Leserbrief «Für Dialog statt Eskalation», Ausgabe vom 6. Mai
Mit dem Auftritt von US-Blogger Curtis Yarvin leistet die Universität St.Gallen einer gefährlichen politischen Entwicklung Vorschub. Yarvin ist kein harmloser «Querdenker» und kein missverstandener Intellektueller. Er propagiert offen antidemokratische Ideen, verhöhnt Gleichheit und soziale Teilhabe und träumt von einer autoritär geführten Gesellschaft, in der politische Mitsprache einer kleinen Elite vorbehalten bleibt.
Dass eine renommierte Schweizer Universität einer solchen Figur eine Bühne bietet, ist nicht Ausdruck mutiger Debattenkultur, sondern politischer Verantwortungslosigkeit. Unter dem Deckmantel der «Offenheit» werden Positionen salonfähig gemacht, die demokratische Grundrechte und soziale Errungenschaften verachten.
Die HSG bildet einen grossen Teil der wirtschaftlichen und politischen Elite dieses Landes aus. Gerade deshalb wäre demokratische Verantwortung gefragt. Demokratie verteidigt sich nicht von selbst. Sie wird geschwächt, wenn Institutionen beginnen, ihre Gegner als bloss «kontroverse Stimmen» zu behandeln.
Gerne beziehe ich mich auf den Leserbrief von Ratskollege Peter Gabathuler, der sich in diesem Zusammenhang für Dialog statt Eskalation ausspricht. Dem kann ich grundsätzlich zustimmen: Eine demokratische Gesellschaft lebt vom offenen Austausch und von der Fähigkeit, politische Differenzen argumentativ auszutragen.
Ebenso klar ist für mich aber: Gewalt, Sachbeschädigungen und Ausschreitungen – wie sie leider an einzelnen wenigen 1.-Mai-Demonstrationen vorkommen – sind klar abzulehnen. Sie schaden legitimen sozialen und politischen Anliegen und liefern jenen Munition, die progressive Bewegungen pauschal diskreditieren wollen.
Ich erinnere daran, dass es schon früher Akteure gab, denen es nie um Dialog ging, sondern um bewusste Stimmungsmache und destruktive Einflussnahme auf bewilligte Demonstrationen. Nicht selten waren damals wie heute auch rechtsorientierte Kreise beteiligt, die gezielt Negativschlagzeilen provozieren wollten, um gesellschaftliche Spannungen anzuheizen und progressive Anliegen zu delegitimieren.
Gerade deshalb braucht es eine ehrliche Debatte über politische Verantwortung. Wer autoritären und antidemokratischen Ideologen öffentliche Bühnen bietet, darf sich nicht gleichzeitig über gesellschaftliche Polarisierung beklagen.
Katrin Schulthess, SP-Kantonsrätin, Fabrikstrasse 28, 9472 Grabs
Verfehlter Auftritt des US-Bloggers Curtis Yarvin am St.Galler Symposium