uns in Krisen besser versorgen zu können. Doch das ist nicht gewährleistet, wenn wir die Hälfte des Ackerlands für Futtermais nutzen und mit Pestiziden und durch zu viel Gülle aus einer mit Importfutter erhöhten Tierproduktion unsere Böden zerstören und Trinkwasser verschmutzen.
Heute beträgt der Selbstversorgungsgrad 42 Prozent. Der Bund will bis 2050 auf 50 Prozent zu kommen. Warum reicht das nicht?
In einem Krisenfall muss die Landwirtschaft in der Lage sein, innert eines Jahres die Bevölkerung aus eigenem Boden ernähren zu können. Das schreibt der Bund selbst vor. Dafür ist per Gesetz genügend Ackerland gesichert. Wenn 70 Prozent so unrealistisch sind, wie das jetzt alle behaupten, wie soll man dann im Ernstfall auf 100 Prozent kommen?
Wie sehr fürchten Sie ernsthaft ein solches Katastrophenszenario?
Durch die heutige Politik sind wir in keiner Weise auf Krisen vorbereitet. Das ist verantwortungslos.
Sagt die Schweiz Ja, hätte man gerade einmal zehn Jahre Zeit, die Initiative umzusetzen. Das wäre doch niemals zu schaffen - oder nur zu einem sehr hohen Preis.
Und was kostet es, wenn wir nicht vorbereitet sind? Im Hitzesommer 2003 musste die Schweizer Landwirtschaft wirtschaftliche Einbussen von rund 500 Millionen Franken hinnehmen.
Was konkret müsste der Bund denn tun?
Er muss die seit Jahren geforderte nationale Wasserstrategie umsetzen. Um 70% Selbstversorgung anzustreben, muss er pflanzliche Lebensmittel fördern und den Foodwaste reduzieren: Würden halb so viele Lebensmittel im Abfall landen wie heute, könnte man damit 1,8 Millionen Menschen mehr ernähren.
So einfach ist das doch nicht. Ein Bauer kann nicht einfach von heute auf morgen von der Rinderzucht auf die Linsenproduktion umsteigen.
10 Jahre ist nicht von heute auf morgen. Auf Ackerland können in der nächsten Saison statt Futter Getreide und Hülsenfrüchte für die Menschen angebaut werden. Der Markt dafür ist da. Bei dieser Umstellung sollen Subventionen, Bildung und Grenzschutz den Betrieben helfen. Dann werden Plakate auch Hülsenfrüchte bewerben - statt nur «tsch, tsch»-Grillfleisch.
Können Sie den Widerstand der Bauern gar nicht nachvollziehen?
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Bauern vehement gegen die Initiative sind. Durch mehr Selbstversorgung erhalten auch die Bauern mehr Sicherheit und durch die Förderung von pflanzlichen Lebensmitteln neue Marktchancen und Einnahmequellen. Gestern bekam ich einen Brief von einem Bauern. Er schrieb: «Ich schätze Sie sehr. Kämpfen Sie weiter».
Vor fünf Jahren hat die Bevölkerung deutlich Nein gesagt zu Ihrer Trinkwasserinitiative. Was trieb und treibt Sie an, sich erneut mit der Bauernlobby anzulegen?
Schon kurz nach der Abstimmung hat man begonnen, die Versprechen zu verwässern, die man im Abstimmungskampf gemacht hat. Man nutzte den Ukraine-Krieg, um eine noch intensivere von Pestiziden abhängige Produktion zu rechtfertigen und die Tierproduktion weiter zu intensivieren. Ich bin entsetzt, wozu die Landwirtschaftspolitik fähig ist. Wir erleben gerade, wo das hinführt. Mit der Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung» können wir jetzt eingreifen.
Bei der Trinkwasserinitiative hatten Sie Support von linken Parteien und Umweltorganisationen. Dieser fehlt jetzt komplett. Einstige Verbündete zogen sich zurück. Man wirft ihnen vor, zu ideologisch zu sein.
Nichts an mir ist ideologisch. Die Initiative für eine sichere Ernährung, deren Unterschriftensammlung auch von Umweltorganisationen unterstützt wurde – führt erstmals dazu, dass unsere Landwirtschaft auf Krisen vorbereitet ist, unsere Wasserversorgung abgesichert und dabei die Klima- und Umweltziele erreicht werden können.
Wer politisch Erfolg haben will, muss Kompromisse eingehen.
Mir wurde nie ein Kompromissvorschlag vorgelegt.
Woher haben Sie die finanziellen Mittel, so ganz ohne Partei im Rücken?
Hinter der Initiative steht der Verein Sauberes Trinkwasser für alle. Wir finanzieren uns durch Mitgliederbeiträge und Spenden, von Privaten und Stiftungen.
Wie gross ist das Kampagnenbudget?
Uns stehen im Moment 650'000 Franken zur Verfügung.
Was, wenn am 27. September die zweite Niederlage folgt? Haben Sie dann eine dritte Initiative in petto?
Was dann kommt, wird sich weisen. Was ich weiss: Ich bin nicht geboren worden, um einfach zuzuschauen, wie wir unsere Erde, die uns ernährt, zerstören.
Initiantin der Ernährungsinitiative: «Ich bin entsetzt, wozu unsere Politik fähig ist»