Immer mehr Kinder erhalten aufgrund einer spezifischen Lernschwäche einen sogenannten «Nachteilsausgleich». Das heisst, dass ihnen in den Prüfungen gewisse Erleichterungen gewährt werden. Zum Beispiel bekommen sie mehr Zeit. Oder sie dürfen gewisse Hilfsmittel wie einen Taschenrechner benützen. Oder sie dürfen einen separaten Raum in Anspruch nehmen, um nicht abgelenkt zu werden.
Was ursprünglich – im Sinne von Chancengleichheit – gut gemeint war, droht nun immer mehr auszuarten. Mittlerweile gibt es Klassen, in denen bereits bis zu zehn Prozent der Kinder einen Nachteilsausgleich haben, Tendenz steigend. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in jeder Klasse mehr als die Hälfte und irgendwann vielleicht sogar sämtliche Schülerinnen und Schüler über einen Nachteilsausgleich verfügen.
Der Run auf die Nachteilsausgleiche ist verständlich: Sie verhelfen dem Kind zu besseren Noten, unabhängig davon, wie gravierend seine spezifischen «Lernschwächen» tatsächlich sind. Das Problem ist, dass es vor allem Eltern aus privilegierten und akademischen Kreisen sind, welche für ihre Kinder einen Nachteilsausgleich erwirken können, erstens, weil sie besser informiert sind, zweitens, weil sie genug Geld haben für die nötigen ärztlichen Abklärungen. Somit werden ausgerechnet jene Kinder, deren Schulerfolg aufgrund ihrer sozialen Herkunft ohnehin schon geschmälert ist, zusätzlich benachteiligt. Die Idee der «Chancengleichheit» verkehrt sich ins Gegenteil.
Ein weiteres Problem ist die Überforderung der Lehrkräfte. Bei jedem Kind zu kontrollieren, ob der individuelle Nachteilsausgleich gewährt und auch eingehalten wird, bedeutet einen riesigen Mehraufwand. Zudem erzeugen Nachteilsausgleiche tendenziell zwischen den Kindern Neid und Missgunst: Ein Kind, das unter einer bestimmten Lernschwäche leidet, aber keinen Nachteilsausgleich bekommen hat, weil seine Eltern vielleicht nicht einmal wissen, dass es so etwas gibt, wird kaum verstehen, weshalb eine Mitschülerin mit der genau gleichen Lernschwäche bevorzugt behandelt wird.
Statt Nachteilsausgleichen, die nur wieder neue Ungerechtigkeiten schaffen, wäre es wohl sinnvoller, sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen. Warum kann man nicht allen Kindern genug Zeit geben, um ihre Prüfungen zu absolvieren? Sind Prüfungen, bei denen Dinge auswendig gelernt werden müssen, die man fürs Leben gar nicht braucht und die man nach kurzer Zeit sowieso wieder vergisst, überhaupt sinnvoll? Führt Lernen aufgrund echter Motivation nicht automatisch zu genug nachhaltigen Ergebnissen, sodass es am Ende gar nicht mehr nötig sein müsste, diese in Form von Prüfungen zu messen und zu bewerten?
Alle Kinder lernen ihre Muttersprache in den ersten Lebensjahren, die vielleicht grösste Lernleistung, die ein Mensch im Verlaufe seines Lebens vollbringt – ohne eine einzige Prüfung, ohne Noten, ohne «Nachteilsausgleiche» und dennoch – oder gerade deshalb – so erfolgreich, dass sie das, was sie gelernt haben, zeitlebens nie mehr vergessen werden.
Peter Sutter, Wiedenstrasse 32, 9470 Buchs
Nachteilsausgleiche: Ein Fass ohne Boden