«So wahnsinnig muss man einfach sein»: Diese Familie gibt Tieren einen Platz bis ans Lebensende | W&O

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Weite vor 13 Stunden

«So wahnsinnig muss man einfach sein»: Diese Familie gibt Tieren einen Platz bis ans Lebensende

Die Familie Muster betreibt seit vielen Jahren mit grosser Hingabe den Kleinen Gnadenhof.

Von Armando Bianco
aktualisiert vor 9 Stunden

Der Kleine Gnadenhof liegt am Ende des Gufelwegs, etwas versteckt, aber nicht abseits der Welt. Ein idyllisches Fleckchen Erde, wild verwachsen und doch gepflegt, mit drei Menschen, die einen zufriedenen Eindruck machen. Hermann und Claudia Muster und ihre Tochter Kerstin Muster könnten sich ob all dem Tierleid, das sie schon gesehen und erlebt haben, wohl in Rage reden. Doch der Friede, den sie hier gefunden haben, steht eindeutig im Vordergrund.

Offiziell gibt es den Kleinen Gnadenhof, der sich um Tiere in Not kümmert, seit dem Jahr 2012. Die Stallungen und Unterkünfte hat die Familie Muster aus eigener Kraft und mit eigenen finanziellen Mitteln, andererseits aber auch mit Unterstützung aus der Öffentlichkeit aufgebaut. Noch heute schwärmen sie von einem einwöchigen Projekt mit 40 Lehrlingen der Firma Hoval (Vaduz) und unter der Regie von Thomas Graf aus Sevelen, bekannt als Kopf der erfolgreichen Mundart-Rockband Megawatt.

Für ein Dasein in Würde – bis ans Lebensende

Entstanden ist dieser Ort aus einer Philosophie, welche Hermann und Claudia Muster schon seit Jahrzehnten in sich tragen und Tag für Tag umsetzen: Sie helfen Tieren, die keinen Platz mehr haben, die auf der Schlachtbank landen würden, die Misshandlung erlebt haben. Sie schenken diesen Tieren ein Leben in Würde. In der Regel bleiben sie bis an ihr Lebensende hier.

«Wir haben Pferde, Ponys, Schafe, Geissen, Enten, Hühner, Lamas, Katzen und Hunde», sagt Hermann Muster. Seine freundlichen Augen und seine humorvolle Art stechen in der Runde heraus. Er ist ein überaus geerdeter Mensch und hatte schon immer Tiere an seiner Seite, auch ungewöhnliche – er zählt unter anderem Waschbär und Stachelschwein auf.

Quasi zum Inventar des Gnadenhofs gehört auch ein 31-jähriges Pferd, Mr. Bean. Er stand ganz am Anfang der Geschichte, war in einem jämmerlich schlechten Zustand, mehrere Lungenabszesse schwersten Grades. Er war quasi dem Tod geweiht. Mit viel Aufwand und Liebe hat sich die Familie darum gekümmert, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Das kostete sie viel Kraft. Und Geld. Doch das, was das Pferd ihnen in der Zwischenzeit zurückgegeben hat, ist viel mehr. 

«Letztlich hat uns dieser Fall exemplarisch gezeigt, dass man viel erreichen kann, wenn man den Drang danach hat», sagt Kerstin Muster. Als Jüngste im Bunde ist ihr die unverbrauchte Leidenschaft für das Wohl der Tiere anzumerken. Sie ist Idealistin, sei die Herausforderung noch so gross.

«Wir können natürlich nicht alle Tiere aufnehmen»

Über all die Jahre hinweg wurden es immer mehr Tiere auf dem Gnadenhof, was der Opferbereitschaft aller geschuldet ist. «Wir ziehen unsere Kraft aus dem, was uns die Tiere an Dankbarkeit und Vertrauen mitbringen», sagt Claudia Muster. Aus ihren Schilderungen hört man unbändigen Willen, der ihr nie abhandenzukommen scheint, trotz vieler emotionaler Herausforderungen. Geht es um Tiere, geht es stets auch um Emotionen.

Kerstin Muster und das 31-jährige Pferd Mr. Bean
Kerstin Muster und das 31-jährige Pferd Mr. Bean
Armando Bianco

Und wie kommen die Tiere auf den Gnadenhof? «Das Telefon klingelt oft. Uns rufen Menschen an, die mit ihren Tieren oder gar mit sich selber in Notsituationen sind», erklärt Kerstin Muster. Manchmal wird der Gnadenhof vom Tierschutzbeauftragen oder dem Veterinäramt um Hilfe gebeten.

«Wir können natürlich nicht alle Tiere aufnehmen, vom Platz her sind uns Grenzen gesetzt. Ein ‹Nein› gibt es bei uns aber nie, wir bieten zumindest unsere Hilfe in Form von Vermittlung an», ergänzt Claudia Muster. Gerade erst vor ein paar Tagen sind fünf Hennen hinzugekommen. 

90 Prozent der Aufwände für die Tiere finanziere man mit den eigenen Einkommen. Manchmal ist die Finanzierung für ein Tier von aussen gesichert ist, das ist aber die Seltenheit. Auf dem Gnadenhof befindet sich aktuell ein einziges solches Tier, eine Geiss.

Andere gehen ans Meer, sie füllen den Heustock auf

«Einen Gnadenhof zu betreiben ist längst kein Hobby. Man muss schon sehr begeistert sein, um das hier zu machen», sagt Hermann Muster. Seine Frau wirft mit einem Lachen hinterher:

Manchmal grenzt es fast schon an Dummheit.

Das Geld, welches andere Menschen in Ferien am Meer stecken, wandert bei der Familie Muster direkt ins Auffüllen des Heustocks, das als eines von vielen Beispielen.

Woher stammt die enorme Leidenschaft, die sie alle in sich tragen? Die Antwort von Hermann Muster kommt wie aus der Pistole geschossen: «So wahnsinnig muss man einfach sein, das kann man nicht werden.» Alle lachen. Dass es wohl Menschen gibt, die sie für Spinner halten («die gibt es ganz bestimmt»), ist für ihn deshalb schon fast ein Kompliment.

Jemand von der Familie ist immer auf dem Gnadenhof anwesend, damit die Tiere nicht allein sind. Er ist das Zentrum ihres Lebens. «Sieben Tage die Woche, 365 im Jahr. Ohne Kompromisse», so Hermann Muster. Denn: Sind die Tiere glücklich, sind auch die Musters glücklich.

Infos: facebook.com/kleinergnadenhof/ und Tel. 079 476 76 75 (Hermann Muster). IBAN für Spenden: VP Bank, Vaduz, LI28 0880 5502 6124 2000 3.

Am 25. Juli wird ab 13 Uhr ein Pflanzen-Bingo veranstaltet, der Erlös kommt dem Gnadenhof zugute.  Anmeldung bis 18. Juli ist erwünscht unter 079 910 92 97.